Horace Silver – Horace-Scope
Blue Note BST-84042; 07/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Blue Mitchell – tp, Junior Cook – ts; Horace Silver – p; Gene Taylor – b; Roy Brooks – ds.
Side A:
1) Strollin’
2) Where You At?
3) Without You
4) Horace-Scope
Side B:
1) Yeah!
2) Me And My Baby
3) Nica’s Dream
Wenn ein Musiker als Architekt des Hard Bop auf Blue Note bezeichnet werden kann, dann Horace Silver. Kaum jemand, von den Jazz Messengers vielleicht abgesehen, lieferte in den späten 1950ern und der ersten Hälfte der 1960er Jahre so regelmäßig Genreklassiker ab. Das Wichtige: Sie kamen bei Publikum und Kritik gleichermaßen gut an, und Silver wird sicher seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Label nicht nur überlebte, sondern zu dieser Zeit eine Blütephase erlebte, wie es sie später nie mehr geben sollte.
Eine wichtige Grundlage für seinen anhaltenden Erfolg dürfte das konstante Personal gewesen sein. Gute viereinhalb Jahre (und sechs Alben) lang hielt Horace Silver die Band zusammen, die viele für seine beste halten: Mit Blue Mitchell (tp), Junior Cook (ts), Gene Taylor (b) und Roy Brooks (d) ging er zwischen Januar 1959 (Finger Poppin’) und Mai 1963 (Silver’s Serenade) insgesamt fünfmal ins Studio. An der Diskussion, ob dies nun wirklich seine beste Band war oder nicht, will ich mich nicht beteiligen, aber keine andere seiner Gruppen, weder davor noch danach, sollte so lange bestehen. Die personelle Konstanz resultierte in der unglaublichen Geschlossenheit, die mich bereits auf Doin’ the Thing begeistert hat und auch auf jedem Studioalbum zum Tragen kommt.
Horace-Scope ist das dritte der fünf Studioalben und bietet geradezu eine Blaupause für Hard Bop. Alle Titel stammen vom Leader und sind durchweg eingängig, aber zwei ganz besonders: das lockere, passend betitelte Strollin’ und noch mehr Nica’s Dream, eine Hommage an Pannonica de Koenigswarter1, sollten zu Jazz-Standards werden.
Wie immer bei Silver haben wir es auch auf Horace-Scope mit einer positiven, fast fröhlichen Musik zu tun, die einen für knapp vierzig Minuten in eine ähnliche Welt entführt wie Lou Donaldson auf seinen gutgelaunten Panoramafahrten durch bukolische Hard-Bop-Landschaften. „Making people happy through music!“ war Silvers Anspruch2 und ich könnte auf Anhieb kein Album von ihm nennen, auf dem er nicht eingelöst wird. Auch auf Horace-Scope sind seine Kompositionen nie sperrig oder übermäßig dissonant und frei von Selbstgefälligkeit. Die Musik ist durchaus Kunst, aber nicht akademisch verkopft, sondern im Sinne von exzellentem Handwerk. Man bekommt packenden, swingenden Jazz, der den Hörer weder unterfordert noch ausschließt und dessen Ausführung so derart auf den Punkt ist, dass sich nach jedem Album ein Gefühl der Zufriedenheit einstellt.
Das heißt jedoch nicht, dass ein Silver-Album klingt wie das nächste, noch nicht einmal, wenn dieselbe Band am Start ist. Horace-Scope ist Hard Bop reinsten Wassers, im Gegensatz zu den exotisch angehauchten The Tokyo Blues und Song For My Father, dazu demnächst mehr. Man bekommt hier groovigen Jazz, oft bluesgetränkt, wie Me And My Baby, und meist im Mid- bis Uptempo, abgesehen vom bereits erwähnten entspannt shuffelnden Strollin’ und der schönen Ballade Without You. Und, wie gesagt: obwohl das Material niemals anstrengt, ist es doch alles andere als einfach, weil die Kompositionen ständig unerwartete rhythmische Haken schlagen. Das vertrackte Where You At zum Beispiel bezieht sich nicht auf eine zeitgenössische Floskel, sondern auf die Fragen der Musiker, wenn sie bei diesem Stück den Faden verloren.
Ich habe mich während der Besprechung des Albums gefragt, wieso Bands von Silver eigentlich immer ein bisschen „tighter“ klingen als andere. Definitiv beantworten kann ich das nicht, aber ein Erklärungsansatz ist natürlich ihre (im Kontext von Jazzgruppen) Langlebigkeit. Die bekommt man allerdings auch nur mit Leuten hin, deren Egos nicht die Größe von Planeten haben. Tenorsaxophonist Junior Cook und mein Lieblingstrompeter Blue Mitchell waren ja alles andere als Dilettanten auf ihren Instrumenten, aber bescheiden und vielleicht auch groß genug, um den Platz im Rampenlicht nicht permanent beanspruchen zu müssen. In den Ensemblepassagen klingen sie derart dicht verzahnt, dass sie zeitweise wie eine einzige Stimme wirken. Die individuellen Statements geben sie dann in ihren Soli ab, wobei beide auch dort irgendwie geistesverwandt klingen: Keiner lässt sich zu hochgradig expressiven Ausbrüchen hinreissen, vielmehr spielen sie im vorgegebenen Rahmen (bei Silver gibt’s, zumindest im Jahr 1960, noch keine solistischen Ausschweifungen) sorgfältig abgezirkelte Chorusse, die nie länger bleiben, als auf der Einladung steht. Das gilt übrigens auch für die solistischen Beiträge von Silver selbst, der als Leader in erster Linie durch seine Kompositionen und die Arrangements erkennbar wird, ansonsten aber als gleichberechtigter Teil einer rund schnurrenden Groove-Maschine auftritt.
Die Groove-Maschine wiederum beeindruckt nicht nur durch ihre Geschlossenheit, sondern auch durch ihre Fähigkeit zur Nuancierung, sowohl rhythmisch als auch dynamisch. Man bekommt auf Horace-Scope keineswegs immer straighten 4/4 Swing, sondern ständig Interludien mit latinesken Beats, die das ganze Album auflockern. Für die dynamische Nuancierung sorgen Tempovariationen zwischen ziemlich Up (Yeah!) bis zum melancholischen Without You. Darüberhinaus sind die Stücke nicht zu ausgedehnt, sodass, ähnlich wie bei den Blue Notes der 10"-Ära, nie Langeweile aufkommt: Niemand schweift solistisch aus, alle fünf oder sechs Minuten wechselt das Tempo und ein neues Thema wird vorgestellt.
Fazit: Unter den Bands von Horace Silver nimmt das Quintett mit Junior Cook und Blue Mitchell schon allein deshalb eine Sonderstellung ein, weil es am längsten zusammenblieb, die meisten Alben einspielte und eine unvergleichliche Geschlossenheit erreichte. Horace-Scope steht chronologisch in der Mitte ihres Katalogs, bietet schnörkellosen Hard Bop in Reinkultur und mit Nica’s Dream einen modernen Klassiker.
Musik: ****
Sound: Der Klang dieser van-Gelder-Aufnahme ist direkt, dynamisch, farbkräftig. Passt perfekt zur Musik.
Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 als Ausgabe von Blue Note nur gebraucht, aber von L.M.L.R. und Danger Grooves gibt es preiswerte Neuauflagen mit dem Artwork und den Liner Notes des Originals. Um die 20€.
1: Pannonica de Koenigswarter (1913-1988) war eine schillernde Figur des Jazz. Sie stammte aus einer schwerreichen englischen Bankiersfamilie, heiratete einen französischen Diplomaten, mit dem sie fünf Kinder hatte, und engagierte sich während des Zweiten Weltkrieges im Widerstand gegen die Nazis. Als ihre Ehe Anfang der 1950er zerbrach, verließ sie Europa und landete nach einem Umweg über Mexiko in New York, wo sie zu einer echten Mäzenatin der Bebop- und Hard-Bop-Szene wurde. Sie half zahlreichen Jazzmusikern: Sie bot ihnen Unterkunft, zahlte Mieten, kaufte Instrumente zurück, die im Pfandhaus gelandet waren, und brachte sie in ihrem Bentley zu Gigs. Den sie natürlich selbst fuhr – in einer Zeit, als in Europa nur jede fünfzigste Frau einen Führerschein hatte. Auch Klassen- und Rassenschranken waren ihr völlig egal. Viele Musiker wurden enge Freunde und widmeten ihr Kompositionen. Neben Nica’s Dream sind Thelonious Monks Pannonica und Nica’s Tempo von Gigi Gryce die bekanntesten.
2: Zitiert aus Barbara Gardners Liner Notes zu Horace-Scope.
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