Mobley vs. Mobley: Hank Mobley Sextet und The Hank Mobley All Stars

Veröffentlicht am 20. November 2025 um 21:10

NJF schlägt eine Schneise durch das Dickicht der Mobley-Sessions - Teil I

 

Der Jazz-Kritiker Leonard Feather hat in seinen Liner Notes zu Hank Mobley And His All Stars nicht ganz Unrecht. Während seiner langen Verbindung zum Label tauchte Hank Mobley bei Blue Note tatsächlich so regelmäßig auf wie der Postbote. Vielen gilt er heute als der prototypische Saxofonist des Hard Bop. Es dürfte kaum einen Musiker geben, der auf Platten des Labels öfter zu hören ist, ob als Sideman oder Leader. Das Angebot an Mobley-Sessions ist auch im Jahr 2025 noch so reichhaltig, dass es für Einsteiger kaum zu durchschauen ist. Ehrlich gesagt: Selbst ich blicke nicht völlig durch, weil ständig irgendeine lang verschollene Aufnahme neu erscheint. 

 

Ich weiß auch nicht, wie viel Substanz in Mobleys Output aus den 60ern steckt, weil sich unsere Wege mit Soul Station aus dem Jahr 1960 trennen. Mein Gefühl war und ist, dass man nicht jede Note braucht, die Mobley jemals geblasen hat. In seinen frühen Originalaufnahmen jedoch schärfte er sein Profil und sie reichen, um meinen persönlichen Bedarf zu decken. Viele sehen das allerdings anders. Mobley wird heute in manchen Kreisen geradezu verehrt für seinen runden Ton und eine schwer fassbare, elegante Leichtigkeit, mit der er selbst durch die hitzigsten Stücke glitt.

 

Schon vor seinen ersten Einspielungen als Leader war Mobley bei Blue Note kein Unbekannter. Man hatte ihn bereits gehört auf den Sessions der Jazz Messengers im Café Bohemia (BLP 1507&1508), Kenny Dorhams Afro-Cuban (BLP 1535) und dem Horace Silver Quintet (BLP1539).

Nach der Session mit Horace Silver war die Zeit gekommen, Mobley als Leader ins Studio zu holen. Das geschah dann gleich zweimal innerhalb von wenigen Wochen. Die Ergebnisse waren BLP 1540 und BLP 1544, um die es hier geht. Wie gesagt: ich gehöre nicht zu den frommsten von Mobleys Jüngern. Wenn wahrhaft Erlöste mein Urteil als zu streng empfinden, dürfen sie gerne einen halben bis einen Stern addieren.



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Hank Mobley Sextet

Blue Note BLP 1540, 11/1956, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Hank Mobley – ts; Donald Byrd – tp; Lee Morgan – tp; Horace Silver – p; Paul Chambers – b; Charlie Persip – ds;

 

Side A:

1) Touch And Go

2) Double Whammy

 

Side B:

1) Barrel of Funk

2) Mobleymania

 

Nach einigen Alben als Sideman war Hank Mobley Sextet – manchmal auch geführt als Hank Mobley With Donald Byrd And Lee Morgan – das erste von Mobleys zahlreichen Alben als Leader. Dafür holte er sich mit Donald Byrd und dem erst 18-jährigen Lee Morgan gleich zwei aufstrebende Trompeter und solide Hard-Bopper ins Boot. Auch der Rest der Crew konnte sich sehen lassen: Horace Silver, ehemaliger Kollege bei den Messengers und sein aktueller Arbeitgeber, saß am Klavier, Bassist Paul Chambers und Charlie Persip bildeten die Rhythmusgruppe.

Wie bei der Konstellation zu erwarten ist, bietet das Album kompetenten Jazz an der Schwelle vom Bop zum Hard Bop. Kompetent ja, aber so viel vorweg: am Ende bleibt doch ein Gefühl von unerfülltem Potenzial. Die Session klingt routiniert, aber nur gelegentlich inspiriert. Das hat mehrere Gründe.

 

Zum einen weigern sich die Kompositionen hartnäckig, ins Ohr zu gehen, vom Mid-Tempo Blues Barrel Of Funk vielleicht einmal abgesehen. Wenn schon ein Blues die stärkste Komposition ist, dann hat die Scheibe in dieser Hinsicht ein Problem. So habe ich zum Beispiel sowohl Touch And Goals auch Double Whammy inzwischen mehrmals gehört, da sich Musik manchmal erst nach mehreren Durchgängen erschließt, aber noch immer wirken beide Kompositionen auf mich formelhaft und wenig einprägsam. Beide Stücke gehen ein hohes Tempo, wie übrigens auch Mobleymania auf Seite 2. Durch das einheitliche Tempo entsteht aber keine mitreissende Energie, sondern Monotonie.

 

Zum anderen liegen Donald Byrd und Lee Morgan in ihrem Ton nicht besonders weit auseinander. Beide klingen kräftig, ständig am Anschlag und fast überbelichtet grell, was besonders bei der Vorstellung der Themen wenig vorteilhaft ist. Bei oberflächlichem Hören (und wenn wir ehrlich sind, tun wir das ja meistens) kommt man leicht auf den Gedanken, dass wir es hier mit dem Album eines Trompeters zu tun haben, weil gefühlt ständig eine Trompete ein Solo bläst und man regelrecht froh ist, zwischendurch mal Mobley oder Silver zu hören. Mobley zeigt nämlich auch hier schon seinen typischen Ton und die lässige Eleganz, die ihm Jahrzehnte nach seinem Tod den Ruf eines leisen, unterschätzten Meisters einbrachte.

 

Fazit: Der Start von Hank Mobleys Karriere bei Blue Note geriet durchwachsen. Positiv ist, wie quasi immer beim Label, die gut eingespielte, swingende Band. Aber andererseits bleiben die Stücke weitgehend ohne Wiedererkennungswert und wer auf eine Überdosis Trompete allergisch reagiert, sollte um die Platte einen Bogen machen. Für Mobley-Komplettisten wohl Pflicht, Einsteiger in sein Ouevre fahren mit anderen Aufnahmen besser.

 

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Hank Mobley and his All-Stars

Blue Note BLP 1544, 01/1957, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Hank Mobley – ts; Milt Jackson – vib; Horace Silver – p; Doug Watkins – b; Art Blakey – ds;

 

Side A:

1) Reunion

2) Ultra Marine

 

Side B:

1) Don’t Walk

2) Lower Stratosphere

3) Mobley’s Musings

 

BLP 1540 war noch nicht einmal in den Läden, da stand Mobley erneut im Studio, mit einer als All Stars vermarkteten Riege von Hard-Boppern, die im Grunde den gerade aufgelösten Jazz Messengers entsprach. Lediglich Trompeter Kenny Dorham fehlte, er wurde durch Vibrafonist Milt Jackson ersetzt, der sonst seine Brötchen beim Modern Jazz Quartet verdiente. Alfred Lion muss vom Sound der Messengers und ihrem aufkeimenden Hard Bop derart begeistert gewesen sein, dass er beschloss, diese Art Musik so oft auf Band festzuhalten, wie es wirtschaftlich vertretbar war. Bis zu Peckin’ Time (BLP 1574) im Februar 1958, also nur gut ein Jahr später, sollte Mobley noch vier weitere Male unter eigenem Namen ins Studio gehen, ganz zu schweigen von seinen Sessions als Sideman. Heute, fast siebzig Jahre später, wundert man sich über so viel Enthusiasmus, denn große Unterschiede bestehen zwischen diesen Platten nicht. Von BLP 1540 abgesehen wurden alle von einem Hard-Bop-Quintett eingespielt und das musikalische Programm ist auf allen Aufnahmen vergleichbar, wie wir in späteren Rezensionen noch sehen werden.

 

Doch hier geht es um BLP1540 vs. BLP1544. Um es vorwegzunehmen: Mein Votum geht an die All Stars. Zwar gibt es auch hier das, was Feather in den Liner Notes euphemistisch „unpretentious Mobley Originals“ nennt, also eher wenig raffinierte Kompositionen, bei denen sich Mobley kein Bein ausgerissen hat. Kennen wir ja bereits von der Sextett-Session, aber ich finde, die Titel sind hier doch etwas packender und verankern sich besser im Langzeitgedächtnis. Das gilt vielleicht etwas weniger für das schnelle und noch ziemlich boppige Reunion, aber Ultramarine, der Blues Lower Stratosphere und besonders das ruhige Mobley’s Musings sind zumindest ansprechend, wenn auch keine ernsthafte Konkurrenz für die Gassenhauer von Silver.

 

Aber noch wichtiger als die Qualität der Themen sind erstens, dass die Band in unzähligen Gigs zusammengewachsen ist, hier sitzt jede Note, und zweitens die Kombination aus Mobleys samtigen Tenor mit den glockenartigen Vibes von Milt Jackson, die meiner Meinung nach hervorragend funktioniert. Ich habe ja rein gar nichts gegen die Kombination zweier Bläser, aber der Vibes/Tenorsax-Kontrast ist kräftiger und die Präsenz von Milt Jackson gibt der Session ihren ganz eigenen Reiz, er klingt hier frisch, unverbraucht und swingt auf allen Zylindern.

 

Und egal, ob man die Musik mag oder nicht – dass die Messengers swingen konnten ist kaum zu bestreiten, die Geschlossenheit der Band ist immer wieder beeindruckend. Interessante Randnotiz: Blakeys Schlagzeugspiel, heute von vielen Eingeweihten als maßstabsetzend akzeptiert, polarisierte beim Erscheinen der Platte – im renommierten Jazz-Magazin Down Beat war zu lesen: "Blakey, whom I am beginning to regard as the personification of bad taste in drummers… " (Down Beat, 13.06.1957). Ich vermute, der Rezensent hat seine Meinung später revidiert. Persönlich finde ich, dass Blakey nicht rein zufällig zur Schlagzeuglegende wurde. Klar, er bestach in erster Linie durch Wucht und weniger durch Finesse, das war sein Stil. Aber er hatte auch ein feines Gespür für den Moment. Die meisten Sessions – wie diese hier – profitierten von seiner Energie. Und wenn es sein musste, dann konnte er auch Balladen, kann man zum Beispiel gut hören auf Alone Together und Yesterdays von den Live At the Cafe Bohemia Sessions (BLP 1507/1508).

 

Fazit: deutliche Formsteigerung gegenüber der Sextett-Session. Die Stücke sind stärker und die Band ist blendend eingespielt. Ich finde die Kombination von Tenorsaxofon und Vibrafon reizvoller als die Konstellation mit zwei Trompeten, aber das mag Geschmacksache sein. Jacksons bluesig swingender Stil jedoch ist eine echte Bereicherung.



Musik: **1/2 (Sextet) bis ***1/2 (All Stars)

 

Sound: Okay, nicht mehr historisch, aber auch noch nicht richtig gut, wie etwa spätere Sessions von RvG. Gelegentliche Neigung zur Übersteuerung.

 

Verfügbarkeit: Beide selten, im Herbst 2025 nur gebraucht und online. Vielleicht ein Indikator für den Status der Alben im Labelkatalog.

 

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