Horace Silver and the Jazz Messengers
Blue Note BLP 1518, 11/1954; 02/1955; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Kenny Dorham – tp; Hank Mobley – ts; Horace Silver – p; Doug Watkins – b; Art Blakey – ds;
Side A:
1) Room 608
2) Creepin’ In
3) Stop Time
4) To Whom It May Concern
Side B:
1) Hippy
2) The Preacher
3) Hankerin’
4) Doodlin’
Wie einige andere frühere Blue-Note-LPs – etwa von Miles Davis und Lou Donaldson – war auch das 1956 unter der Katalognummer BLP 1518 veröffentlichte Horace Silver and the Jazz Messengers, das so etwas wie eine Blaupause für den Hard Bop werden sollte, ursprünglich in dieser Form nie geplant, sondern entstand als Kompilation von älterem Katalogmaterial im 10"-Format. Alfred Lion hatte Silver mit seinem Quintett im November 1954 und Februar 1955 zweimal ins Studio gebeten; die Ergebnisse waren The Horace Silver Quintet (BN 5058) und Horace Silver Quintet Vol. 2 (BN 5062).
Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Platte ein Verkaufserfolg war – zumindest gemessen an den üblichen Stückzahlen von Blue Note. Nach den Bebop-Jahren mit ihren abstrakten Kompositionen und teils halsbrecherischen Tempi war Horace Silver and the Jazz Messengers volksnahe Ware ohne Zugangsbeschränkung. Manchmal sogar zu volksnah: The Preacher ist eine simple, gospelgeprägte und jukebox-taugliche Komposition von Silver mit einer Prise Backbeat (Silver selbst in den Liner Notes) und einer derart eingängigen Melodie, dass es für Alfred Lion schon zu viel des Guten war und er das Stück ursprünglich nicht auf dem Album haben wollte. Blakey und Silver überredeten ihn jedoch – und so landete Blue Note einen Hit …
… und Horace Silver als Komponist in den Schlagzeilen. Denn außer Mobleys Hankerin’ stammen hier alle Titel von ihm. Während Room 608, Stop Time und Hippy (plus Hankerin’) noch in recht strammem Tempo daherkommen und eher boppig klingen, weisen die restlichen vier Stücke in die hardbop-geprägte Zukunft des Labels. Creepin’ In und Doodlin’ sind schwer bluesig, To Whom… besitzt eine verspielte Latin-Note, und The Preacher habe ich schon erwähnt. Nebenbei: Was das Stück angeht, bin ich eher in Lions Lager – für mich trägt es seine infektiöse Fröhlichkeit ein bisschen zu dick auf. Aber was rede ich? Es war gut genug für Blakey und Silver; die werden schon gewusst haben, warum.
Einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Platte dürfte auch die Geschlossenheit der Jazz Messengers geleistet haben. Die Gruppe war perfekt eingespielt und agierte auf einem so konstant hohen Niveau, dass man ohne die Liner Notes nie auf den Gedanken käme, es hier mit Aufnahmen aus unterschiedlichen Sessions zu tun zu haben. Die Musik wirkt wie aus einem Guss. Blakey und der gerade 20-jährige Watkins sorgen für eine enorm tragfähige rhythmische Basis, und die beiden Bläser sollten in den nächsten zehn Jahren zahlreiche Alben unter eigenem Namen aufnehmen. Um Saxofonist Mobley – zu seinen Lebzeiten vielleicht etwas unterschätzt – hat sich in den letzten Jahren eine gar nicht so kleine Schar von Jüngern versammelt, die sein zwar unspektakuläres, aber geschmeidiges Spiel mit leicht warmem Ton verehren. Trompeter Dorham mit seinem tendenziell lyrischen Stil war schon immer ein persönlicher Favorit. Seine Soli bewegen sich überwiegend im mittleren Register und klingen nie laut oder aggressiv. Sie sind intensiv (den Begriff leidenschaftlich fände ich hier zu hoch gegriffen), aber effektfrei und stets präzise kontrolliert. Mobley und Dorham ergänzen sich hier so gut, dass auch sie als Frontline eine Art Standard für den Hard Bop setzten.
Kurz nach diesen Aufnahmen trennten sich die Wege von Horace Silver und Art Blakey. Beide sollten später unter eigenem Namen größere Alben einspielen, die heute kanonischen Status besitzen. Dennoch ist Horace Silver and the Jazz Messengers nicht nur hörenswert, sondern für Hard-Bop-Enthusiasten fast ein Pflichtkauf – es bietet Klassiker wie The Preacher und Doodlin’ in ihrer Urversion und zeigt eine maßstabsetzende Combo auf einem frühen Zenith.
Musik: ****
Sound: Historisch und natürlich in Mono, aber RvG bekommt einen recht ausgewogenen Klang hin, den man auch heute noch gut hören kann.
Verfügbarkeit: im Herbst 2025 gibt’s von dieser bahnbrechenden Aufnahme tatsächlich nur billige Ausgaben auf Second Records ohne Liner Notes, dafür in teils schicken Farben. Wer Ausgaben von Blue Note möchte, muss zu Gebrauchtware greifen, die allerdings für ca. 30€ recht leicht zu bekommen ist. Wird Zeit, dass Blue Note eine Neuauflage anbietet.
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