Clark Terry – Serenade to a Bus Seat
Riverside RLP 12-237; 04/1957; Engineer: Jack Higgins; Producer: Orrin Keepnews
Clark Terry – tp; Johnny Griffin – ts; Wynton Kelly – p; Paul Chambers – b; Philly Joe Jones – ds.
Side A:
1) Donna Lee
2) Boardwalk
3) Boomerang
4) Digits
Side B:
1) Serenade to a Bus Seat
2) Stardust
3) Cruising
4) That Old Black Magic
Im April 1957 war der Trompeter und Flügelhornist Terry 36 Jahre alt und konnte auf eine lange Karriere als Jazz-Musiker zurückblicken, allerdings hauptsächlich als Mitglied in führenden Big Bands: bei Count Basie von 1948 bis 1951, danach bei Duke Ellington. Er war also nicht unbekannt, aber als eigenständige Persönlichkeit des modernen Jazz dürfte er beim breiten Jazzpublikum deutlich weniger präsent gewesen sein als etwa der achtzehn Jahre jüngere Lee Morgan. Unter Musikern jedoch genoss er einen hervorragenden Ruf dank seiner überragenden Technik und seiner Vielseitigkeit – er war in jedem Stil zu Hause, im Swing genau so wie im Hard Bop. In St. Louis hatte er einst dem jungen Miles Davis Unterricht gegeben und ihn mitgenommen auf erste Jam-Sessions.
Klar, dass er auch schon einige Aufnahmesessions hinter sich hatte, aber in der Regel als Sideman für Ellington oder auf Aufnahmen anderer Ellingtonians wie Johnny Hodges oder Paul Gonsalves. Von ihm selber gab es bislang jedoch nur wenig – lediglich eine weitgehend unbeachtete Platte auf EmArcy. Orrin Keepnews von Riverside wollte das nun ändern.
Der Kontakt zwischen Terry und Riverside war eher zufällig entstanden. Bei der Session zu Thelonious Monks Brilliant Corners fiel der Trompeter aus, Terry war gerade in der Stadt und Monk wollte ihn haben. Während der Aufnahme überzeugte er Orrin Keepnews so sehr, dass dieser ihm eine Session unter eigenem Namen anbot. Serenade to a Bus Seat ist das Ergebnis. Der Titel und Paul Wellers Cover-Foto beziehen sich auf die Art von Bussen, in denen die großen Big Bands durch die USA reisten – „the story of my life“, so Terry.
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Orrin Keepnews, der nicht nur alle Riverside-Aufnahmen produzierte, sondern als studierter Anglist und langjähriger Mitarbeiter beim Jazzmagazin The Record Changer auch die Liner Notes zu den Alben verfasste, schreibt über Serenade to a Bus Seat: „It is an unusually relaxed, cohesive and happy-sounding LP…“ und dem kann ich nur zustimmen. Terry hatte einen ausnehmend warmen, gewinnenden Ton und schrieb Stücke von freundlicher Eingängigkeit, die allerdings auch manchmal wirklich formidable Tempi gehen und musikalisch höchste Ansprüche stellen konnten, in technischer Hinsicht macht Terry niemand so schnell etwas vor. Dennoch klingt seine Musik nie hektisch oder einschüchternd, weil sie stets eine gewisse Lockerheit trägt. Selbst auf Parkers Donna Lee gleitet er fast schon unverschämt lässig durch die Changes.
Da brauchte es für die Aufnahme natürlich eine Mannschaft, die Terrys Tempo mitgehen konnte. Ähnlich wie Blue Note hatte auch Riverside eine reguläre Label-Crew, unter denen einige der bedeutendsten Namen des Hard Bop waren. Hier wird Terry begleitet von Drummer Philly Joe Jones und Bassist Paul Chambers, beide damals in Diensten von Miles Davis, dazu kam das federleichte, aber wenn nötig auch bluesig zupackende Klavier von Wynton Kelly und schließlich „the fastest gun in the West“, Tenorsaxofonist Johnny Griffin.
Fünf der acht Stücke stammen von Terry. Keepnews beschreibt sie als „fresh and unpretentious“ und erneut muss man ihm zustimmen. Terry hat auch als Komponist einen ganz eigenen Stil, der sich schwer fassbar zwischen gern benutzten Kategorien bewegt. Für Bebop ist er zu melodisch und eingängig, für Hard Bop schon fast zu freundlich, wie beim gemächlichen Cruising.
Die Platte profitiert von der Vielfalt der Stimmungen. Jede Seite bietet vier Titel, von denen keiner durch ungebührliche Länge die Geduld der Hörer strapaziert. Am längsten ist Cruising mit achteinhalb Minuten, dagegen bleibt That Old Black Magic mit knapp zwei Minuten mehr eine Skizze. Was die Tempi angeht, bewegen wir uns zwischen Ballade (Stardust) bis halsbrecherisch (Donna Lee, Serenade), mit jeder Menge Medium Swinger dazwischen und dem Latin-getönten That Old Black Magic. Was mir immer wieder auffällt, ist Terrys Händchen für Melodien, die man beim ersten Mal mitsingen kann, ohne dass sie auch nur im mindesten trivial wirken. Boardwalk zum Beispiel ist ein extrem cooler Blues in relaxtem Tempo, dem aber Terrys weicher Sound und eine Bridge im Walzertakt mit einer Melodie wie auf der Kirmes die Kante nehmen, ein echter kleiner Schabernack. Auch der unmittelbar folgende Uptempo-Swinger Boomerang ist so eingängig, dass man glaubt, das Stück schon ewig zu kennen. Terrys vokale Geschmeidigkeit auf dem Horn verleiht auch dieser schnellen Nummer eine verspielte Leichtigkeit.
Johnny Griffin ist der perfekte Partner an der Front. Wie Terry verfügte auch er über die notwendige Technik, um bei höchsten Tempi nie die Kontrolle zu verlieren, und sein kräftiger, sonorer Ton liefert einen effektiven Kontrast zu Terry. Aber er konnte nicht nur stürmisch und auf Stardust lässt er fast seinen inneren Coleman Hawkins raushängen. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, Griffin jemals romantischer gehört zu haben.
Jedoch kann auch der beste Angriff kein Spiel gewinnen, wenn die Verteidigung löchrig ist, aber da brauchen wir mal gar keine Sorge zu haben. Wynton Kelly ist regelmäßigen NJF-Lesern inzwischen hinlänglich bekannt und sorgt einmal mehr mit seinen luftig hingetupften Akkorden für den Auftrieb, der die Session bei allen Tempi entspannt schweben lässt. Und Chambers/Jones… was soll man zu ihnen noch groß sagen? Sie bildeten nicht umsonst die Rhythmusgruppe von Miles Davis, kannten sich seit Jahren, hatten für den Swing auf Klassikern wie Relaxin’ und Cookin’ gesorgt und auch hier bestechen sie auf jeder Nummer mit ihrer unvergleichlichen Tightness.
Abschließend ein Wort zum Cover. Ich kaufte die Platte ursprünglich gar nicht für mich selbst. Mein Bruder hatte mich beauftragt, von meinem Ausflug zum damals größten Plattenladen Europas in Köln „irgendetwas von Clark Terry“ mitzubringen. Das Cover gab den Ausschlag. Es waren die Farbflächen, die verspielte Schrift und das Foto einer Trompete auf dem Sitz eines Busses. Blue Note und Reid Miles mochten die Standards für Coverdesign gesetzt haben, sie standen für urbane, modernistische Coolness. Doch Paul Bacons Cover für Riverside waren ebenfalls cool, allerdings weniger gekünstelt: unbefangener und fast unschuldig. Ihre Coolness war nicht kalkuliert, sondern ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt. Ich mochte sie damals und mag sie noch heute.
Fazit: Serenade to a Bus Seat wird für mich immer eine besondere Aufnahme bleiben, denn es war die Platte, die mich vor gut vierzig Jahren zum Jazz brachte. Wenn ich sie heute auflege, dann kann ich gut nachvollziehen, warum: sie ist abwechslungsreich, bietet mitreißenden Jazz und Titel, die auch genrefremde Hörer unmittelbar verstehen. Clark Terry und Johnny Griffin sind eine markante Frontline, die von einem erstklassigen Rhythmusteam unterstützt, aber nie gepusht wird. Anders als bei vielen Jazz-Aufnahmen hat man nach den gut vierzig Minuten Spielzeit eigentlich gar nicht das Bedürfnis, jetzt unbedingt was anderes hören zu wollen. Im Gegenteil – meistens fange ich nochmal von vorne an, es gibt nämlich einiges zu entdecken und Misstöne sind nicht darunter.
Musik: ****1/2
Sound: Lebendige und dynamische Bläser, der Bass klingt jedoch etwas matt und das Schlagzeug undifferenziert. Stört mich persönlich nicht, aber meinem Sohn Luis fiel es sofort auf: Er findet, die Platte klingt „alt“.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Nicht so einfach im Spätsommer 2026. Eine aktuelle OJC-Version gibt es nicht, aber vor einiger Zeit brachte Jazz Workshop aus Spanien das Album als schön gemachte und erschwingliche (25-30 €) Nachpressung raus – mit ein wenig Glück und Geduld findet man die noch. Ansonsten bleibt nur der Gebrauchtmarkt.
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