Donald Byrd - Byrd In Flight

Veröffentlicht am 24. März 2026 um 09:51

 

Donald ByrdByrd In Flight

 

Blue Note BST-84048; 01/1960, 07/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Donald Byrd – tp; Hank Mobley – ts1; Jackie McLean – as2; Duke Pearson – p; Doug Watkins1, Reginald Workman2 – b; Lex Humphries – ds.

 

Side A:

1) Ghana1

2) Little Boy Blue2

3) Gate City1

 

Side B:

1) Lex1

2) “Bo“ 2

3) My Girl Shirl2

 

Schon wieder Donald Byrd? War eigentlich nicht geplant, aber da im Plattenschrank Byrd in Hand und Byrd in Flight quasi nebeneinander stehen, habe ich beide rausgezogen und durchgehört. Sollte jemand vor dem Problem stehen, sich nur eine dieser Platten leisten zu können, dann würde ich ohne Zögern zu Byrd in Flight raten, obwohl dieses Album, ungewöhnlich für Blue Note, über insgesamt drei Sessions und mit zwei unterschiedlichen Besetzungen eingespielt wurde.

 

Negative Auswirkungen hat das jedoch nicht. Die Befürchtung, das Album könnte aufgrund der personellen Wechsel an Geschlossenheit verlieren, ist unbegründet. Byrd in Flight ist ein absolut labeltypisches, starkes Hard-Bop-Album, bei dem Byrd auf drei Titeln vom geschmeidigen Tenor Hank Mobleys und auf drei weiteren vom schneidenden Altsaxofon Jackie McLeans ergänzt wird. Zwar wechselt auch der Bassist (Doug Watkins spielt auf der Session mit Mobley, Reggie Workman ersetzt ihn beim Rest), doch mit einem weiteren zentralen Akteur dieser Aufnahme, dem Pianisten Duke Pearson, sowie dem Schlagzeuger Lex Humphries bleibt die Basis erhalten.

 

Weniger ist mehr: Dass nur zwei statt drei Bläser die Frontline bilden, ist ein echter Segen; es hält die Sache übersichtlich. Persönlich finde ich, dass sich Rouse und Adams auf Byrd in Hand zuweilen gegenseitig im Weg standen, und auch die Möglichkeiten einer dreistimmigen Bläserfront wurden vielleicht nicht immer voll genutzt. Diese Probleme haben wir hier nicht. Zwar liefern sowohl Mobley als auch McLean einen tonalen Kontrast zu Byrd, dieser bleibt aber weniger hart als auf Byrd in Hand. Mir gefällt das besser.

 

Das erlaubt dem Album nämlich, eine fröhliche, verspielte Note zu entwickeln. Das hört man gleich auf dem Opener Ghana, einem optimistisch klingenden modalen Stück mit afro-kubanischem Einschlag im Thema, bei dessen Bridge der tatsächlich vogelartig in den hohen Registern kreisende Byrd von Mobleys kontrapunktischer Linie geerdet wird. Während der Soli wechselt Ghana in einen Up-tempo Swing, bei dem Byrd und danach Pearson, Beiträge liefern, die eher locker tänzeln als aggressiv zu pushen. Saxofonist Mobley hat heute, mehr als zu seinen Lebzeiten, eine verschworene Gemeinde von Fans, die seine Geschmeidigkeit bewundern. Wenn man sein Solo hört, versteht man, warum: Er klingt niemals angestrengt und gleitet quasi ohne Bodenkontakt durch die Musik.

 

Die versonnene Ballade Little Boy Blue ist der einzige Standard hier und ein Vehikel für Byrd und Pearson, die auf diesem Album wirklich Brüder im Geiste sind. Beide agieren entspannt, mit sparsam gesetzten Noten und denken in langen Melodiebögen. Ein Stück, bei dem man die Augen schließt und sich an bessere Orte träumt. Pearsons Gate City schließlich ist ein entspannt schwingender Blues mit Gospel-Vibe, wie ihn alle Beteiligten – Byrd, Pearson und Mobley kommen zu Wort – im Schlaf spielen konnten; und deswegen bleiben sie auch hier tiefenentspannt, ohne jedoch eine Sekunde beliebig zu klingen. Sie dürfen einfach ohne Theater und deklamatorischen Gestus locker swingen.

 

Lex, der zweite Titels des Leaders, bleibt trotz seines boppigen Up-Tempos ebenfalls in der Haltung locker. Byrd, Mobley und Pearson führen dem Stück in ihren Soli gerade genug Energie zu, um den Flow zu bewahren, ohne es zu überhitzen. Normalerweise steigt die Temperatur einer Session, wenn Jackie McLean dabei ist, aber auf Pearsons zweiten Stück, dem bluesigen „Bo“, orientiert er sich in seinem Solo an Byrd und Pearson und bleibt zurückhaltend im Ton, aber nicht unverbindlich. Pearsons cleveres Solo ist auf den ersten Blick unspektakulär, erst bei genauerem Hinhören bemerkt man den präzisen Aufbau, die kontinuierliche Steigerung von smoothen Single Notes zu bluesigen Akkorden.

 

Das Highlight der Platte kommt zum Schluss. Duke Pearsons My Girl Shirl ist mitreißend, eine Hymne auf das Verliebtsein: ekstatisch, überschwänglich, euphorisch. Hier darf McLean im Solo dann doch noch mal härter zupacken, während Byrd und Pearson selbst im Rausch der Gefühle cool bleiben.

 

Bevor ich es vergesse, ein Wort zur Rhythmusgruppe. Wie immer bei Blue Note ist hier alles im Lot. Lex Humphries war der reguläre Drummer in Donald Byrds Band und sorgt auf dem Album für den konstanten Gruppensound, auch wenn die Bassisten wechselten. Die aber machten es Humphries leicht: Doug Watkins war einer der meistgebuchten Bassisten in New Yorks Hard-Bop-Szene. Er hatte auf zahllosen Sessions gespielt, unter anderem auf Klassikern wie Saxophone Colossus. Reginald Workman sollte ebenfalls zu einem gefragten Session-Musiker werden, nicht nur im Hard Bop, sondern häufig auch mit Abenteurern wie John Coltrane und Archie Shepp. Byrd in Flight war eine seiner frühesten Sessions, aber spielen konnte er auch hier schon.

 

Fazit: Für mich eines der stärksten Hard-Bop-Alben von Donald Byrd mit eingängigen Kompositionen und einem erstaunlich geschlossenen Gruppensound, wenn man bedenkt, dass die Platte mit teils wechselndem Personal an drei Terminen eingespielt wurde. Duke Pearson erweist sich einmal mehr als Schlüsselfigur und steuert nicht nur drei Stücke bei, sondern dürfte auch als Arrangeur den Charakter der Aufnahme geprägt haben. Das Ergebnis ist eine fein austarierte Session: elegant und locker, mit einer unterschwelligen Intensität.

 

Musik: ****

 

Sound: Gute, dynamische Aufnahme mit authentischen Klangfarben. Etwas überdosierter Hall auf den Drums.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Frühjahr 2026 recht einfach zu bekommen. Culture Factory bietet eine preiswerte Version für deutlich unter 30€, alternativ gibt es von Blue Note eine hochwertige Ausgabe in der Tone Poet Reihe, ca. 40€.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.