Bud Powell – Time Waits
Blue Note BLP 1598; 05/1958; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Bud Powell – p; Sam Jones – b; Philly Joe Jones – ds
Side A:
1) Buster Rides Again
2) Sub City
3) Time Waits
4) Marmalade
Side B:
1) Monopoly
2) John’s Abbey
3) Dry Soul
4) Sub City
An dieser Platte scheiden sich die Geister. Es gibt Leute, die sie kaum ertragen, weil sie den jungen, brillanten Powell von einem knappen Jahrzehnt vorher im Kopf haben – aus der Zeit seiner ersten Aufnahmen für Blue Note mit Un Poco Loco und Dance of the Infidels. In den Jahren danach musste Powell einen unglaublichen Spießrutenlauf aus Erniedrigungen und schlichter medizinischer Stümperei über sich ergehen lassen, der nachhaltige Spuren hinterließ¹ und noch heute, sechzig Jahre nach seinem Tod, gleichermaßen empört wie entsetzt. Aber auch in seinen späteren Jahren hatte Powell luzide Phasen und viele sehen in Time Waits ein künstlerisch überzeugendes Album, das auch unabhängig von Powells legendärer Frühphase seinen eigenen Platz behauptet.
Ich kam unvorbelastet zu Time Waits. Es war meine erste Platte von Powell, und ich mag sie schlicht als Jazzalbum. Dabei habe ich sonst so meine Probleme mit Aufnahmen von Piano-Trios. Oft klingt bei flüchtigem Hören eine wie die andere. Hier nicht!
Zum einen wird Powell von einer absolut erstklassigen Rhythmusgruppe begleitet: Sam Jones war so etwas wie der Hausbassist des Riverside-Labels und hatte auf unzähligen Hard-Bop-Sessions gespielt. Miles Davis, sein damaliger Arbeitgeber, bezeichnete Philly Joe Jones in einem Interview Jahre später als seinen Lieblingsdrummer, und wenn man Time Waits hört, versteht man warum: Er spielte extrem präzise auf den Punkt und mit einer rastlosen, ansteckenden Energie. Ich muss bei ihm an ein straff gespanntes Trampolin denken, von dem die Solisten abheben können.
Zum anderen wird Time Waits niemals langweilig. Sämtliche Kompositionen stammen von Powell selbst, das hat man ja auch nicht alle Tage. Sie sind abwechslungsreich, nie zu lang und bieten eine Bandbreite unterschiedlicher Stimmungen. Außerdem ist Powell kein Egomane, der das Scheinwerferlicht nur für sich beansprucht. Mit Ausnahme der Ballade Time Waits kommen seine Mitstreiter auf jedem Stück ebenfalls zu Wort.
Der Opener Buster Rides Again zum Beispiel ist ein Vehikel für Philly Joe Jones. Er besitzt ein prägnantes, riffartiges Thema und wird getragen von einem großartigen, leicht schrägen Mambo-Groove, der auch in den Soli beibehalten wird. Die wiederum haben eine konversationelle Qualität: Es klingt, als würden sich Piano und Drums in einem ständigen Schlagabtausch befinden. Während Powell in seinem Solo dissonante Notencluster auf den Hörer regnen lässt und schnelle Läufe aus der rechten Hand schüttelt, spielt Philly Joe hinter ihm quasi ein zweites Solo; wenig später setzt Powell für lange Zeit ganz aus und man hört ausschließlich die Rhythmusgruppe. Sam Jones hält auf dem Bass stoisch den Beat, Philly Joe Jones variiert ihn mit koboldartiger Freude am Schabernack. Dabei entsteht ein leicht sinistrer Eindruck – das ist definitiv eher ein Mambo aus Arkham als vom Traumschiff. Ich habe keine Ahnung, wer Buster war, aber sicher kein Chorknabe.
Auch die anderen Titel haben es in sich: Sub City (das einzige Stück, das zweimal auf der Scheibe auftaucht), Marmalade und John’s Abbey sind Uptempo-Swinger; Monopoly besitzt einen echten melodischen Widerhaken und ist nur unwesentlich langsamer. Das melancholische Time Waits und der langsame Blues Dry Soul sorgen für dynamische, die regelmäßigen Beiträge der Rhythmusgruppe für musikalische Schattierung.
Wenn das Album nach knapp vierzig Minuten vorbei ist, hat man das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein. Um es in Powells Œuvre aber besser einordnen zu können (und, zugegeben, auch aus reiner Neugierde), habe ich dann doch einmal in The Amazing Bud Powell, Vol. 1 (BLP 1503) reingehört.
Ich muss konstatieren, dass diese Platte ein gewisses revolutionäres Feuer besitzt, das Time Waits in dieser Intensität nicht bietet. Ich weiß nur nicht genau, woran das liegt – ob an Powells Spiel oder vielleicht auch an der allgemeinen Aufbruchsstimmung im Jazz der Jahre kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie auch immer. Die Tempi von Sub City und John’s Abbey sind absolut stramm, aber auf 52nd Street Theme und Wail sind sie tatsächlich halsbrecherisch, und Powell glänzt mit rasend schnellen Läufen.
Jetzt spiele ich allerdings kein Klavier und bin daher kaum in der Lage, verbindlich zu beurteilen, wie weit oder ob überhaupt Powells Pianistik in den Jahren zwischen 1951 und 1958 gelitten hat, wie man es häufiger liest.2 Ehrlich gesagt: Wenn ich mir Powell auf schnelleren Titeln wie John's Abbey anhöre, dann steht es um seine Fähigkeiten so schlecht nicht.
Aber man hört keine Platten, um die Virtuosität der Musiker zu bestaunen. Daher glaube ich nicht, dass man Time Waits gerecht wird, wenn man es mit The Amazing Bud Powell, Vol. 1 und Vol. 2 vergleicht. An den frühen Aufnahmen fasziniert deren Energie, aber das macht sie nicht automatisch angenehmer zu hören. Drei Fassungen von Un Poco Loco am Stück und später noch zwei Versionen von A Night in Tunisia sind hartes Brot und sprechen eher den Historiker als den Musikliebhaber an – selbst dann, wenn man aufmerksam zuhört.
Fazit: Ich merke auf Time Waits wenig von den erratischen Formschwankungen Powells, die seine Spätphase kennzeichnen. Vielmehr bekommen wir hier sieben abwechslungsreiche Stücke mit starken Themen. Powell scheint mir in guter Form und die Rhythmusgruppe ist tight und beweglich. Als reines Hörerlebnis finde ich das Album tatsächlich zugänglicher und geschlossener als seine frühen Blue-Note-Sessions.
Musik: ****
Sound: Ein weiteres Plus von Time Waits – im Gegensatz zu Vol.1 & 2 saß hier RvG an den Reglern und sorgte für kraftvollen Mono-Sound mit farbstarken Klangfarben und lebendiger Dynamik.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Als Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series wiederveröffentlicht, dennoch nicht überall zu bekommen. Um die 30€.
1 Ende der 1950er freundete sich Powell mit einem französischen Fan namens Francis Paudras an, der so etwas wie sein Schutzengel werden sollte und nach Powells Tod ein rührendes Porträt des Pianisten schrieb: La Danse des Infidèles, ins Englische übersetzt als Dance of the Infidels. Empfohlen für alle, deren Glauben an das Gute im Menschen Reparaturbedarf hat.
2 Zum Beispiel in Richard Cooks und Brian Mortons The Penguin Guide to Jazz on CD (7th edition)
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