Freddie Roach – Brown Sugar
Blue Note BST 84168, 03/1964, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Freddie Roach – org; Joe Henderson – ts; Eddie Wright – gtr; Clarence Johnston – ds;
Side A:
1) Brown Sugar
2) The Right Time
3) Have You Ever Had The Blues
Side B:
1) The Midnight Sun Will Never Set
2) Next Time You See Me
3) All night Long
Sieh mal einer an: da hatte sich doch tatsächlich ein Mitglied von Blue Notes Hammond-Fraktion mit einem der großen Modernisierer des Tenorsaxophons zusammengetan. Das Team Roach/Henderson hätte man nicht unbedingt erwartet, aber so ganz überraschend kommt es dann doch nicht: Joe Henderson hatte seine Lehrjahre in Detroiter Blues-Combos absolviert und wusste, wie man das Publikum mitreißt.
Und ich finde, diese unkonventionelle Kombination funktionierte nicht nur gut, sondern hervorragend. Hendersons leicht avantgardistische Neigungen machen seine Soli selbst bei bodenständigstem Blues unvorhersehbar und er vergisst nie, zu swingen, wie etwa bei dem mächtig treibenden Have You Ever Had The Blues. Freddie Roach mag auf der Hammond nicht so dominant oder feurig sein wie Jimmy Smith, aber er war auch kein Leichtgewicht.
Roach erklärt in seinen selbstgeschriebenen und lesenswerten Liner Notes unumwunden, dass Brown Sugar gar nichts anderes sein will, als straighter Hammond-basierter Soul Jazz. Die Platte sollte die Atmosphäre in einem Jazz Club einzufangen, in dem die Leute ausgelassen tanzen. Vorweg: Meist schafft sie das, aber sie hat schon auch eine innere Dynamik. Es gibt hier nicht nur Vollgas und die Seiten haben unterschiedliche Charaktere.
Auf Seite 1 finden wir mit Brown Sugar und dem eben schon erwähnten Have You Ever Had The Blues zwei absolut tanzflächentaugliche Burner, bei denen kein Auge trocken bleibt. Roach und besonders Henderson spielen hier zupackend und expressiv. Dazu kommt mit The Right Time ein Stück von Ray Charles, das zwar langsamer daherkommt, aber keinen Deut weniger soulig.
Seite 2 dagegen bietet zwar mit dem locker shuffelnden Next Time You See Me einen dritten Burner, aber dazu auch zwei wunderbare ruhige Stücke, die aus dem Soul-Jazz Dogma ausbrechen: Quincy Jones’ The Midnight Sun Will Never Set klingt zärtlich und warm. Hendersons Ton ist samtig und vollmundig wie heiße Schokolade. Fast noch besser gefällt mir All Night Long, auf dem die Band eine unglaublich schöne Stimmung erzeugt: eine Art melancholische Sehnsucht, mit zurückhaltenden, fast verträumten Soli von Henderson und Roach.
Fazit: Brown Sugar bietet eine Menge intensiven und unterhaltsamen Soul Jazz, aber es sind die exquisiten ruhigen Momente, die für Abwechslung sorgen und diese Aufnahme aus der Masse ähnlicher Sessions herausheben. Joe Hendersons Tenorsaxophon ist eine absolute Bereicherung.
Musik: ****1/2
Sound: Gut, Tenorsax sehr farbstark. In einigen dynamischen Passagen klingt die Aufnahme leicht übersteuert.
Verfügbarkeit: im Herbst 2025 etwas schwierig und nur Online. Meine VMP-Ausgabe ist schön gemacht und sporadisch noch zu bekommen, kostet aber ab 40€ aufwärts.
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