Im Osten was Neues – Canor Amp bei UMY in Kaarst

Veröffentlicht am 21. Februar 2026 um 03:02

Precision indeed... der Canor AI 2.10 ist ein echtes Tier, da muss das altbewährte IKEA Aptitlig als Stellfläche herhalten. 

Canor Amp auch optisch friedlich vereint mit einem Dreher von  Acoustic Solid.

 

Zur Frage, was der Mensch für ein erfülltes Leben wirklich braucht, ist von berufener und – vor allem – unberufener Seite bereits einiges gesagt worden, nur leider nichts davon definitiv. Wirklich schlauer sind wir ja noch immer nicht. Zeit also für einen Reset, einen neuen und – da empirisch gestützt – extrem überzeugenden Ansatz, wie er in diesem Blog vertreten wird. Wer sich anmaßt, über Jazz-Alben von vor seiner Zeit zu dilettieren, der darf natürlich auch keine Skrupel zeigen, eine Meinung zu diesem Thema zu formulieren.

 

Unsere Tage auf diesem Planeten sind nicht mehr als ein vernachlässigbar dünnes Scheibchen Sein in einem unendlich dickeren Sandwich des Nichtseins. Dieses Interludium der Existenz in einem gewaltigen Vakuum will sorgfältig genutzt werden. Man sollte meinen, wer konsequent daran arbeitet, seine Tage zu optimieren, der müsse einem glücklichen Leben Schritt für Schritt näherkommen. Aber so funktioniert es nicht, im Gegenteil. Neben den unvermeidlichen Nackenschlägen des Schicksals, die wir hier ausblenden, weil sie sich hartnäckig unserem Einfluss entziehen, gibt es eine weitere große Quelle der Unzufriedenheit: die ständige Suche nach Zufriedenheit. Egal, ob man versucht, die Untiefen auf dem Weg zum Glück mit Exzess oder Entsagung zu umschiffen, irgendwas geht immer schief. 

 

Ausschweifungen aller Art kommen in der Regel mit einem schmerzhaften Preis und hinterlassen nicht selten genau das, was sie eigentlich vertreiben sollten: das Gefühl existenzieller Leere. Aber leider versagt auch die rigorose Askese in dieser Hinsicht, denn sie schränkt den Horizont unserer Erfahrungen unnötig ein. Der Verzicht auf Erlebnisse, ohne sie jemals kennengelernt zu haben, ist wie die Beurteilung einer Farbe, die man nie gesehen hat. Die Verfechter der Enthaltsamkeit argumentieren häufig mit der Suche nach einer „höheren“, meist unzureichend definierten Form der Erkenntnis oder damit, dass der Lohn ihrer Anstrengungen erst nach dem Ende des Lebens eingefahren wird. Dazu nur so viel: Die Indizienlage ist derzeit noch dürftig.

 

Beide Ansätze, sowohl der ungezügelte Hedonismus als auch die mangelhaft begründete Aufforderung zur Askese, haben allerdings eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sehen den Menschen als Handelnden, als Architekten seines Lebens. Einigkeit herrscht also darüber, dass Glück nicht vom Zufall geschenkt wird, sondern erarbeitet werden muss.

 

Hier schlägt die Stunde des Anlagenkaufs.

 

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Der Weg zum Glück führt nämlich über Musik und eine sorgfältig kuratierte Anlage. Einer, der kürzlich gehandelt hat, ist Ulf Meyer, Inhaber von UMY_VinylRecords in Kaarst, wir berichteten. Zur Begutachtung seiner jüngsten Investition lud er eine kleine Abordnung aus dem Audio Asylum in die unterirdische Geschäftsstelle: den aufstrebenden High-End-Nerd Marco, Halter des Yeti (wir berichteten ebenfalls), und NJF.

 

Ein Szenario hatte ihn schon eine Weile umgetrieben: Was machst du eigentlich, wenn dein Verstärker unverhofft die Segel streicht? Nicht, dass sein Atoll IN-200 Grund zu Zweifeln gegeben hätte, aber man weiß ja nie. Die Sorge ist nicht unberechtigt. NJF zum Beispiel, selbst ein regelmäßiger Pilger auf dem Weg zur Erlösung, ist ein gebranntes Kind. Bereits zweimal hat er bei sinnstiftenden Experimenten mit Cinch- und Lautsprecherkabeln die Endstufe seines Densen DM-10 in die Ewigen Jagdgründe getrieben und so ungewollt seine eigenen Anstrengungen sabotiert.

 

Wer sicherstellen möchte, dass der Flug durch die Jahre nicht durch versagende Amps in Turbulenzen gerät, der sollte vorsorgen. Natürlich hätte Ulf sich für diesen Zweck auch einen schnuckeligen WiiM-Amp holen können, aber auf der Suche nach der korrekten Balance zwischen Hedonismus und Askese kann man auch mal, sollte man sogar, langfristig denken, Nägel mit Köpfen machen und sich was Amtliches holen. Aber was? In den Katakomben von UMY spielte mit dem IN-200 bereits ein Transistorverstärker, noch einen brauchte er nicht. Röhren sind in der Regel zu schlapp oder unbezahlbar. Also Hybrid… und da gibt’s inzwischen einige leckere Angebote.

 

Eins davon ist der Canor AI 2.10. Canor ist ein slowakischer Hersteller von High-End-Audio, der seit 1995 hochwertige Audiokomponenten entwickelt und produziert. Soweit ich weiß, waren das anfangs vor allem Röhrenverstärker, aber inzwischen ist das Produktportfolio breiter und es gibt neben den traditionellen Röhrenamps auch eine Reihe von Hybridverstärkern mit Röhrenvor- und Class-D-Endstufen sowie diverse Quellgeräte.

 

Der AI 2.10 ist ein wirklich schmuckes Gerät, beinahe ein Konkurrent für meinen geliebten CSA 70 (wir berichteten). Rein physisch ist er imposant. Etwa 15 kg Gewicht sind eine Ansage und das gute alte Kallax-Sideboard war glatt zu klein, um den Amp darauf zu platzieren. So musste einmal mehr das ebenfalls gute alte IKEA Aptitlig als Geräteplattform einspringen. Noch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber wir sind hier nicht bei Schöner Wohnen. Stichwort Investition: Mit seinem massiven Gehäuse und dem markanten, zentralen Display wirkt der AI 2.10 wie ein Tresor für guten Klang. Ich war auf den Hörtest besonders gespannt, weil ich wissen wollte, ob seine Class-D-Ausgangsstufe für eine ähnliche Klangsignatur sorgen würde wie bei dem bemerkenswerten SMSL-Amp, den ich kürzlich zu Gast hatte.

 

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Air Balloon ist eine Aufnahme des deutschen Pianisten Klaus Ignatzek im Trio mit der 2008 verstorbenen rumänischen Sängerin Anca Parghel und dem belgischen Bassisten Jean-Louis Rassinfosse. Die im Jahr 1992 eingespielte Platte bietet kammermusikalischen, oft lyrischen Jazz.

 

Spärlich instrumentierte Aufnahmen sind nicht immer einfach. Ob sie uns musikalisch fesseln oder kalt lassen liegt oft, zumindest bei mir, an der Qualität der Audiokette. Eine gute Kette schärft den Blick auf das Zusammenspiel der Beteiligten. Es entwickelt sich eine interaktive Spannung, die den Hörer bei der Stange hält, während er bei indifferenten Ketten gerne gedanklich wegdriftet oder mit dem Handy daddelt. Schon nach wenigen Sekunden war klar, dass der Canor ein ganz feines Teil ist. Parghel verfügte über außergewöhnliche stimmliche Mittel und turnte durch die Oktaven wie eine Art Simone Biles des Gesangs. Am Ende von You And The Night And The Music legt sie ein Vokalsolo hin, das halb gesungen und halb herausgeschleudert wirkt, wobei perkussive Laute und Salven harter Konsonanten sich abwechseln mit Klängen, die eher dem entsprechen, was man sich unter Gesang vorstellt. Der Canor-Amp feuerte dieses Solo mit einem Tempo ab, das dem Parghels nicht nachstand. Man wollte als Hörer beinahe in Deckung gehen, als die Transienten aus Ulfs Wharfedale Lintons schossen. Sehr cool!

 

Aber der Amp kann nicht nur Transienten. Der Klang wirkte generell gut durchleuchtet – nicht unbedingt hell, vielmehr klar und detailliert. Das galt für alle Register. Im Bass langte der Canor ordentlich zu, doch das passende Attribut ist eher sehnig als üppig. In den Mitten gab’s intensive Farben und vielleicht funkelte hier und da ein wenig Röhrenglanz, von Verfärbungen konnte jedoch keine Rede sein. Eigentlich intensivierte der wirklich minimale Schönklang das Hörerlebnis sogar; wir saßen nämlich komplett fixiert vor der Platte und hielten weitgehend unsere Schnäbel, immer ein gutes Zeichen.

 

Elisabeth Lohninger and Band, ein Album aufgenommen unter der Regie des Kölner Elektronik-Gurus Norbert Lehmann, begeisterte mit wirklich audiophilem Sound. Ein, zwei Gläser lang drifteten wir auf diesem Wohlklangwölkchen ins Elysium, bevor wir wieder zu uns kamen. Wir waren ja nicht zum puren Vergnügen da.

 

Return to Forevers Romantic Warrior ist aus anderem Holz geschnitzt und schon eher ein Prüfstein: ein dicht produziertes Album einer Band, die Anfang der 70er neue Standards instrumentaler Virtuosität setzte. Die Platte frappiert mit ungeraden Metren, Dynamiksprüngen, Tempowechseln und einer Unmenge frickeliger, hochgradig vertrackter Linien, die sich irgendwie zu Songs addieren. Zusammenfügen wäre hier wirklich das falsche Wort, denn mir kommen die Stücke eher architektonisch konstruiert als im traditionellen Sinne komponiert vor; die Musik schlägt ständig Haken und vollführt kleine Schlenker. Nicht weil es sein muss, sondern weil man es kann.

 

Romantic Warrior klingt nicht schlecht, aber alles andere als natürlich. Damit sich die Instrumente nicht gegenseitig in die Quere kommen und die Klangwucht den arglosen Hörer nicht erdrückt, wurde großzügig equalisiert und komprimiert. Das Ergebnis: Über mediokre Anlagen gehört oder als bloße Hintergrundberieselung kann die Platte problematisch sein. Aber nicht hier. Über den AI 2.10 faszinierte Romantic Warrior wie eine Leistungsschau von Spitzenathleten. Der Amp behielt selbst in den komplexesten Passagen die Übersicht, dröselte das dichte Geflecht von Klängen lässig auf (und glaubt mir, Romantic Warrior setzt in puncto Geflechtdichte Maßstäbe), präsentierte auch das kleinste Detail so beiläufig und selbstverständlich, dass man sich informiert, aber niemals gestresst fühlte. Und bei Al Di Meolas auch heute noch beeindruckender Gitarrenakrobatik, zum Beispiel auf Medieval Overture, bestach wieder das exzellente Timing.

 

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Am Ende ist das, was ich hier erzähle, alles schön und gut – aber könnte man so etwas nicht über tausend andere Geräte sagen?

Sicher, könnte man, auch wenn ich mir bei der Beschreibung meiner Eindrücke echte Mühe gebe. Der wirkliche Gradmesser ist aber letztendlich, wie stark eine Komponente den Hörer in ihren Bann zieht.

 

Es kam der Punkt, an dem wir nicht mehr darauf achteten, was die Anlage gut machte. Wir hatten nämlich noch in einem sich unnachgiebig schließenden Zeitfenster eine Menge Musik abzuchecken, weil wir gerade so viel Spaß hatten. Also ließen wir Zeremonienmeister Ulf auflegen: Dominique Fils-Aimé, Kate Bush, am Ende noch Udo… Marco und ich lehnten uns derweil zurück, genossen die Klangdusche und kümmerten uns um den Rioja.

 

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Butter bei die Fische. Mit dem Atoll IN-200 war Ulf ja nicht gerade untermotorisiert. Lohnt sich der Kauf? Kann der AI 2.10 wirklich mehr?

 

Vermag ich letztlich nicht abschließend zu beurteilen, denn während unserer Session mit dem AI 2.10 blieb der Atoll im Standby-Modus und ein A/B-Vergleich fand nicht statt. Allerdings habe ich den IN-200 an Ulfs Dynaudio Evoke 10 und den Wharfedale Lintons oft gehört und habe schon den Eindruck, dass wir es hier mit zwei grundsätzlich unterschiedlichen Biestern zu tun haben. Und ja, ich glaube, der Canor hat insgesamt die Nase vorn. Der Atoll ist ein klasse Amp, der alleine gehört nichts vermissen lässt. Aber bei aller Kompetenz hat sein Klang auch eine gewisse buchhalterische Sachlichkeit, die zwar nie falsch klingt, aber nicht so mitreißt wie die leuchtende und farbstarke Präsentation des Canor-Amps.

 

Definitiv aufgefallen ist mir eine Synergie zwischen Canor und den Wharfedale Lintons. Ehrlich gesagt habe ich den Hype um die Lintons bisher nie so ganz nachvollziehen können. Ich fand sie zwar tonal glaubwürdig, aber auch ein bisschen lasch und temperamentslos. Solange der IN-200 für die Verstärkung sorgte, gefiel mir die Kombination mit den Evoke 10 besser.

 

Mit dem Canor änderte sich das Bild. Plötzlich wirkte der Sound über die Lintons großformatiger und souveräner. Vielleicht verleihen die Röhrenvor- und die flinke Class-D-Endstufe dem Canor die Beweglichkeit und den Durchzug, den die Lintons brauchen, um ihr Potenzial wirklich auszuspielen? Wie auch immer – die Kombination Canor/Lintons erlebte ich als Volltreffer.

 

Mich persönlich hat ja interessiert, ob es eine Klangsignatur von Class-D-Ausgangsstufen gibt. Richtig schlauer geworden bin ich nicht. Fakt ist: Beide Amps, sowohl der Canor als auch der SMSL, klingen antrittsstark, reaktionsschnell und detailliert. Aber das kann man auch von klassischen Naims behaupten, ist also vermutlich eher der Schaltung geschuldet als den eingesetzten Bauteilen. 

 

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Fassen wir zusammen: Wir sind so lange tot, dass die Überlegung geboten erscheint, wie wir das belebte Intervall sinnvoll gestalten. Das Leben funktioniert wie ein Album: Mehr als von der Melodie lebt es von der Dynamik, dem Wechsel von Schatten und Licht. Für den geneigten Audio-Nerd bedeutet das, dass auf Episoden der Stasis solche der Dynamik folgen müssen, dass Komponenten kommen und gehen.

 

Und wenn die alten auch nach dem Neukauf bleiben sollen? Ergibt durchaus Sinn. Für die lebenslangen Insassen der Audio-Anstalt ist Redundanz Pflicht, könnte ja was passieren. Andere preppen für den nuklearen Winter, wir wappnen uns gegen den Alp schweigender Speaker. Da kann man keine halben Sachen machen und so hätte ein Gerät wie der WiiM-Amp bei Ulf nicht zum Ziel geführt.

 

Der Canor dagegen ist ein Glücksgriff. Nicht nur, dass der Amp tatsächlich etwas besser klingt als sein ohnehin schon guter Vorgänger, er bietet dazu taktile Thrills: exzellente Haptik, eine coole Fernbedienung und satt klackende Relais.

 

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Aber was, wenn eines Tages doch Selbstzweifel aufkommen? Kann jeden treffen: Braucht man wirklich zwei (oder gar drei) Verstärker, Plattenspieler und Boxenpaare?

 

Leute, macht euch keinen Stress! Freier Wille ist eine Chimäre. Wir können eben nur so, wie wir können.

 

In solchen Momenten empfiehlt NJF: Verstärker an, Platte auflegen, hören.

 

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