Jimmy Smith - Crazy! Baby

Veröffentlicht am 13. April 2026 um 18:31

 

Jimmy SmithCrazy! Baby

Blue Note BST-84030; 04/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Jimmy smith – org; Quentin Warren – gtr; Donald Bailey – ds.

 

Side A:

1) When Johnny Comes Marching Home

2) Makin’ Whoopee

3) A Night in Tunisia

 

Side B:

1) Sonnymoon for Two

2) Mack the Knife

3) What’s New

4) Alfredo

 

Frank Wolff erinnerte sich noch gut an seine erste Begegnung mit Jimmy Smith1: „Zum ersten Mal hörte ich Jimmy in Small’s Paradise im Januar 1956… ein überwältigender Anblick. Ein Mann in Konvulsionen, das Gesicht verzerrt, vornübergebeugt wie unter Qualen, seine Finger flogen, sein Fuß tanzte über die Pedale. Der Raum war voller Wellen von Klang, wie ich sie noch nie gehört hatte. Der Lärm war ohrenbetäubend...

 

Eine Begegnung mit Folgen für Künstler und Label. Gut vier Jahre später, im April 1960, spielte der Mann in Konvulsionen mit Crazy! Baby seine sechzehnte (!) Aufnahme als Leader für Blue Note ein. In den Jahren dazwischen hatte er fast im Alleingang die Hammond B3 als ernstzunehmendes Instrument im Hard Bop etabliert und wurde zum musikalischen Epizentrum des Labels. Unter der Hard-Bop-Elite von Blue Note dürfte es kaum jemanden gegeben haben, der nicht mindestens einmal mit ihm im Studio war.

 

Anfangs nahm er hauptsächlich im Trio mit Gitarre und Schlagzeug auf, später wurden die Besetzungen manchmal größer, bis zum Sextett auf House Party (BLP 4002) und The Sermon (BLP 4011). Auf Crazy! Baby kehrte er zum Trio zurück, begleitet von Quentin Warren (g) und seinem regulären Drummer Donald Bailey.

 

Schon beim Opener wird klar, warum bei Blue Note alle paar Monate ein Album von Jimmy Smith erschien: der Mann hatte, was man von den Künstlern des Labels nicht immer behaupten konnte, unbestreitbaren Massenappeal, ohne qualitative Abstriche zu machen. When Johnny Comes Marching Home beginnt mit einem ominös dräuenden Hammond-Akkord über Baileys Marsch-Rhythmus. Kurz fragt man sich, ob Johnnys Heimkehr Grund zur Freude oder doch eher Anlass zur Sorge ist, aber dann kippt das Stück in einen Uptempo-Swing. Und hier zeigt Smith, nach einem kurzen Beitrag von Warren, wo der Frosch die Locken hat. Er hatte ein phänomenales Gespür für Timing und spielt ein wahrlich feuriges, dynamisches Solo: ausgehend von Single-Note-Linien schichtet er Akkordberge auf, lässt sie wieder einstürzen und beginnt erneut. Dabei variiert er ständig Phrasen, synkopiert und produziert eine endlose Folge bluesiger Riffs, die den Zuhörer mit ihrer Wucht regelrecht ins Sofa drücken. Nach einem fast fünf-minütigen Solo geht’s zurück zum Thema und eigentlich hat sich hier schon der Kauf der Platte gelohnt.

 

Aber es kommt noch ja mehr. Wenn ich ehrlich bin: Auf den bluesigen oder schnellen Titeln gefällt mir Smith am besten. Nach dem intensiven Workout auf Johnny ist allerdings erst einmal Schonkost angesagt: Makin’ Whoopee ist nicht übel, aber genau die Art von Jazz, die mein Sohn als „Zirkusmusik“ bezeichnen würde. Also nicht wirklich schlecht, im Albumkontext jedoch etwas bieder. Auch A Night in Tunisia rumpelt im Thema ein wenig, als sei das Stück nicht wirklich ideales Material für die Hammond, entlohnt aber in den Soli – Warren darf auch einmal – mit mächtigem Swing.

 

Insgesamt bewegt sich Seite 2, obwohl kein Stück die Ohrwurmqualitäten von Johnny erreicht, auf einem höheren Niveau, weil keine Nummer wirklich abfällt. Sonny Rollins’ Sonnymoon for Two ist ein echter Blues und absolutes Heimspiel für Smith. Bevor er seine ersten Gigs spielte, hatte er sich, ursprünglich vom Piano kommend, über ein Jahr lang eine Lagerhalle gemietet, um sich intensiv mit der Hammond und ihren Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Smith spielt mit dem quasi unendlichen Sustain der Orgel und setzt es gezielt ein, um die Figuren seiner rechten Hand mit einem dröhnenden Ton oder Akkord zu unterfüttern, was zum Beispiel seinem Solo auf Sonnymoon (ein Ton wird über eine Minute gehalten, während die rechte Hand Bluesphrasen raushaut) unglaubliche Power verleiht.

 

Mack the Knife geht ein bisschen in Richtung Whoopee, bietet aber das stärkere Thema. Einen echten Kontrast liefert What’s New, die einzige Ballade des Albums. Wenn Smith trotz seiner Virtuosität noch Luft nach oben hatte, dann bei Stücken, die davon profitieren, nicht permanent am Anschlag gespielt zu werden. What’s New ist so ein Titel. Hier spielt Smith zwar mit etwas gebremstem Schaum, dennoch geht die latente Melancholie des Stückes für mein Empfinden, gerade gegen Ende, in den zuweilen etwas vorlauten Orgelakkorden verloren.

 

Das Album schließt nach sechs Fremdkompositionen mit der einzigen Nummer von Smith: Alfredo, ein lässig federnder Moll-Blues, sorgt für einen würdigen Abgang mit einem kurzen Beitrag von Warren und einem ausgedehnteren von Smith.

 

****

 

Da das kürzlich besprochene Talkin’ About ebenfalls von einem Orgeltrio – Larry Young, Grant Green und Elvin Jones – eingespielt wurde, liegt ein Vergleich nahe. Bei Crazy! Baby haben wir es nämlich absolut nicht mit herber modaler Kost zu tun, sondern mit einem attraktiven, publikumswirksamen Jazz in Doppelrahmstufe, der bald als Soul-Jazz in den Clubs für Furore sorgen sollte. Zum mitreißenden, blues-basierten Spiel von Smith konnte man sicher gut sein Feierabendbier weglöten und harmonische Abenteuer oder tonale Experimente hatte man auch nicht zu befürchten, aber…

 

Talkin’ About mag auf den ersten Blick weniger plakativ daherkommen, besitzt jedoch andere Qualitäten: es lebt wesentlich von der Interaktion der beteiligten Musiker und vermittelt echtes Band-Feeling. Es wirkt wie das Ergebnis einer Session dreier gleichberechtigter Stimmen, während Smith auf Crazy! Baby klar dominiert. Warren darf sich sporadisch mal melden, Bailey bekommt kein einziges Solo.

 

Natürlich ist Smith absolut in der Lage, auch bei längeren Soli zu fesseln (siehe Johnny...), dennoch vermisst man bisweilen Nuancierung. Über die Dauer des Albums gibt es von ihm viel Vollgas, während die begleitenden Stimmen wenig Raum für Kontraste erhalten. Im Vergleich zu Elvin Jones auf Talkin’ About wirkt Bailey hier wie ein reiner Rhythmus-Knecht, was seinen Fähigkeiten sicher nicht gerecht wird. Sein Spiel ist subtil, aber meist reaktiv. Er folgt Smiths Exkursionen wie ein rhythmischer Schatten und setzt nur selten eigene Akzente. Im Grunde gilt das auch für Warren. Er bekommt zwar die eine oder andere Gelegenheit für ein kurzes Solo, sorgt dabei aber eher für klangliche Abwechslung, als ein signifikantes musikalisches Statement abzugeben.

 

Bei Talkin’ About dagegen sind die Beiträge von Young und Green so gleichberechtigt, dass man sich fragt, ob es überhaupt Sinn ergibt, von einem Leader zu sprechen – und Jones an den Drums sorgt für konstante Bewegung: ein ständig brodelnder Vulkan, unberechenbar und doch verlässlich.

 

Aber vielleicht zielt dieser Vergleich ins Leere. Auch in Jazzbands müssen die Mitglieder nicht immer auf Augenhöhe agieren und ein Trio um Jimmy Smith will vermutlich kein Experiment in Basisdemokratie sein, sondern zeigen, was im Jazz auf der Hammond B3 möglich ist. Und da setzt Smith auf Crazy! Baby einige echte Duftmarken.

 

Fazit: Wer in Jimmy Smiths umfangreiche Blue-Note-Diskographie einsteigen möchte, macht mit Crazy! Baby nichts falsch. Nach vier Jahren beim Label hatte er sein Spiel deutlich verfeinert und liefert ein Programm mit attraktiven Themen und einigen spektakulären Soli. Man versteht, warum er bei Blue Note in kürzester Zeit zum Star wurde.

 

Musik: ****

 

Sound: Bei Jimmy Smiths Debüt A New Sound… A New Star… bereitete der dynamische Headroom der Hammond echte Probleme im Studio, von denen aber auf Crazy! Baby nichts mehr zu hören ist. Die Hammond klingt druckvoll und lebendig, auch die Balance zwischen den Instrumenten stimmt.

 

Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 nur gebraucht bei den einschlägigen Anbietern. Ab ca.30€.

 

1: Liner Notes zu The Best of Jimmy Smith von 1968.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.