Die audiophileFAST cylindric compact (sie heißt wirklich so!) im Hörraum der Musikkammer.
Das "Connectivity-Modul" von audiophileFAST.
Der TT5 von Edwards Audio mit System von Jico.
Leckeres Laufwerk von Scheu namens Premier.
Elektronik von Edwards Audio-
Canton, Marantz und Yamaha kann doch jeder. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass an den Produkten dieser Firmen an sich irgendetwas auszusetzen sei, im Gegenteil. Sie sind handwerklich gut gemacht, stehen auf solidem technischen Boden und liefern in der Regel akzeptabel guten Klang, sonst wären sie nicht erfolgreich. Aber was sie weniger auszeichnet, ist ein starkes eigenes Profil. Wie immer bei Branchenriesen gibt es in solchen Firmen ein systemimmanentes Trägheitsmoment, das neue Ideen und unorthodoxe Ansätze mindestens erschwert oder gleich ganz verhindert. Manche Leute wollen aber genau das – andere Sichtweisen, eine bestimmte klangliche Signatur. Richtig spannend wird es für sie erst abseits des Mainstreams, bei den Manufakturen in den Seitenarmen der Industrie, wo die dicken Tanker nicht mehr manövrierfähig sind und sich Exoten, besessene Esoteriker, Grenzgänger und lichtscheue Sonderlinge tummeln.
Aber warum gibt es so etwas überhaupt, dieses Verlangen nach dem Anderen, dem Sonderbaren? Wie gesagt: Objektiv betrachtet (und gemessen) sind Canton, Marantz und Yamaha doch gut genug … also wozu das Theater, die nächtliche Frickelei, warum langfristig Gesundheit, Freundschaften und Ehen riskieren, nur um das Rad noch einmal neu zu erfinden?
Weiß ich nicht wirklich, aber ein gewisses Abweichlertum scheint Teil unserer kollektiven DNA zu sein. Man sieht es ja schon an unserem Geschmack in der Musik: Es soll Leute geben, die verschlucken sich an Andrew Hills Judgment!, während ich fassungslos lesen muss, dass jeden Monat eine Million Hörer Ikke Hüftgolds Dicke Titten, Kartoffelsalat streamen. Aber jedem das Seine. Wir können gemeinsam hören, aber mit unserer Wahrnehmung sind wir dann doch allein.
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Einer, der sein Heil immer schon abseits des Mainstreams gesucht hat, ist Friedel Plöger, Inhaber der Musikkammer in Willich. Der Name ist Programm: Wenn man einen Laden finden will, der weiter vom Elektronikgroßmarkt entfernt ist, dann muss man auf anderen Planeten suchen. Die Musikkammer befindet sich im Kellergeschoss eines Reihenhauses in Willich und besteht aus einem schlauchförmigen Raum (Kammer?) mit ca. 15 m² Fläche. Im ersten Drittel findet man eine Auswahl überwiegend hochwertiger (im audiophilen Sinne) Schallplatten, im hinteren Teil stehen an der rechten Längswand zwei Hörsessel. Gegenüber, in knapp zwei Metern Abstand, residiert die aktuelle Anlage, die alle paar Monate wechselt, weil aus Platzgründen nur jeweils eine Installation möglich ist. Den Laden, wenn man ihn so nennen kann, gibt es seit achtzehn Jahren; ich selbst war vor ungefähr zehn Jahren zum ersten Mal da.
Croft. Funk Firm. Sutherland. Icon Audio. Jico. Mudra Akustik. Revival Audio.
Nie gehört? Kein Drama, die gibt es nämlich nicht an jeder Ecke, aber alle waren mal oder sind noch im Programm der Musikkammer. Friedel ist so etwas wie der Indiana Jones des Audio – ständig auf der Suche nach interessanten Produkten, die sich unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit bewegen. Wenn es irgendwo etwas gibt, das interessant klingt und das sonst keiner kennt, dann bemüht er sich darum.
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Letztens war ich für zwei Stunden zu Besuch, weil es Neuigkeiten gab: Aktivlautsprecher mit DSP (digitale Signalverarbeitung) von einer Manufaktur namens audiophileFAST aus Frankfurt. Hatte ich noch nie etwas von gehört, und überhaupt – digital? Eher ungewöhnlich für die Musikkammer, die eigentlich ziemlich fest im analogen Lager steht. Aber Friedel ist kein Glaubenskrieger; wenn es klingt, dann ist es erlaubt.
Ganz ehrlich: Als ich die Lautsprecher – es handelt sich um das Modell „audiophile FAST cylindric compact“ für knapp 10 k€ (an der Nomenklatur könnte man noch feilen) – zum ersten Mal sah, direkt vor der Rückwand aufgestellt, bestückt mit einer wahren Batterie von Membranen pro Box, anderthalb Meter hoch und kaum weiter vom Hörplatz entfernt, da konnte ich mir kaum vorstellen, dass das funktioniert. Tat es aber.
Für technisch Interessierte: "FAST" steht in der Selbstbau- und Manufakturszene meist für Fullrange And Subwoofer Technology. Es gibt zu der Box zwei interessante Tests von Fairaudio und den Hifi-IFAs mit reichlich Hintergrundinformationen. Ich aber war in erster Linie zum Hören da, deshalb nur ganz kurz das Wichtigste: Jede Box mag achtundzwanzig Treiber aufweisen, aber technisch haben wir es mit einem Breitbandlautsprecher plus Subwoofer zu tun. Eine vertikale Anordnung von vier Modulen mit jeweils sechs 1,5-Zoll-Treibern ist auf das Gehäuse der Basstreiber montiert und bildet ein sogenanntes Line Array, das breitbandig den Bereich von 250 Hz bis 20 kHz abdeckt. Alle Frequenzen darunter stemmen vier 5-Zoll-Basstreiber, die ebenfalls in einer vertikalen Linie hinter den Breitbändern angeordnet sind. Das sieht gewöhnungsbedürftig aus, aber man hat definitiv genug Membranfläche, um auch Orchestertutti knallen zu lassen.
Was man von der Seite gut sieht, ist die konvexe Krümmung der Anordnung. Vereinfacht gesagt soll sie für eine gleichmäßige Schallausbreitung im Raum sorgen und in Kombination mit der digitalen Raumanpassung die Aufstellung unkritisch machen. Tatsächlich gibt audiophileFAST an, dass Platzierungen in Raumecken und Hörabstände ab einem Meter möglich sind. Würde ich zwar nie wollen, aber gut zu wissen …
Die Signalverstärkung übernehmen Class-D-Module, die in die Lautsprecher integriert sind. Im Regelfall werden sie von einem „Connectivity-Modul“ gesteuert, einem anthrazitfarbenen Kistchen mit grauer Beschriftung (echt gut für Leute über fünzig) und einem Cinch-Eingang, dessen elektrische Parameter so weit konfigurierbar sind, dass er als MM-, MC- oder auch Hochpegeleingang fungieren kann. Betreiber minimalistischer Ketten mit einer Quelle brauchen also keine weiteren Verstärker.
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Zeit zum Hören. Als Quelle diente ein Plattenspieler: der TT5 von Edwards Audio mit einem einpunktgelagerten Tonarm und einem System des japanischen Herstellers Jico; auch diese Kombi findet man so wohl nur in der Musikkammer.
Friedel greift zu Belafonte at Carnegie Hall auf, das alte audiophile Schlachtross, „weil man das ja kennt“. Äh, ja … theoretisch schon, nur ich nicht. Klar, den Banana Boat Song kenne ich von Messen, aber im eigenen Hörraum habe ich die Platte noch nie gehört.
Vielleicht ist das sogar besser so. Komponenten müssen sich letztlich an der Fähigkeit messen lassen, den Hörer in die Musik zu ziehen. Oder, um das Marketingwort zu bemühen: zu involvieren. Wenn die Gedanken wandern, stimmt etwas nicht.
Hier wanderte nichts. Belafonte at Carnegie Hall genießt unter Audiophilen nicht umsonst einen Ruf wie Donnerhall. Die Qualität dieser bald siebzig Jahre alten Aufnahme ist exquisit, und die audiophileFAST cylindric compact ließ daran keinen Zweifel aufkommen. Der Klang hatte eine unmittelbare, feinstoffliche Qualität, die eine Illusion der Teilnahme am Konzert vermittelte. Man bekam, besonders bei leiseren Passagen zu Beginn und am Ende der Stücke sowie beim Applaus, ein echtes Gefühl für die Dimensionen der Konzerthalle, das sich bei kleineren Lautsprechern schlicht nicht einstellt. Aber es waren nicht nur solche Mikroinformationen zu den Aufnahmebedingungen, mit denen das System punktete. Der Klang von Belafontes Stimme und das Timbre der Instrumente (Gitarren, Kontrabass, diverse Percussion) waren absolut glaubwürdig, ebenso die Stereodarstellung, die einen tiefen Blick in die Aufnahme erlaubte. Belafonte war ein Weltklasse-Entertainer, und wie er bei Matilda unterschiedliche Fraktionen des Publikums zum Mitsingen animierte (und auch anstachelte, die anderen zu übertrumpfen), machten diese Lautsprecher mit Nachdruck erfahrbar.
Was mich überraschte war, wie gut sich diese Lautsprecher in den Raum integrieren ließen. Trotz ihrer Größe klangen sie niemals aufdringlich oder zu mächtig, sondern vollkommen stimmig. Auch die Befürchtung, dass die kurze Hördistanz zu einem zerfaserten Klangbild führen könnte, war unbegründet. Vielmehr sorgten die Breitbänder für einen bruchlosen Klang mit sehr guter Tiefenstaffelung, während die Subs den nötigen Kick lieferten, wenn es turbulent wurde. Einzig die Hochtonauflösung blieb systembedingt unter den Möglichkeiten einer guten Kalotte oder eines Bändchens, aber dadurch wurde der Hörspaß nicht wirklich getrübt.
Das positive Bild setzte sich beim Jazz fort: Bill Evans’ Further Ahead – Live in Finland 1964–1969 ist eine der posthumen Veröffentlichungen aus dem Umfeld von Elemental/Resonance. Auch bei dieser historischen Aufnahme in guter Klangqualität lieferte der FAST-Lautsprecher eine überzeugende Vorstellung: Evans’ Trio mit Chuck Israels am Bass und Larry Bunker am Schlagzeug wurde zwar in Mono, aber lebensecht ins Hörzimmer gebeamt; man vergaß Zeit und Raum, ließ sich von der Musik davontragen.
Am Ende muss ich dem Lautsprecher – eigentlich nicht der passende Ausdruck: mehr ein System – zugestehen, dass er, wie es die Homepage verspricht, zwar physisch imposant sein mag, aber den Hörer niemals mit seinem Klang erdrückt, auch nicht bei kurzen Hördistanzen. Stattdessen bekommt man einen flinken, hochauflösenden, leicht warmen und immersiven Sound, der sich mit klassischen Lautsprechern so nicht erreichen lässt. Wer mit der Optik klarkommt (immerhin kann man das Finish aus allen RAL-Farben frei wählen, das sollte ausreichen), akustische Instrumente mag und die Investition nicht scheut, bekommt hier eine interessante Alternative zu konventionellen Speakern mit einem hohen Grad an Flexibilität.
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Zum Abschluss ein paar Worte über den Mann hinter der Musikkammer: Friedel war laut eigenen Worten „schon immer“ audiophil unterwegs, anfangs häufig mit britischen Produkten. Er liebte britische Monitore aus dem Labor der BBC, wie die Spendor LS3/5a und BC1; als Student fuhr er in seiner Anlage den legendären Quad-Flächenstrahler ESL 57.
Ermutigt von seiner Frau eröffnete er vor achtzehn Jahren die Musikkammer. Er startete mit britischen Produkten wie den Lautsprechern von Spendor und den Verstärkern des verstorbenen Glenn Croft.
Inzwischen gibt es Produkte aus vielen Teilen der Welt: Amps mit Röhren von AudioCulture aus Deutschland und mit Halbleitern von Edwards Audio aus UK, von denen er auch die Plattenspieler der TT-Reihe mit ihren einpunktgelagerten Tonarmen führt. Wer klanglich etwas höher hinausmöchte, findet die Dreher der Firma Scheu aus Wiesbaden im Angebot. Tonabnehmer hat er natürlich auch im Programm, meist aus Japan (Shelter, Koetsu, Jico, Phasemation), aber auch van den Hul. Lautsprecher gibt es von Hornkultur (D), Revival Audio (F) und seit Kurzem auch die Flächenstrahler von Magnepan (US). Daneben führt er eine breite Palette an Zubehör.
Gab es in der Firmengeschichte Produkte, die er besonders mochte? Ja, die Plattenspieler von Funk Firm waren cool, im Moment liebt er die Lautsprecher von Revival Audio. Besonders angetan hat es ihm die kleine Atalante 3, die auch demnächst wieder in die Vorführung kommt, denn zu den Analogtagen in Moers zieht die oben besprochene audiophileFAST wieder aus.
Und sonst so? Friedel wird auch weiterhin jenseits des Mainstreams nach Produkten suchen, die größere Aufmerksamkeit verdienen. Neben dem Klang sind ihm dabei Manufakturproduktion oder, wie bei Magnepan, eine lange Firmentradition wichtig – und ein realistischer Gegenwert fürs Geld.
Vielleicht noch ein paar Plattentipps für die NJF-Leser? Klar: Die Aufnahmen von Helge Lien für das Label Ozella sind musikalisch und klanglich top. Typischer Skandi-Jazz, hat er natürlich im Programm. Und Trilok Gurtus Spellbound ist auch gut.
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Die Musikkammer ist kein Laden im klassischen Sinne. Sie ist ein Gegenentwurf: Es geht hier nicht um Marktanteile oder Gewinnmargen - zumindest nicht in erster Linie, überleben will man natürlich schon. Statt Massenware findet man eine sorgfältig kuratierte Auswahl von Manufakturprodukten, denen man sonst kaum begegnet. Ein Rückzugsort für kleine, seltene Marken. Und für Leute, die keine Testsieger suchen, sondern sich selbst.
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