Kenny Dorham Quartet – 2 Horns/2 Rhythm
Riverside RLP 12-255; 11/ und 12/1957; Engineer: Jack Higgins; Producer: Orrin Keepnews
Kenny Dorham – tp; Ernie Henry – as; Eddie Mathias, Wilbur Ware* – b; G.T. Hogan – ds
Side A:
1) Lotus Blossom
2) ‘Sposin‘
3) Soon
4) Is it True What They Say About Dixie?*
Side B:
1) The End of a Love Affair
2) I’ll be Seeing You
3) Noose Bloos
4) Jazz-Classic*
Im Dezember 1956 nahm Art Blakey mit seinen Jazz Messengers (nun ohne Horace Silver) eine Platte auf, nach der eine gesamte Stilart des Jazz benannt werden sollte: Hard Bop. Ursprünglich wurde der Begriff wohl von John Mehegan geprägt, einem Jazz-Pianisten und Kritiker. Wie immer ist es mit Labeln so eine Sache: Was gehört rein, was nicht? Ist das noch Bebop oder schon Hard Bop? Schwere Fragen, ich weiß, also überlassen wir diese zweifellos extrem nötige Diskussion lieber musikhistorischen Kolloquien. Aber der Begriff hat sich durchgesetzt, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil er nützlich ist: Hard Bop steht für einen improvisationsbasierten, kraftvollen Jazz, der aus dem Bebop hervorgegangen sein mag, ihn aber mit einem kräftigen Schuss Blues und Gospel angereichert und zugänglich gemacht hat. Also genau die Musik, der man normalerweise auf NJF begegnet.
Das klassische Format des Hard Bop war ein Quintett aus zwei Bläsern, in der Regel Trompete und Tenorsaxophon, plus Rhythmusgruppe aus Piano, Bass und Schlagzeug. Und keinen Trompeter verbinde ich im Geiste enger mit dem Begriff Hard Bop als Kenny Dorham (1924–1972). Dass ausgerechnet mein persönlicher Prototyp eines Hard-Bop-Trompeters auf NJF mit zwei Quartettscheiben (die erste war Quiet Kenny auf Prestige/New Jazz) vorgestellt wird, ist wirklich Zufall – in der Regel findet man ihn im Kontext von Quintetten.
Aber Dorham war eben mehr als nur ein Hard-Bopper nach Schema F. Hier spielt er also mit einem Quartett. Doch anders als bei Quiet Kenny verzichtet Dorham nicht auf einen zweiten Bläser, sondern auf die harmonische Unterstützung durch einen Pianisten. Auf 2 Horns/2 Rhythm agiert als zweite Melodiestimme der tragische Ernie Henry auf dem Altsaxophon; begleitet werden sie von Eddie Mathias am Bass (auf zwei Titeln ersetzt durch Wilbur Ware) und G.T. Hogan an den Drums.
Die pianolose Band zieht dem Sound das harmonische Sicherheitsnetz weg. Der Ansatz war auch im Jahr 1957 nicht ganz neu. Die Blaupause hatten wohl Gerry Mulligan und Chet Baker geliefert, doch 2 Horns/2 Rhythm ist mit seinem bluesbasierten Biss eindeutig Hard Bop – lediglich im ein oder anderen kontrapunktischen Moment finden sich Echos von Mulligan/Baker. Aber interessant ist ja nicht die Frage, in welche Schublade wir das Album stecken können, sondern ob die Bläser damit klarkommen, dass sie hier selber für das harmonische Gerüst sorgen müssen.
Ich finde: sogar ausgesprochen gut. Sowohl Dorham, der sich hier ebenso als Arrangeur profiliert und dafür sorgt, dass die Themen nicht nur schlicht unisono gespielt werden, als auch Henry hatten genug Fantasie, um die Stücke ohne harmonische Unterstützung gestalten zu können. Und Dorham hatte das Material geschickt gewählt: Neben drei eigenen Kompositionen (von denen eine, nämlich Lotus Blossom, selbst zu einem häufig gecoverten Klassiker werden sollte) gibt es hier fünf ausgesprochen eingängige Standards, die gestandene Jazzer vermutlich im Schlaf spielen konnten. Zum Glück unterscheiden sich die Titel ausreichend im Charakter, sodass die Platte nie Gefahr läuft, eintönig oder routiniert zu klingen. Wir bekommen mit 'Sposin', Is It True What They Say About Dixie? und The End of a Love Affair drei fröhliche Uptempo-Swinger, Soon ist eine besinnliche Ballade und das nachdenkliche I'll Be Seeing You schlendert gelassen durch knapp viereinhalb Minuten. Stichwort Zeit: Kein Titel strapaziert die Geduld des Hörers durch Überlänge. Selbst der längste, Noose Bloos, bleibt mit gut sechseinhalb Minuten vergleichsweise kompakt. Dadurch erhalten die Beiträge von Henry und Dorham eine wohltuende Stringenz, haben dennoch im Vergleich zu den Aufnahmen aus der 10“-Ära ausreichend Luft für kürzere solistische Höhenflüge.
Gemäß der unmaßgeblichen Meinung von NJF war Dorham ein richtig talentierter Komponist, und seine Titel stehen den Standards nicht nach. Der Moll-Swinger Lotus Blossom (s. o.) erlebt hier sein Aufnahmedebüt, dazu gibt es den flotten Noose Bloos und das abschließende Jazz-Classic, das mit seinem Faux-Barock-Kontrapunkt wirklich das Attribut cute verdient.
Henry und Dorham bilden auf 2 Horns/2 Rhythm eine effektive Frontline. In meiner Besprechung von Quiet Kenny habe ich Dorhams Ton als butterweich bezeichnet. Im Grunde trifft das auch hier zu, aber da die Stimmung des Albums nicht ganz so quiet ist, zeigt sich Dorhams Sound stellenweise ein wenig rauer, ohne aber jemals schrill oder kantig zu wirken, sein Solostil behält jedoch seine typische lyrische Qualität. Der Ton von Henry dagegen hat durchaus eine leicht säuerliche Strenge, nicht so intensiv wie bei Jackie McLean, aber himmelweit entfernt von einem Wohlfühlbläser wie Paul Desmond (nicht wertend gemeint, ich höre auch Desmond gern), und sein Solostil klingt leicht scharf und klagend. Das sorgt für eine angenehme Reibung zwischen den Solisten, und die Platte profitiert sehr davon.
Orrin Keepnews schreibt in den Liner Notes, dass Dorham und Henry, die auch privat befreundet waren, eigentlich noch weitere gemeinsame Projekte geplant hatten, aber dazu sollte es durch Henrys frühen Tod nicht mehr kommen. Er starb keine vier Wochen nach dieser Aufnahme.
Abschließend ein Wort zur Rhythmusgruppe: Weder Eddie Mathias noch G.T. Hogan sind bekannte Namen in der Szene. Während Hogan regelmäßige Jobs als Sessionmusiker hatte und unter anderem mit Randy Weston, Bud Powell und Cal Massey spielte, bleibt Eddie Mathias ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Man findet kaum Informationen zu ihm, und seine Diskografie umfasst nur wenige obskure Alben. Auf 2 Horns/2 Rhythm tragen sie das pianolose Konzept jedoch mit federleichter Nonchalance. Mathias spielt unauffällig bis an die Grenze der Selbstverleugnung (das einzige Bass-Solo auf der Platte geht an Wilbur Ware auf Is It True What They Say About Dixie?). Hogan begleitet mit einem leichtfüßigen, quirligen Stil mit häufigen Breaks, der quasi permanent unter den Solisten unterschwellig köchelt und so verhindert, dass sie den Autopiloten einschalten. Man mag sich die Frage stellen, ob Leute wie Philly Joe Jones oder Sam Jones die Session beflügelt hätten, aber Dorham besaß bei Riverside genügend Renommee, um sich seine Mitmusiker nicht vorschreiben lassen zu müssen. Ich gehe daher davon aus, dass er Mathias und Hogan mit Bedacht ausgewählt hat. Er wird schon gewusst haben, warum.
Fazit: 2 Horns/2 Rhythm besitzt in Dorhams Œuvre einen Ausnahmestatus. Es ist das einzige pianolose Album unter seinem Namen und bietet den Solisten Dorham und Henry ungewohnten harmonischen Freiraum. Dorham profiliert sich hier als Komponist, Arrangeur und Instrumentalist; sein lyrisches Spiel bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu Henrys herberem Stil.
Musik: ****
Sound: Jack Higgins von den Reeves-Studios hat Dorham und Henry überzeugend und farbkräftig eingefangen, Bass und Schlagzeug jedoch wirken im Vergleich zu zeitgenössischen Blue Notes ein wenig matt.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Schwierig. Keine der kanonischen Riverside-Sessions und nur selten wiederveöffentlicht. Im Juni 2026 gibt es von meiner OJC aus dem Jahre 1990 gerade drei Exemplare auf Discogs. Um die 40 €.
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