Horace Silver - Further Explorations

Veröffentlicht am 7. Mai 2026 um 08:30

 

Horace Silver Further Explorations 

 

Blue Note BST-81589; 01/1958; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Art Farmer – tp; Cliff Jordan – ts; Horace Silver – p; Teddy Kotick – b; Louis Hayes – ds.

 

Side A:

1) The Outlaw

2) Melancholy Mood

3) Pyramid

 

Side B:

1) Moon Rays

2) Safari

3) Ill Wind

 

In den 1950ern war die New Yorker Jazz-Szene in ständiger Bewegung. Bands waren wie Eintagsfliegen – heute angesagt, morgen Geschichte. Leute kamen und gingen und gefühlt spielte jeder mal mit jedem. Ein wenig ahnt man davon, wenn man sich die Besetzungen klassichen Jazz-Alben auf Labels wie Blue Note, Prestige oder Riverside anschaut. Vielen Musikern begegnet man immer wieder, aber selten im selben Kontext.

 

Für jemanden, der bestrebt war, eine feste Band zu etablieren war diese szeneimmanente Volatilität sicher nicht einfach. Auch in Horace Silvers Quintett gab es reichlich Fluktuation. Nach Six Pieces of Silver (11/1956) sagten Bassist Doug Watkins und Trompeter Donald Byrd Goodbye, es kamen Teddy Kotick und Art Farmer. Ein halbes Jahr später, nach The Stylings of Silver (05/1957), ging Saxophonist Hank Mobley.

 

So ergab es sich, dass Further Explorations in der Diskographie Horace Silvers eine Sonderstellung einnimmt: Es ist das einzige Album mit dem Tenorsaxophonisten Clifford Jordan. Der hatte Anfang 1957 den Sprung von Chicago nach New York gewagt und, unüblich, seine Aufnahmekarriere für Blue Note mit einer Session als Co-Leader gestartet. Gemeinsam mit John Gilmore spielte er im März das Album Blowing in From Chicago ein. Der Sideman am Piano? Ein gewisser Horace Silver.

 

Silver muss gefallen haben, was er hörte, denn als Mobley die Band verließ, stieg Jordan ein. Mit seinem samtigen, warmen Ton wurde er zu einem prägenden Element auf Further Explorations*. Immerhin konnte Silver den Rest der Band halten: Louis Hayes, Teddy Kotick und Art Farmer blieben an Bord.

 

Horace Silver war einer der maßgeblichen Komponisten des Hard Bop. Oft waren seine Stücke eingänglich, aber nie simpel. Er konnte jedoch auch komplex oder vertrackt – und der Opener The Outlaw ist eines dieser Stücke. Es klingt nie schwer (im Sinne von diffizil), besitzt aber eine Vielzahl von Motiven, zum Teil mit Tempo- und Rhythmus-Wechseln, die dafür sorgen, dass der Outlaw, um im Bild zu bleiben, schwer greifbar ist, weil er ständig Haken schlägt und die Form wechselt. Leonard Feather erläutert in den Liner Notes, dass wir hier 13-, 10-, und 16-taktige Abschnitte haben (gut, denn beim Zählen bin ich nicht mehr mitgekommen), bis schließlich Jordan über einem dunklen Klavier-Ostinato ins erste Solo einsteigt. Doch auch während der Soli bleiben die Konturen des Songs flüchtig wie Zigarettenrauch. Das Erstaunliche: was sich hochgradig konstruiert liest, klingt auf der Platte völlig unangestrengt. Zugegeben, es ist komplizierter als The Preacher und besitzt eine gewisse Hibbeligkeit, weil die Musik den Hörer immer wieder in eine andere Richtung zieht. Insofern ist es kein Titel für die Juke Box, aber es bleibt bei aller Komplexität freundlich, anders als zum Beispiel Grachan Moncur und Andrew Hill ein paar Jahre später.

 

Auch die Ballade Melancholy Mood ist raffinierter, als man zunächst denkt. Silver, Kotick und Hayes spielen das Stück im Trio. Silver benutzt siebentaktige Motive, was erneut gegen den Strich der Konvention gebürstet ist, aber so natürlich wirkt, dass man die ungerade Struktur bei oberflächlichem Hören gar nicht bemerkt. Silver und Kotick am gestrichenen Bass sorgen für die athmosphärisch dichte Einleitung, bevor Silver im zweiten Chorus soliert, dann geht’s zurück zum Thema.

 

Beim attraktiven, moll-gefärbte Pyramid, sind alle wieder dabei. Tenorsax und Trompete spielen die Melodie unisono vor einer Reihe von Klavierakkorden, deren Stakkato die Hörner regelrecht anzutreiben scheint. Es ist konstruktiv konventioneller, bietet aber ebenfalls ständige Rhythmuswechsel zwischen Swing und Latin. Farmer, Jordan und Silver solieren: Farmer mit klaren, locker fließenden Linien, während Jordan seinen ganz eigenen, singenden Ton einbringt. Singend im wahrsten Sinne – mehr als andere Saxophonisten lässt er sein Horn sprechen. Er hält sich mit der Menge der gespielten Noten zurück und bleibt vornehmlich im mittleren, „menschlichen“ Register des Instruments. Silver selbst klingt auf seinem Solo mit kurzen, funky Phrasen wie ein kleiner Blues-Kobold.

 

Seite 2 führt das Wechselbad der Stimmungen fort. Silver bezeichnete Moon Rays als „walking ballad – a little faster than a typical ballad“. Farmer und Jordan blasen das Thema nicht unisono, sondern erzeugen mit langgezogenen Tönen tiefdunkle Harmonien. Diese balladeske Schwere lichtet sich jedoch bald, und während der Soli wechselt Moon Rays in einen freundlichen Medium Swing, erst das Ende der Coda nimmt die dunkle Stimmung noch einmal auf.

 

Safari ist der Burner der Platte, rasend schnell und in Moll. Ich muss dabei an eine Meute von Touristen am Rande der Hysterie denken, um ihr Leben laufend und verfolgt von hungrigen Räubern. Das Stück ist ein kleines Feature für Drummer Louis Hayes, der auf dem gesamten Album äußerst variabel agiert, hier aber mit klasse Breaks und einem knackigen Solo besonders überzeugt.

 

Die einzige Fremdkomposition ist Harold Arlens Ill Wind. Treue Leser erinnern sich vielleicht: hatten wir doch vor kurzem erst auf Lee Morgans Cornbread, da drängt sich ein Vergleich auf. Der Wind weht bei Silver in seinem entspannten Midtempo erheblich weniger ill. Farmer spielt die Melodie mit schönem, klarem Ton, Jordan bläst dazu einen dezenten Kontrapunkt. Ich weiß nicht, was genau sich Arlen vorgestellt hat, aber dem implizierten Unheil des Titels wird Morgans Fassung vielleicht besser gerecht. Egal. Farmer, Jordan und Silver dürfen alle ein letztes Mal solieren, dann ist die Platte vorbei und man hat, wie eigentlich immer bei Silver, das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.

 

Fazit: Die einzige Aufnahme von Horace Silvers Quintett mit Art Farmer und Clifford Jordan überzeugt mit einem unangestrengten Duktus und attraktiven, oft komplexen Themen, die aber nie kopflastig wirken. Jordan kompensiert den Abgang von Hank Mobley mit warmem, singendem Ton und einem angenehm reduzierten Solostil, der mit wenigen Noten viel aussagt.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: RvG sorgt auf einer frühen Stereo-Aufnahme einmal mehr für einen farbstarken, dynamischen und direkten Klang.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Frühling 2026 gut, aber teuer als Teil der Tone Poet Series. Wem die 40€ zu viel sind, der findet mit etws Glück eine ordentliche Ausgabe auf Rat Pack für knapp über 20€.

 

*Neben Jordan verließ auch Art Farmer die Band nach Further Explorations. Jordan versuchte sich eine Zeit lang als Freelancer, bevor er sich 1964 der Band von Charles Mingus anschloss. Farmer gründete mit Benny Golson das Jazztet, eine weitere Institution des Small Band Jazz.

 

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