Horace Parlan Quintet – Speakin’ My Piece
Blue Note ST-84043, 07/1960, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Tommy Turrentine – tp; Stanley Turrentine – ts; Horace Parlan – p; George Tucker – b; Al Harewood – ds;
Side A:
1) Wadin’
2) Up In Cynthia’s Room
3) Borderline
Side B:
1) Rastus
2) Oh So Blue
3) Speakin’ My Piece
Bevor Horace Parlan unter eigenem Namen für Blue Note aufnahm, hatte er sich bereits als Pianist im Umfeld von Charles Mingus einen Namen gemacht. Er ist unter anderem auf Mingus Ah Um und Blues & Roots zu hören, die er mit seinem gospelgetränkten Pianospiel durchaus mitprägte. 1960 holte Alfred Lion ihn zu Blue Note und nahm ihn in einem Jahr gleich drei Mal auf. Nach zwei Alben mit Trios war Speakin’ My Piece das erste mit einer größeren Besetzung. Stanley und Tommy Turrentine erweiterten sein reguläres Trio mit Bassist George Tucker und Drummer Al Harewood zu einem klassischen Hard-Bop-Quintett. Und tatsächlich bietet das Album Hard Bop in Reinkultur. Fünf der sechs durchweg eingängigen Stücke stammen von den Musikern selbst – der soulige Blues Wadin’, das verspielte Up in Cynthia’s Room und Speakin’ My Piece sind Parlans, Rastus ist von Tommy Turrentine, Borderline von Bruder Stanley, dazu kommt die Ballade Oh So Blue von Leon Mitchell, einem Komponisten aus Parlans Heimatstadt Philadelphia.
Auf dem Cover sieht man einen lächelnden Parlan und dieser Eindruck passt zur Musik. Speakin’ My Piece ist eine freundliche, optimistische Platte. Die Kompositionen sind nicht so komplex, dass sie ahnungslose Hörer verschrecken, die Soli werden nie zu dissonant, die Rhythmen nie zu heftig, aber die Turrentine Bros und erst recht Parlan selbst geben dem Album mit ihren Beiträgen (s.u.) eine gewisse Kantigkeit, so dass es zu keiner Sekunde glatt oder steril wirkt. Formal mögen, mit Ausnahme von Wadin', die meisten Stücke hier kein Blues sein, aber man spürt den Geist von Blues und Gospel auf der ganzen Platte.
Parlans Klavierstil ist aus traurigem Grund individuell. Nach einer Kinderlähmung war die Bewegungsfreiheit seiner rechten Hand eingeschränkt. Bei ihm hört man daher keine virtuosen Single-Note-Linien wie bei Bud Powell; sein Spiel ist reduzierter, perkussiver und setzt viel auf bluesig klingende Akkorde. Aber genau das verleiht der Musik einen gospeligen Charakter und echte Power. Seine Soli packen einen nicht durch ihren melodischen Einfallsreichtum, sondern durch Rhythmik und Swing. Wer Bobby Timmons oder Horace Silver mag, dem wird auch Parlan gefallen.
Dazu passen die Beiträge der beiden Turrentines, insbesondere die von Stanley, der den großen Saxofonisten der Swing-Ära wie Coleman Hawkins näher steht als Modernisierern wie Coltrane oder Rollins. Er geht vergleichsweise sparsam mit Noten um, spielt aber dynamisch und zupackend und sein Ton klingt immer leicht rau – perfekt für Jazzclubs oder eben bluesgetränkte Gigs wie Speakin’ My Piece.
Eine Stärke des Albums ist seine Konstanz. Ich finde hier keinen Titel, der gegenüber den anderen merklich abfällt oder der nicht zur relaxten Intensität der Stimmung passt. Dabei schafft es Speakin' My Piece, leicht zu klingen, ohne einfach zu sein. Rastus zum Beispiel offenbart beim genauen Hinhören einen raffinierten Aufbau und changiert schwer greifbar zwischen den Tongeschlechtern, klingt dabei aber nie kopflastig oder technisch. Weitere persönliche Lieblinge sind Wadin’, Borderline und das traurige (wirklich tiefblaue) Oh So Blue mit einem schönen Beitrag von Tommy Turrentine auf seiner gedämpften Trompete.
Kurz: Das passende Attribut für Speakin’ My Piece ist zugänglich. Es verschiebt keine Grenzen, ist aber auch nicht seicht oder anspruchslos. Es klingt weder schwierig noch zu brav, ist im positiven Sinne routiniert, aber nie belanglos. Wer wissen möchte, was bei Blue Note im Jahr 1960 Stand der Dinge war, ist mit der Platte hervorragend bedient.
Musik: ****1/2
Sound: gewohnt gute Aufnahme von RvG.
Verfügbarkeit: Im Herbst 2025 gut, Teil der Blue Note Classic Vinyl Series.
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