Reise zum Mittelpunkt der Musik - Clearaudio Al Di Meola Celebrity Edition

Veröffentlicht am 27. Mai 2026 um 11:35

Sieht aus jeder Perspektive gut aus: der Clearaudio Al Di Meola Celebrity Edition

Der Profiler Tonarm ist eine Granate. 

Der Dreher in Aktion.

Clearaudio Al Di Meola Celebrity Edition

 

Since sorrow never comes too late,

      And happiness too swiftly flies.

Thought would destroy their paradise.

No more; where ignorance is bliss,

      'Tis folly to be wise.

 

(Thomas Gray: Ode on a Distant Prospect of Eton College, 1742)

 

Die Sorgen kamen in der Tat früh genug, wenn auch unerwartet. Begegnungen mit exquisiten Komponenten bergen immer eine Gefahr. Wenn du erst einmal in die lichten Weiten des audiophilen Himmels geschaut hast, dann kann es passieren, dass dir die Welt von bescheidenerem Equipment plötzlich sehr eng erscheint.

So ging es mir vor ein paar Monaten. Bei meiner ersten Erfahrung mit Marcos Transrotor naschte ich von der verbotenen Frucht der Erkenntnis. Hätte ich im Nachhinein vielleicht besser nicht getan: Ich lernte alte Aufnahmen aus neuer Perspektive kennen und konnte dann nicht mehr ungehört machen, was ich gehört hatte.

Dabei hatte ich meinen Pro-Ject RPM3 immer gemocht. Er sah cool aus, war komplett unprätentiös, einfach in der Bedienung und klang eigentlich gut genug… dachte ich jedenfalls. Aber bei Marco erlebte ich eine neue Qualität der Teilnahme. Immer, egal, was lief, hörte ich in Aufnahmen hinein, war, wie es der selige DSF versprach, mittendrin statt nur dabei. Erlaubte der Pro-Ject mir, bildlich gesprochen, die Betrachtung einer Stadt aus der Vogelperspektive, dann ließ mich der Transrotor durch die Winkel und Gassen laufen und die Gerüche aufnehmen. So etwas wollte ich auch bei mir erleben…

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Clearaudio lancierte den Al Di Meola Celebrity Edition auf der High End 2024 und ich konnte im ersten Moment kaum glauben, was ich sah. Normalerweise steht diese Erlanger Firma für technisch ausgefeilte Geräte mit hohem musikalischem Anspruch, aber ihr Designansatz ist eher klassisch-nüchtern. Und dann machen sie plötzlich diesen extravaganten Schlenker zum Barock und stellen uns einen Dreher in Gitarrenform hin. Auf der High End 2023 war Di Meola (der Musiker) Markenbotschafter der Messe und da entstand die Idee zu einem auf 1000 Stück limitierten Sondermodell. Fand ich super, aber an ein Plattenspieler-Upgrade dachte ich damals nicht. Marcos Transrotor änderte das nachhaltig. Er selbst jedoch kam aus zwei Gründen für mich nicht in Frage. Zum einen war er zu teuer, auch in der Basisversion, zum anderen kann ich der Chrom-Optik in meinem Set-Up nichts abgewinnen. Aber mit dem Pro-Ject weitermachen wie bisher war schlicht keine Option, und da die 1000 Exemplare des Celebrity-Drehers nicht ewig verfügbar sein werden, war die Zeit gekommen.

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Immer ein Vergnügen ist das Auspacken frischer Geräte, neudeutsch Unboxing. Clearaudio lässt in dieser Hinsicht nichts anbrennen. Man schält den Dreher Lage um Lage aus dem Karton. Ganz oben liegen die nummerierte, ebenfalls auf 1000 limiterte Impex-Ausgabe von Elegant Gypsy, deren Nummer übrigens, nettes Detail, mit der des Plattenspielers übereinstimmt, sowie diverse Goodies: Bedienungsanleitung, Tütchen mit Riemen, Dosenlibelle, mechanische Tonarmwaage, ein Paar Baumwollhandschuhe usw. Darunter folgt das eigentliche Laufwerk und ganz unten schließlich der Plattenteller aus Acryl. Das hat alles Hand und Fuß und ist so intelligent arrangiert, dass man nach gut zehn Minuten – der Tonabnehmer ist ab Werk eingebaut – vor einem spielbereiten Plattenspieler steht. Einzig die Montage des Antriebsriemens ist etwas fummelig, sollte man am besten vor dem ersten Glas Wein machen. Aber mit ein wenig Geduld und Vorsicht kriegt man auch das hin. Interessierte finden eine kleine Fotostrecke zum Unboxing am Ende des Artikels.

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Das Lastenheft für meinen neuen Plattenspieler hatte lediglich drei Punkte:

1. Er soll in meinem Umfeld gut aussehen.

2. Er soll mir nicht mit irgendwelchen benutzerfeindlichen Quirks auf den Senkel gehen. Ich habe einfach keine Lust mehr, von Hand den Riemen umzulegen, wenn mal 45 rpm gefragt sind.

3. Er muss „besser“ klingen als mein Pro-Ject.

Punkt 1: Erfolg oder Pleite? Geschmackssache, schaut euch die Bilder an. Ich finde den Dreher umwerfend, ich finde allerdings auch, dass Geräte gerne ein Statement setzen dürfen und würde nie auf den Gedanken kommen, dass neben meinem CSA 70 nur ein ähnlich sachlich gestalteter Plattenspieler agieren darf.

Punkt 2: Check! Umschaltung der Geschwindigkeit mit dem Poti auf der Zierblende, kein Firlefanz mit Riemen und Umlenkrollen. So soll es sein.

Punkt 3: Hier wird’s interessant. Der RPM 3 war ja nicht schlecht und vielleicht ging viel von dem, was ich bei Marco gehört habe, auch auf die Kappe der Børresen X3. Würde der Al Di Meola spürbar besser sein als der Pro-Ject? Und wenn ja – auf welche Weise besser?

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Da hätte ich mir mal gar keine Sorgen machen müssen. Weil ich die Scheibe in letzter Zeit oft gehört hatte und gerade bei Duke Pearsons Solo auf Nomad den Unterschied zwischen okay und mitreißend besonders deutlich erfahren musste, startete ich mit diesem Stück von Grant Greens Idle Moments. Aber für mein Erweckungserlebnis musste ich gar nicht bis zum Klaviersolo warten. Schon die ausklingenden Töne von Django machten nämlich klar, dass ich mich in einer anderen Liga bewegte als mit dem Pro-Ject.

Der haptische Unterschied zwischen dem RPM 3 und dem Al Di Meola ist auch für Laien unmittelbar erfahrbar. Der Pro-Ject ist clever designt, aber auch etwas windig – MDF-Teller, Kohlefaser-Arm der ein wenig wackelt; eben ein Aufwand, der es erlaubt, den Preis unter 1000€ zu halten. Der Clearaudio ist eine andere Hausnummer. Der dicke Acrylteller ist akustisch völlig inert (und wirklich akkurat gefertigt – liegt keine Platte auf, dann sieht man kaum, dass er sich dreht), das schwere Chassis schön furniert und hat ein überaus cooles weißen Binding. Dann ist da noch der Profiler-Tonarm: Ein absolutes Präzisionswerkzeug, man kann ihn für satte 1900€ auch separat kaufen. Dazu gleich mehr.

Wie gesagt – den haptischen Unterschied spürt jeder beim Erstkontakt. Aber Haptik und präzise Fertigung sind eben nicht nur Selbstzweck für Qualitätsfetischisten, sondern resultieren in einem signifikant anderen Klang. Und anders heißt in diesem Fall auch eindeutig besser. Wenn ich das meiner Frau, die sich für Hifi nicht die Bohne interessiert, erklären müsste, würde ich dazu Begriffe aus der Optik nehmen: weniger verpixelt, weniger Grundrauschen, und dadurch ein viel klarerer Blick auf das eigentliche Motiv. Konkret auf Django bezogen heißt das: Schon in den ersten Millisekunden hatte ich den Eindruck eines qualitativen Quantensprunges. Noten und Impulse erschienen wie aus der Luft herausmodelliert vor einem stillen, „schwarzen“ (frei von Nebengeräuschen) Hintergrund. Instrumente und Stimmen hatten einen definierten Platz im Stereopanorama, Impulse kamen und gingen wie Irrlichter.

Mit dieser verbal so schwer fassbaren (dafür aber sofort hörbaren) Ruhe im Klang lassen sich einzelne Instrumente und Ereignisse in Aufnahmen erheblich leichter verfolgen. Duke Pearsons Solo auf Nomad konnte ich endlich auch zu Hause richtig hören, es hatte über den Clearaudio eine ähnliche Verbindlichkeit wie seinerzeit über den Transrotor.

Was für klassischen Jazz auf Blue Note gut ist, funktioniert natürlich auch bei anderer Musik. Ich bin kein Anhänger der These, dass es Quellgeräte gibt, die besonders gut für Jazz, Klassik, Rock oder Metal oder was auch immer sind. Was soll denn Jazz sein? Gerry Mulligans verträumtes Genudel auf Night Lights, die Sperrigkeit von Andrew Hill oder vielleicht doch die Krawallattacken von Peter Brötzmann? Ähnliches gilt auch für andere Genres. Ein Plattenspieler hat gefälligst seinen Job zu machen – egal ob ich Sabbath, Hendrix, Cécile McLorin Salvant oder Return to Forever auflege. Angestachelt von Spieltrieb und Neugier habe ich das nämlich getan.

Um es kurz zu machen: der Clearaudio hängte den RPM 3 bei jeder Scheibe ab, unabhängig davon, ob alt oder jung, ob audiophil oder auf einen bestimmten Sound frisiert. Voodoo Chile auf Hendrix’ Electric Ladyland ist roh und nicht gerade zimperlich beim Hochton, aber unglaublich direkt. Der Clearaudio vermittelte hier ein enormes Gefühl von physischer Präsenz. Fun Fact für Nerds wie mich – Hendrix spielt auf Voodoo Chile keinen Marshall-Amp sondern einen Fender (Dual Showman) und wer sich dafür interessiert, der kann das, besonders am Anfang des Stückes, über den Clearaudio wirklich hören. Man erlebt jedes Detail, den unterschwelligen Brumm des Amps, jede Hallfahne, den in die Übersteuerung gefahrenen Bass von Jack Casady, als wäre man Zaungast im New Yorker Record Plant. Extrem befriedigend! Wer weniger faustisch veranlagt ist, kann natürlich mit dem Dreher einfach nur sehr realistisch Musik hören, die Details stören ja dabei nicht, im Gegenteil.

Insgesamt geht es auf dem Album Ghost Song von Cécile McLorin Salvant deutlich weniger brachial zu, aber I Lost my Mind, der Opener von Seite 2, klingt mit McLorins irren, fast jenseitigen Schreien und kakophoner Orgel erheblich verstörender als über den RPM 3, der diese Art von Feininformation gnädig zensiert. Aber eigentlich willst du doch hören, was wirklich auf der Scheibe ist, oder?

Klar, willst du. Ab und zu gibt’s dann halt mal eine Platte, bei der die Tontechniker oder Mastering-Ingenieure ein wenig gesündigt haben, wie bei Sabbaths Never Say Die. Das hört man jetzt deutlicher als früher, da muss man tapfer bleiben und durch, denn am Ende profitieren auch solche Platten von der erhöhten Wiedergabetreue.

Punkt 3 meines Lastenheftes? Check! Definitiv.

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Zum Tonarm. Der ist eine Variante des Profilers. Der einzige echte Unterschied zum Serienmodell ist die Headshell, die hier an die Form einer Gitarrenkopfplatte erinnert. Finde ich gut, weil die parallelen Langlöcher dem User die Fummelei mit dem korrekten Kröpfungswinkel beim Einbau neuer Tonabnehmer ersparen. Der Profiler bewegt sich in Clearaudios Portfolio von Armen irgendwo in der Mitte und ist, wie gesagt, auch solo für 1900 Ocken zu haben. Viel Geld, doch im direkten Vergleich dazu fühlen sich die Arme des RPM 3 und der RB303 meines Rega RP3 an wie Spielzeuge. Der Profiler muss zwar noch ohne Clearaudios Magnetlager auskommen, aber er wirkt mechanisch extrem präzise gefertigt und hat das feinfühligste Antiskating, das ich je bedient habe.

Vor Jahren hatte ich mir mal den Clearaudio Performer V2 Tonabnehmer gekauft. Gutes System, aber die Abtastfähigkeit schien mir nur durchschnittlich. An allen meiner Dreher, damals waren das der Pro-Ject RPM3, der Acoustic Solid 111 und der Rega RP3 im Wohnzimmer, war beim Abtasttest mit der Ortofon Testschallplatte nach 60µm Schluss. Der Celebrity-TA auf dem Al Di Meola, ein umgelabelter Performer V2, schafft 80µm. Kann ich mir nur durch die bessere Führung seitens des Tonarms erklären. Ich glaube, der Profiler hält das System so rigide, dass die Nadel erst in extremeren Situationen den Kontakt zur Rillenflanke verliert.

Was mir auch aufgefallen ist: das Performer/Celebrity-System macht am Profiler richtig Spaß. Ein Tonabnehmer scheint immer nur so gut zu sein wie der Arm, der ihn führt. Vielleicht bringt es mehr, einen guten Tonabnehmer perfekt zu führen, als ein teures System auf einen mittelmäßigen Arm zu schrauben? Wie auch immer. Eigentlich hatte ich vor, ziemlich schnell auf mein geliebtes OC9XML von Audio Technica umzubauen, aber der Plan liegt jetzt auf Eis – das Celebrity ist ja nicht einmal eingespielt.

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Für einen, der so viel Platte hört wie ich, ist das Handling ein entscheidender Faktor. Ich liebe es simpel. Dieser Plattenspieler schafft es, guten Klang mit einem durchdachten, sauberen Bedienkonzept zu verbinden. Da steht kein Motor unglücklich in der Gegend herum und man kann auch nach ein paar Bier nicht versehentlich beim Plattenwechsel an einem außenlaufenden Riemen hängenbleiben. Alles ist idiotensicher: präzise durchkonstruiert und 100% alltagstauglich.

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Zeit für ein Fazit:

Ist der Dreher teuer für jemanden aus der Hefe des Volkes?

Klar, kann man nicht leugnen.

Ist er zwingend nötig?

Nein, aber irgendwie doch.

Warum das?

Weil er halt besser ist als ein Plattenspieler für 1000€. Und zwar in jeder Hinsicht: klanglich, haptisch, mechanisch. Und weil ich ständig Platten höre, was ich mit dem Al Di Meola sowohl zum reinen Vergnügen tun kann, aber wenn’s sein muss auch mal analytisch, das ging vorher nicht so gut.

Was, wenn es irgendwo einen Dreher gibt, der für’s gleiche Geld noch besser ist?

Mir egal! Er sieht nicht aus wie der Al Di Meola, damit fliegt er von meiner Liste.

Also no regrets?

Null! Es ist wie bei meinen anderen Audiokomponenten. Mit der Investition in bessere Geräte erzielst du eine Rendite in Form von Lebensqualität. Ich werde mich über diesen Plattenspieler noch freuen, wenn der Preis lange vergessen ist.



Das Unboxing

Die oberste Lage des Packmaterials trägt den Firmenschriftzug. 

In der oberen Lage findet man Zubehör und ein paar Goodies.

Die zweite Lage enthält das eigentliche Laufwerk. 

Der Profiler Tonarm mit vormontiertem Celebrity Tonabnehmer. Der Gummiring (Pfeil) zeigt an, wie weit das Gegengewicht auf den Tonarmschaft gedreht werden soll.

Close-Up des Celebrity Tonabnehmers.

Die beigelegte Elegant Gypsy trägt dieselber Nummer wie der Dreher.

Nach ungefähr zehn Minuten ist der Dreher spielbereit. 

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