Jackie McLean & Co.

Veröffentlicht am 23. April 2026 um 14:33

 

Jackie McLean – Jackie McLean & Co.

Prestige 7087; 02/57; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Bob Weinstock

Jackie McLean – as; Bill Hardman – tp; Ray Draper – tba*; Mal Waldron – p; Doug Watkins – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) Flickers*

2) Help*

3) Minor Dream*

 

Side B:

1) Beau Jack

2) Mirage

 

Es gibt Hunderte von Hard-Bop-Alben aus den 1950ern und selbst ausgewiesene Fans des Genres werden kaum bestreiten können, dass längst nicht alle ein ausreichend scharfes Profil besitzen, das einen Kauf rechtfertigt. Jackie McLean & Co. jedoch hat definitiv ein Alleinstellungsmerkmal. Ob das einen Kauf rechtfertigt, sei erst einmal dahingestellt. 

Auf drei der fünf Titel, übrigens alle von Mitgliedern der Band komponiert, was man ja auch nicht oft findet, spielt nämlich der Tubist Ray Draper mit und erweitert das reguläre Quintett mit der Frontline aus Altsaxophon und Trompete um eine interessante, dunkle Farbe. Während die Tuba im New-Orleans-Jazz fester Teil der Rhythmusgruppe war, ist sie im Hard Bop (auch heute noch) ein seltener Gast. Und nicht ganz zu Unrecht. Draper spielt auf den drei Titeln der ersten Seite und darf auf allen solieren. Ganz ehrlich: Beim Hören der Platte bekommt man manchmal fast Mitleid mit ihm. Wenn er sich auf seinem riesigen Instrument durch die Changes quält, wirkt er wie ein Nilpferd auf dem Schwebebalken.

 

Das hat handfeste physikalische und technische Gründe. Ähnlich wie das Waldhorn (siehe den Beitrag zu Julius Watkins) ist die Tuba schlicht bestialisch schwer zu spielen. Ein Altsaxophon oder eine Trompete reagieren auf den kleinsten Luftstoß, eine Tuba ist ein riesiges Labyrinth aus Blech. Bis die Luftsäule in Schwingung gerät und der Ton am Trichter austritt, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Draper kämpft also permanent gegen eine konstruktionsbedingte Latenz. Im schnellen Hard Bop ist er im Grunde ein 40-Tonner, der versucht, an einem Porsche dranzubleiben.

Während Saxophonisten mit ihren Klappen fast fließende Bewegungen machen können, muss Draper massive Ventile drücken. Das erfordert Kraft und Präzision. Wenn das Tempo anzieht, dann fehlt der Tuba einfach die Schnelligkeit im Antritt, neudeutsch „Attack“. Solange sie nur das Fundament liefern muss, ist das kein Problem, aber Draper wollte mehr: Die Mitgliedschaft im Rhythmusteam war ihm zu wenig, er wollte auf seiner Tuba Melodien spielen.

 

Für den Hörer bedeutet Drapers Ehrgeiz ein Dilemma: Einerseits leidet man mit ihm, wenn er als einzelner Gladiator die Götter der Mechanik herausfordert, andererseits strahlt gerade dieser ungleiche Kampf eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann.

Zum Glück stehen wenigstens die kompositorischen Sterne günstig: Die erste Seite des Albums wirkt wie ein Film-Noir-Soundtrack. Es gibt drei Titel mit langgezogenen Melodiebögen in einem atmosphärisch tiefdunklen Moll, die Tempi sind nicht allzu hoch. Bei der Vorstellung der Themen ist die Tuba dann auch eine echte Bereicherung, denn ihre bassige Sonorität verleiht ihnen eine fast bedrohliche Aura. In den Soli aber werden die Grenzen Drapers besonders im Vergleich mit Hardman und dem ultra-agilen McLean sichtbar. Der Stil von Pianist Waldron dagegen ist spartanischer und einfühlsamer gegenüber den Bewegungen des urzeitlichen Riesen an seiner Seite.

Die Titel selbst – Flickers (Waldron), Help (Watkins) und Minor Dream (Draper) – wirken in ihrer gedämpften Geschlossenheit fast wie eine kleine Suite. Alle sind attraktiv und in ihrer Stimmung so ähnlich, dass man keinen hervorheben möchte. Vielleicht ist Drapers Minor Dream mit seinem latinesken Beat im Thema ein kleines Highlight.

 

Jackie McLean & Co. kauft man wegen der bizarren ersten Seite, aber es wäre unfair, Seite 2 zu ignorieren. Da Draper fehlt, darf man nichts ähnlich Sonderbares erwarten. Hier agiert ein reguläres Quintett, das soliden Hard Bop nach Schema F spielt, allerdings auf ausreichend hohem Niveau, sodass man auch diese Set gerne hört. Beau Jack ist ein Blues von McLean im Midtempo, nicht spektakulär, aber mit genügend Funk um nicht zu langweilen. Mirage dagegen, die zweite Komposition von Mal Waldron, ist eine wunderbare, herbstlich schimmernde Ballade mit dem entspanntesten McLean, den ich je gehört habe; Hardmans gestopfte Trompete setzt dazu ein paar Glanzlichter.

 

Verglichen mit McLeans späteren Aufnahmen für Blue Note fehlt es dieser Session für Prestige ein wenig an Präzision und Fokus. Der Geiz von Labelchef Bob Weinstock war legendär und er zahlte aus Prinzip nicht für Proben; vorgeblich ging es ihm dabei um maximale Spontanität. Manchmal gelang ihm so tatsächlich ein Volltreffer wie bei Saxophone Colossus, doch meistens wirkten die Prestige-Aufnahmen wie die armen Verwandten der Blue Notes. Seltsamerweise trifft das sogar auf den Klang zu. Jackie McLean & Co. wurde drei Monate nach Sonny Rollins Vol.1 eingespielt, klingt aber deutlich undifferenzierter, besonders das Schlagzeug.

 

Fazit: Vor Ray Draper hatte sich keiner getraut, die Tuba als Melodieinstrument im Hard Bop einzusetzen und das allein rechtfertigt die Beschäftigung mit Jackie McLean & Co. Allerdings versteht man danach auch, warum die Tuba im Jazz ein Nischeninstrument geblieben ist. Drapers Kampf gegen sein Instrument ist nicht immer schön anzuhören, besitzt aber eine entwaffnende Ehrlichkeit und einen speziellen Reiz. Dazu verleiht der dunkle Ton der Tuba den Stücken auf Seite 1 eine bedrohliche Aura, die ich so bei keinem anderen Album im Hard Bop kenne.

 

Musik: ****

 

Sound: Eine RvG-Aufnahme, die eher okay als wirklich gut klingt, mit etwas kraftlosem Schlagzeug.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Früjahr 2026 nur gebraucht ab ca. €25 bei den einschlägigen Anbietern.

 

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