Revival Audios Atalante 3 besticht mit einer Verarbeitungsqualität auf Manufakturniveau.
Die Atalante 3 in der Musikkammer - wie man sieht, ist auch eine relativ wandnahe Aufstellung möglich.
Links: Revival bietet für die Atalante 3 maßgeschneiderte Stands. Rechts: herbe Kost aus Norwegen.
Revival Audio Atalante 3
Seit ein paar Jahren geistern sporadisch sehr positive Berichte über die ziemlich attraktiven Lautsprecher des französischen Herstellers Revival Audio durch die einschlägigen Gazetten. Nominell ist die Firma recht jung, sie wurde erst 2021 im Elsass gegründet, aber die Männer dahinter sind echte Schwergewichte der Audio-Industrie mit jahrzehntelanger Expertise.
Der mit allen Wassern gewaschene Chefentwickler Daniel Emonts kümmert sich um den Klang. Er arbeitet seit über 30 Jahren in der Branche und hat vor Revival für Dynaudio (die Confidence- und Contour-Serien) und Focal (Utopia) entwickelt, nicht die schlechtesten Adressen. Sein Geschäftspartner Jacky Lee dagegen hat mit dem Klang der Produkte nichts am Hut. Er ist der Firmenstratege und kümmert sich ums Business, kennt aber den globalen HiFi-Markt ebenfalls durch jahrelange Erfahrung, unter anderem als Chief Commercial Officer bei Dynaudio.
Was treibt zwei Herren im besten Alter und in vermutlich großzügig dotierten Positionen dazu, alles hinzuwerfen und neu anzufangen? Dazu ein Zitat von Emonts auf Revivals Homepage:
„… my dream was always to build the best speakers in the world.“
Klar, so etwas geht natürlich bei Dynaudio und Focal nicht, das muss man schon selbst in die Hand nehmen.
Man kann Emonts und Lee nicht vorwerfen, halbe Sachen zu machen. Für ein junges Unternehmen hat Revival Audio wirklich eine enorme Fertigungstiefe. Statt Teile von der Stange zu kaufen, entwickelt man alles selbst. Jedes Chassis, jede Frequenzweiche wird in Frankreich von Grund auf neu designt. Und Mainstream ist boring: In den Tief- und Tiefmitteltönern von Revival schuftet eine Membran, der Basaltfasern beigemengt sind, das gibt’s nirgendwo sonst. Auch beim Hochtöner, dem sogenannten RASC™-28mm Tweeter (wo wären wir ohne marketingwirksamen Tech-Talk?) darf man ein paar Tricks bewundern, wie eine asymmetrische Aufhängung des Konus und ein firmeneigenes Coating, das Partialschwingungen unterdrücken soll.
Die inneren Werte sind schön und gut, aber da man bei Revival Audio ganzheitlich denkt, muss auch das Erscheinungsbild stimmen. Also beauftragte man die Pariser Designagentur A+A Cooren Design Studio mit der Gestaltung der Lautsprecher und hat, wie ich finde, mit der Atalanta-Reihe einen Volltreffer gelandet. Alle Speaker dieser Serie greifen die im Firmennamen Revival implizierte Retro-Idee auf, verpassen ihr jedoch einen völlig zeitlosen Facelift: die Lautsprecher besitzen skandinavisch-nüchterne Gehäuse in hochwertigen Nussbaum- und Ebenholzfurnieren, weisen aber auch kleine Extravaganzen auf, wie das lasergravierte Firmenlogo auf der Front und eine ums Gehäuse laufende Nut, die den Lautsprecher näherungsweise im Goldenen Schnitt teilt. So wirken die Lautsprecher gleichzeitig klassisch und modern.
Schade nur, dass man die Revival-Speaker trotz der positiven Testberichte in der freien Wildbahn eher selten trifft. Aber zum Glück gibt es Läden wie Friedel Plögers Musikkammer in Willich, wo man auch solche Exoten hören kann. Derzeit steht die Atalante 3 in der Ausstellung, laut Friedel „der meistverkaufte Lautsprecher der Musikkammer in letzter Zeit.“ So etwas kommt ja nicht von allein, ich war gespannt.
Ich hatte eine gute Stunde Zeit, um die Atalante 3 zu hören. Die 3 ist das Baby der Reihe und der einzige Zweiwege-Lautsprecher, ab der Atalante 5 gibt’s nur noch drei Wege. Unter den Atalantas (Atalanten?) ist die 3 der Lautsprecher, der in meiner Hörumgebung am besten passen würde. Ich glaube sogar, dass das für die meisten Wohnsituationen gilt – die drei Wege und physische Präsenz von einem Speaker wie der Atalante 5 brauchst du eigentlich erst in Räumen deutlich über 35m2.
Bezüglich der Verstärkung ist die Atalante 3 nicht wählerisch. Hier spielte sie an einem (Transistor-) Vollverstärker von Edwards Audio, aber bei einem Wirkungsgrad von 87dB/2,83V/m (Herstellerangabe) und einem Impedanzminimum von 4,4 Ω dürften theoretisch auch mal Röhrenamps ran.
Die Lobeshymnen der Presse auf die Ästhetik der Lautsprecher waren gerechtfertigt. Mit ihren knapp 40cm Höhe ist die Atalante 3 für einen Kompaktlautsprecher schon subtanziell, aber nicht überwältigend groß. Und der haptische Eindruck ist erstklassig. Ich habe versucht, das auf den Bildern einzufangen, aber glaube nicht, dass ich der physischen Eleganz des Lautsprechers mit meinen Aufnahmen im Kunstlicht gerecht werde. Das Ebenholzfurnier des Vorführmodells ist schlicht exquisit, wie überhaupt die Verarbeitung: in dieser Hinsicht steht die Atalante 3 Möbelstücken mit Manufaktur-Charakter näher als üblichen Hifi-Komponenten. Was wir hier jedenfalls nicht bekommen, sind bootsbugförmige Lautprecher in Piano-Hochglanz wie man sie bei Szene-Größen wie Canton und B&W findet (gegen die ich nichts sagen will). Dafür gibt es Fugen, in die keine Briefmarke passt und, wenn man will, einen eigens für dieses Modell angefertigten Ständer von ca. 70cm Höhe, der mit dem Speaker eine visuelle Ehe schließt. Übrigens muss man für die Lautsprecher weniger tief in die Tasche greifen, als man vielleicht denken würde. Ein Paarpreis von zweieinhalb Kilo-Ocken mag den Zaghaften zwar immer noch Schnappatmung bescheren, stellt aber in der häufig abgehobenen Welt des High-End so etwas wie den Bodenkontakt zur Wirklichkeit dar.
Emonts behauptet, die Lautsprecher im „Wohnzimmer“ entwickelt zu haben, unter Bedingungen also, von denen er glaubt, dass sie den Hörumgebungen der meisten Interessenten entsprechen. Ins Lastenheft der Speaker gehörte somit auch eine gewisse Freiheit bei der Platzierung – in der Musikkammer spielten sie auf den zugehörigen Ständern, die jedoch keineswegs Pflicht sind. Wenn es sein muss, dürfen die Atalante 3 auch aufs Sideboard und bei einer wandnahen Platzierung lässt sich die rückseitige Bassreflexöffnung einfach mit den mitgelieferten Stöpseln aus Schaumstoff verschließen.
Ich halte Emonts Behauptung für plausibel, denn der Lautsprecher klang im kleinen Hörraum der Musikkammer komplett zu Hause und nervte zu keiner Zeit. Im Gegenteil, ich hatte immer, auch bei etwas schwererer Kost (s.u.) das Gefühl, noch lange weitermachen zu können. Wir hörten zuerst Saturday Night in San Francisco von Al Di Meola, John McLaughlin und Paco De Lucia, das Schwesteralbum zum legendären Friday Night in San Francisco. Wie schon beim Original hat auch diese Aufnahme mit ihren irrwitzigen Gitarrenläufen und zahllosen perkussiven Impulsen das Zeug zur Referenzplatte. Und die Impulse schossen geradezu aus den Speakern. Kompakte Lautsprecher bestechen ja häufig mit Geschlossenheit und tonaler Ehrlichkeit, aber nur selten mit lockerer, ansatzloser Dynamik. Bei der Atalante 3 bekommt man jedoch beides – sie klingt einerseits vollkommen unverfärbt, aber anderseits auch hellwach und flink. Die unfassbare Gitarrenarbeit von Di Meola, McLaughlin und De Lucia sowie die Begeisterungsstürme des Publikums wurden mitreißend in den Hörraum gebeamt.
Um die Fähigkeiten der Lautsprecher mit menschlichen Stimmen, beziehungsweise einem größeren Chor, zu demonstrieren, legte Friedel einen teilweise seltsamen norwegischen Sampler namens I begynnelsen var pulsen - Kirkelig Kulturverksted – 50 års lidenskap (siehe Foto) auf. Hier wird strikt norwegisches Liedgut geboten und natürlich auch ausschließlich auf norwegisch gesungen. Es war teilweise nicht uninteressant, bedient jedoch eine ziemlich schmale Marktnische – hätte ich jedenfalls gedacht, aber tatsächlich hat Friedel von dieser Platte schon mehrere Exemplare verkauft. Anscheinend lässt sich selbst so eine Aufnahme heute mit Gewinn produzieren und vielleicht ist es auch gesund, seine anglophone Musik-Bubble wenigstens zeitweise verlassen zu müssen.
Egal, die Produktion erfüllt höchste Ansprüche und die Mitglieder des Chors wurden von der Atalante 3 glaubhaft auf einer ausladenden Bühne positioniert. Neben der Fähigkeit, ein weitläufiges Stereopanorama aufzuspannen, überzeugte auch hier die Neutralität der Lautsprecher, die den Stimmen und diversen Bläsern auf dem Album ein natürliches Timbre verliehen.
Ich war quasi schon bereit zu gehen, da legte Friedel einen weiteren audiophilen Kracher auf und erneut waren Norweger im Spiel: Das Album Blå koral ist eine Kollaboration zwischen dem Gitarristen Knud Reiersrud und dem Organisten Iver Kleive. Ist der Opener Blåmann Og Koralreven noch esoterisch-verträumt, mit einer kaum wahrnehmbaren Orgel hinter versonnenen Gitarrenlicks, gibt dir Kleive bei Overmåde Full Av Nåde nach einem verhaltenen Einstieg plötzlich voll einen auf die Zwölf. Nicht schön, aber beeindruckend – auch, wie locker die Atalante hier dynamisch mitzieht.
Fazit: Die Atalante 3 von Revival Audio sind coole Lautsprecher, die es schaffen, eine breite Palette von Ansprüchen zu bedienen: Ästheten kommen ebenso auf ihre Kosten wie Audiophile mit begrenztem Raumangebot. Reinhören lohnt sich für alle, die einen wohnraumfreundlichen Kompaktlautsprecher suchen, der stabile Klangbilder mit hoher Auflösung, natürlichen Klangfarben und lebendiger Dynamik bietet.
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