The New Elvin Jones Trio - Puttin' it Together

Veröffentlicht am 18. September 2026 um 23:58

 

The New Elvin Jones Trio – Puttin’ it Together

Blue Note BST 84282; 04/1968; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Duke Pearson

Elvin Jones – ds; Joe Farrell – ts, ss, fl; Jimmy Garrison – b..



Side A:

1) Reza

2) Sweet Little Maia

3) Kei Ko’s Birthday March



Side B:

1) Village Greene

2) Jay-Ree

3) For Heaven’s Sake

4) Ginger Bread Boy

 

Die späten 1960er markieren das Ende des Zeitfensters, in dem der berühmte NJF-Blog operiert. Zeiten ändern sich und Kunst reagiert auf die Veränderungen, so auch der Jazz. Das Wort war ja schon zu seinen besten Zeiten umstritten, aber Ende der 60er zerfiel die Vorstellung vom Jazz als einer einheitlichen stilistischen Kategorie; durch die zunehmende Fragmentierung in Subgenres gab es einen Mainstream im eigentlichen Sinne nicht mehr, sondern eher zahllose Seitenarme. Miles Davis hatte mit seinen Gruppen die Musik elektrisiert, ihr Zutaten aus Rock und Funk beigemischt, Hammond-basierter Soul-Jazz passte zum Geist der Zeit, selbst die Riege der schwer vermarktbaren Abenteurer aus dem Free Jazz war kräftig gewachsen, mit Leuten wie Archie Shepp, Pharoah Sanders und Albert Ayler.

 

Auch an Blue Note war die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Alfred Lion hatte 1966 seine letzte Aufnahme für das Label produziert und sich 1967 endgültig aus dem Geschäft zurückgezogen. Designer Reid Miles warf kurz darauf das Handtuch und ging nach Kalifornien, wo er seine eigene Design-Company gründete. Vom alten Team blieben Francis Wolff und der musikalische Direktor Duke Pearson, die sich die Produktionsarbeit für das Label teilten, und Rudy van Gelder kümmerte sich nach wie vor um den Klang.

 

Im Labelkatalog der ausgehenden 1960er findet man eine bunte Mischung von Stilen. Es gab einerseits den massenkompatiblen, club-tauglichen Jazz von Leuten wie Lou Donaldson, Big John Patton und Stanley Turrentine, andererseits härtere Kost von Jackie McLean oder Ornette Coleman. Aber eben zwischendurch auch immer wieder Platten, die noch von einem starken improvisatorischen Geist durchdrungen sind, ohne gleich alle Strukturen und Konventionen aufbrechen und den Hörer hilflos zurücklassen zu müssen.

 

Zu dieser Sorte gehört Puttin’ it Together des New Elvin Jones Trio. Jones hatte nach seiner Zeit bei Coltrane als begehrter Free-Lancer mit einer Reihe von Leuten von Freddie Hubbard bis Ornette Coleman gearbeitet, aber sporadisch auch eigene Ensembles geleitet – allerdings noch kein eigenes Trio ohne Harmonieinstrument. Mit dem Konzept an sich hatte er jedoch schon gute Erfahrungen gemacht: Jones war Teil der pianolosen Trios von Sonny Rollins, die zehn Jahre zuvor die legendären Aufnahmen im Village Vanguard eingespielt hatten.

 

Auf Puttin’ it Together spielt Jones erstmals unter eigenem Namen ohne Harmonieinstrument. Begleitet wird er dabei von Bassist Jimmy Garrison, seinem alten Kollegen bei Coltrane, und vom vielseitigen Multiinstrumentalisten Joe Farrell, einem begehrten Sideman der New Yorker Szene. 

 

Vielleicht ein paar Worte zu ihm, da er in diesem Rahmen der unbekannteste Musiker ist: Wie Coltrane spielte auch Farrell sowohl Tenor- als Sopransaxofon, dazu verschiedene Flöten. Ich habe hier bewusst den Bezug zu Coltrane hergestellt, weil man seinen Einfluss bei Farrell relativ deutlich hören kann, aber das ist nicht abwertend gemeint. Wie Charlie Parker zehn Jahre zuvor so gut wie jeden Altsaxofonisten beeinflusste, setzte auch Coltrane neue expressive Maßstäbe, an denen sich nachfolgende Musiker orientierten.

 

Kleine Randnotiz: Als junger Mensch wollte ich E-Bass spielen. Als Lehrwerk diente mir das Buch Bass Guitar von Jim Gregory und Harvey Vinson. Darin empfehlen die beiden dem Adepten, zwecks kontinuierlicher Weiterbildung doch einmal bei verschiedenen Bassisten reinzuhören – und einer davon war Jimmy Garrison. Den kannte ich damals nicht, ich war eher in Rock und Blues zu Hause, aber heute weiß ich, warum. Garrison hatte als Hard Bopper mit Leuten wie Kenny Dorham und Curtis Fuller angefangen, dann aber als Teil von Coltranes Band freiere Gewässer besegelt und nie mehr zurückgeschaut. Er hatte eine exzellente Technik und Intonation und konnte in Soli lange Spannungsbögen aufbauen. Besonders gut hört man das auf einigen Live-Aufnahmen des John Coltrane Quartetts, aber auch hier bekommt er seine Momente.

 

*****

 

Zur Musik. Die Platte startet mit Reza gleich mal fulminant durch. Jones und Garrison legen einen latinesken Beat hin, Farrells Tenorsax stellt das Thema vor. Farrell hatte einen starken Ton und, wie oben schon angedeutet, bei Coltrane gut zugehört, aber er war kein Epigone. Auf Reza klingt er in seinem langen Solo wesensverwandt, ihm fehlt jedoch der messianische Drive, sodass er dreckiger, kantiger wirkt – wie Tranes ungewaschener Bruder.

 

Man muss Puttin’ it Together attestieren, eine ziemlich abwechslungsreiche Mischung von Tempi und Stimmungen zu bieten. Nach der Tour de Force von Reza ist auf Jimmy Garrisons Sweet Little Maia Entspannung angesagt. Farrell und Garrison stellen das Thema unisono auf Sopran und Bass vor, wobei man die sichere Intonation von Garrison bewundern darf. Bis Coltrane kam, hielt ich das Sopransaxofon für ungenießbar, dann wurde ich eines Besseren belehrt. Hier ist es genauso, Farrell evoziert auf dem Sopransaxofon die Rufe exotischer Vögel und ich höre ihm dabei wirklich gerne zu. Das Highlight des Stückes ist allerdings Garrisons langes, moll-lastiges Solo, auf dem er Single-Note-Linien mit seinen typischen Double Stops würzt.

 

Den Abschluss auf Seite 1 macht ein Titel, der glatt zehn Jahre zurückreicht, in die Blütezeit des Hard Bop: Die Elvin-Jones-Nummer Keiko’s Birthday March ist Freunden des Blogs schon einmal begegnet, nämlich unter dem Namen The Long Two-Four auf dem Live-Album 10 to 4 at the 5-Spot des Baritonsaxofonisten Pepper Adams. Auch damals saß Elvin Jones am Schlagzeug, allerdings wird Donald Byrd als Komponist gelistet. Wie auch immer. Bei dem Titel handelt es sich um einen wirklich extrem eingängigen Jazz-Marsch mit Gassenhauer-Qualitäten: hast du sie einmal gehört, wirst du die Melodie nie mehr vergessen. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Keiko’s Birthday March ist allerdings Farrells cutes Spiel auf der Piccolo-Flöte, kein Witz. Die Frontline aus Trompete und Baritonsax verlieh The Long Two-Four eine gewisse harmonische Wucht, da kann die vergleichsweise masselose Piccolo-Föte natürlich nicht mithalten. Aber dafür schafft sie eine bezaubernde, lichtdurchflutete Stimmung, die den an sich etwas schweren Marschrhythmus aufhellt. Ich bin in der Hinsicht kein Experte, aber ich habe den Eindruck, dass Farrells Fötenspiel mehr ist, als nur ein Gimmick. Er scheint hier definitiv mit einer anderen Stimme zu spechen, als auf dem Tenorsax – leichter, verspielter. Doch das Stück gehört Elvin Jones. Er bekommt ein langes Solo und treibt auch sonst seine Neigung, auf dem Schlagzeug Kommentare zur Musik der Bandgenossen zu liefern, auf die Spitze. Sein Spiel hält den Beat, ist aber durchwirkt von Schlenkern, Breaks und Synkopen auf Bass Drum und Toms.

 

*****

 

William Greenes Village Green und Joe Farrells Jay-Ree evozieren, noch stärker als die Titel auf Seite 1, den Geist von John Coltrane aus der Zeit von Giant Steps. Beide sind energetische Swinger im Stile von Giant Steps oder Cousin Mary. Farrell bläst lange kraftvolle Linien auf dem Tenorsax zwischen sehniger Eleganz und überblasener Ekstase, während Garrison stoisch walkt und Jones dahinter auf seinem Schlagzeug einen wahren Mahlstrom entfesselt, besonders auf Village Green. Auf dem noch schnelleren Jay-Ree dagegen… hält er sich nicht gerade zurück, aber swingt relativ konventionell, mehr auf die Cymbals fokussiert, dennoch liegt die Betonung auf relativ. Verglichen mit anderen Drummern gibt es auch auf Jay-Ree rhythmische Eruptionen von tektonischer Wucht.

 

Da tut das liebliche For Heaven’s Sake, sanft geführt von Farrells Flöte, als strategisch platzierter Downer ganz gut. Farrell ist der einzige Solist. Anfangs wird er allein unterstützt von Garrisons gestrichenem Bass, später setzt Jones mit Besen ein und zeigt mal wieder, dass er auch vollkommen zurückhaltend spielen konnte. Nebenbei: Liebhaber von einfallsreichem Bassspiel auf Balladen kommen hier bei Garrison voll auf ihre Kosten, der ständig seine Linien variiert, ohne aber jemals seinen eigentlichen Job als Teil der Rhythmusgruppe zu vernachlässigen.

 

Zum Schluss gibt’s dann bei Jimmy Heaths Ginger Bread Boy noch mal einen auf die Zwölf. Getragen wird diese absolut modern klingende Interpretation allerdings von einem Rhythmus, der ein wenig an spektakuläre Drum Features aus der Swing-Ära erinnert, dazu spielt Garrison eine riff-artige Figur mit Double Stops, während Farrell auf dem Tenor das leicht abgehackte Thema bläst. Es entsteht der Eindruck von Start/Stop – der Ginger Bread Boy scheint mal loszustürmen, mal kurz innezuhalten, bevor es während der Soli (alle kommen zu Wort) in einen straighten Uptempo-Swing geht.

 

Fazit: Auch in den späten 1960ern, im Zeitalter von Rock- und Soul-Jazz, gab es hier und da noch den unkontaminierten Stoff für echte Aficionados. Das pianolose Puttin’ it Together ist ein exzellentes Beispiel für packenden, modernen Jazz von einer hervorragend eingespielten und bestens aufgelegten Band.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Satt und kraftvoll wie die Musik. Saxofone und Bass haben echten Body und die Drums richtig Schmackes. Aufgrund ihrer ätherischen Natur kann man bei den Flöten von Body nicht reden, aber auch sie klingen niemals schrill. Nicht so luftig wie manche früheren van Gelders, aber ich liebe diesen vollfetten Klang.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Kaum zu glauben, aber wahr – im Spätsommer 2026 gibt es tatsächlich eine aktuelle Ausgabe im Rahmen von Blue Notes Classic Vinyl Edition. Um die 30 €.



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