Gigi Gryce and the Jazz Lab Quintet

Veröffentlicht am 9. September 2026 um 23:14

 

Gigi Gryce and the Jazz Lab Quintet

Riverside RLP 12-229; 03/1957 (Jazz Workshop JW-081); Engineer: Jack Higgins; Producer: Orrin Keepnews

Donald Byrd – tp; Gigi Gryce – as; Wade Legge – p; Wendell Marshall – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) Love for Sale

2) Minority

3) Straight Ahead (mono)

 

Side B:

1) Geraldine

2) Zing! Went the Strings of My Heart

3) Wake Up!



Der Altsaxofonist und Arrangeuer Gigi Gryce ist uns auf NJF bereits zweimal begegnet, und beide Male im Zusammenhang mit Thelonious Monk. Während er auf Monk’s Music als reiner Sideman agierte, war er zumindest auf der ersten Seite von Nica’s Tempo Leader und Arrangeur eines Oktetts. Bis Mitte der 1950er hatte man ihn eher als Sideman oder, noch häufiger, als Arrangeur erlebt, aber Nica’s Tempo leitete eine mehrjährige Phase von Leader- oder Co-Leader-Aktivitäten ein, bevor Gryce die Jazz-Szene in den frühen 1960ern für immer verließ.

 

Zu Beginn des Jahres 1957 hatte Gryce gemeinsam mit dem Trompeter Donald Byrd ein Ensemble gegründet, eine wechselnd besetzte Gruppe um die musikalische Achse Gryce-Byrd, das Jazz Lab. Dessen Ziel es war, „alle Aspekte des modernen Jazz zu erkunden – Standards, Originals, Blues … alles, was sich mit Jazzgefühl durchdringen und verwandeln lässt“, aber ohne dabei „ausschließlich experimentell ausgerichtet zu sein.“ 1

 

Geplant war das Jazz Lab als feste, hochprofessionelle Tournee- und Aufnahmeband. Gryce und Byrd waren Brüder im Geiste: beide akademisch ausgebildete Musiker ohne Laster, diszipliniert, arbeitsbesessen und mit einem ausgeprägten Sinn für musikalische Organisation. Wie oben bereits angedeutet, war der Name Jazz Lab nicht zufällig gewählt – Gryce und Byrd wollten einen Hard Bop spielen, der die üblichen improvisatorischen Freiheiten bot und gleichzeitig einen unüblich hohen musikalischen Anspruch hatte. Das Ergebnis waren akribisch ausgefeilte Arrangements mit ungewöhnlichen oder wechselnden Taktarten und neuartigen Harmonien, für die die Musiker detaillierte Partituren erhielten. Letztendlich sollte auch das Jazz Lab keine Institution von Dauer bleiben, aber 1957 war ein Jahr fieberhafter Aktivität mit dreizehn Aufnahmesessions für insgesamt fünf (!) verschiedene Labels. Die hier besprochenen Sessions für Riverside mit einem Quintett gehörten zu den frühesten und folgten auf Nonett-Aufnahmen für Columbia.

 

Im Grunde ist Jazz Lab eine etwas irreführende Bezeichnung. Die Musik ist für den unvorbereiteten Hörer nicht bedrohlicher als die fünf lächelnden Herren auf dem Cover, das einzig wirkliche Zugeständnis an echten Experimentiergeist ist der Erlenmeyerkolben links. Dennoch passt das Artwork auch in diesem Fall zur Musik auf der Platte, denn beide sind gekennzeichnet durch eine unkalkuliert wirkende Freundlichkeit.

 

Wir bekommen sechs Stücke: Minority, Straight Ahead und Wake Up! sind von Gryce, obwohl der hier zweimal unter dem Pseudonym Lee Sears auftritt – ein kleiner Trick, um sich gegen die ausbeuterischen Praktiken der Musikindustrie zu wehren. Geraldine ist von Pianist Legge, dazu gibt es mit Love for Sale und dem selten gespielten Zing! Went the Strings of My Heart zwei Standards.

 

Und gerade auf den Standards löst die Band das Versprechen musikalischer Experimente noch am ehesten ein. Love for Sale besitzt ein cleveres Arrangement mit einem Head im 6/8-Takt und individueller Stimmenführung für jedes Instrument. Besonders der 6/8-Takt (der während der Soli in einen Uptempo-Swing übergeht) ist im ersten Moment ungewohnt, klingt aber nach einigen Durchgängen erstaunlich natürlich. Das fast übertrieben zuversichtliche Zing! Went the Strings of My Heart, ein weiterer Uptempo-Burner, erfährt die gleiche Behandlung. Auch hier wird das Thema zunächst über einen 6/8-Takt gespielt, die Soli dagegen schwingen locker im 4/4. Kleine Randnotiz: Gryce mag für seine Arrangements bekannt gewesen sein, aber ausgerechnet diese beiden Standards, die sicher zu den experimentelleren Momenten auf der Platte gehören, gehen auf die Kappe von Donald Byrd. Dafür kann Gryce hier einmal als Solist glänzen. Wenige Monate später sollte er auf der Session zu Monk’s Music ein paar Mal unglücklich wirken, aber auf diesem Album fühlt er sich zu Hause und spielt mit leicht parkereskem Altsaxton geschmeidige Soli. Auch Donald Byrd bläst sein Horn mit viel Elan und regelmäßigen Ausflügen in die höheren Register, klingt vielleicht sogar unverbrauchter als auf einigen späteren Blue Notes. Wade Legge ist der große Unbekannte der Session. Seine Diskografie ist schmal, aber substanziell. Obwohl er zum Zeitpunkt der Aufnahme erst 23 Jahre alt war, hatte er bereits mit Dizzy Gillespie, Sonny Rollins, Milt Jackson und Charles Mingus gearbeitet. Er zeigt sich hier als beweglicher und bandorientierter Pianist mit sauberem Spiel, der mühelos die komplexen Arrangements zusammenhielt. Schön, dass es auch eine Komposition von ihm auf das Album geschafft hat, denn viel Zeit blieb ihm nicht: Legge starb 1963 im Alter von nur 29 Jahren. Geraldine, der Opener von Seite 2, ist die versonnen schlendernde Ballade der Platte mit einem melancholischen Thema aus vielen langgezogenen Noten, dessen Atmosphäre, finde ich, sehr schön zu Gryces zurückhaltendem Stil und Ton passt.

 

Was die Stücke von Gryce angeht: Straight Ahead ist ein langsamer Blues, aber seinem kompositorischen Anspruch, nie zu einfach, aber erst recht nicht verstörend kompliziert, bleibt Gryce auch hier treu. Das Stück beginnt mit einem bluesigen Chorus von Legge, bevor Byrd und Gryce ein rhythmisch und melodisch vertracktes (aber nicht unattraktives) Thema spielen, dessen Komplexität man erst dann richtig bemerkt, wenn man versucht, es mitzusingen. Minority ist ein packender Uptempo-Swinger in Moll und so prägnant, dass es zu Gryces wohl bekanntester Komposition und einem Jazzstandard wurde. Die Platte schließt mit einem weiteren Titel im Uptempo. Das fulminante Wake Up! mit seinem fanfarenartigen Intro klingt allerdings weniger nach Zukunft als nach einem Blick zehn Jahre zurück, in die hitzigen Jahre des Bebop, besonders wenn Gryce in seinem Solo Denzil Bests Wee zitiert. Dieser schnelle Kehraus mit einer wie geschmiert swingenden Rhythmusabteilung zeigt einmal mehr, dass das Jazz Lab nicht nur ein Forum für musikalische Experimente, sondern auch eine absolut ernstzunehmende, tighte Band im Stile der Jazz Messengers war.

 

Fazit: Kein Meilenstein, aber Gigi Gryce and the Jazz Lab Quintet ist ein sympathischer Versuch, dem Hard Bop kompositorische und satztechnische Finesse zu verleihen, ohne dabei Eingängigkeit und improvisatorische Freiheit zu opfern. Großenteils klappt das auch. Die Arrangements bieten immer wieder überraschende Momente, die Stücke klingen bei aller Sorgfalt nie unnötig kompliziert und die Band ist bestens aufgelegt.

 

Musik: ****

 

Sound: Alle Melodieinstrumente klingen lebendig. Bass und Schlagzeug setzen auch hier keine Maßstäbe, aber das schadet dem Hörvergnügen nicht wirklich.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Nicht so einfach im Spätsommer 2026. Eine aktuelle OJC-Version gibt es nicht, aber auch hier schafft Jazz Workshop aus Spanien Abhilfe: Es gibt eine schön gemachte, leider limitierte Nachpressung für ca. 25 €. Ich habe letztens bei einem großen deutschen Musikversender noch ein Exemplar bekommen. Ansonsten bleibt, wie immer, der Gebrauchtmarkt.

 

1: zitiert aus Rat Race Blues – The Musical Life of Gigi Gryce; Noal Cohen & Michael Fitzgerald; Berkeley Hills Books, ISBN 1-893163-25-3; p.214

 

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