Copland CSA 70 - der kühle Klare aus dem Norden

Veröffentlicht am 1. Februar 2026 um 01:25

Zu einem runden Geburtstag – irgendeine faule Ausrede braucht der Audio-Junkie immer – lieh ich mir vom örtlichen HiFi-Dealer einen Copland CSA 70, „nur mal so“. Wenig überraschend: Der Amp blieb, die Kohle ging. Eigentlich stand das von vornherein fest, denn ich hätte mir den Copland CSA 70 auch dann holen müssen, wenn er gar keine Musik gemacht hätte.

 

Ich habe in meinem Leben eine Unzahl von Audiogeräten besessen, vom opulenten Mastersound DueVenti-Röhrenverstärker bis zur minimalistischen Vor-/Endstufen-Kombination der Moth 30 Series, vom schicken Michell Focus One mit seiner leicht futuristischen Anmutung bis zum biederen Thorens TD 320 III, vom Gelsenkirchener Barock meiner MB Quart aus den 1980ern bis zur lifestyligen Audio Physic Step 25 in Weiß. Aber noch nie, wirklich nie, sind mir Geräte untergekommen, die derart vollkommen gestaltet sind wie die von Copland. Meiner Meinung nach gehören ihre Verstärker in jedes Lehrbuch für Industriedesign.

 

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Und das schon seit knapp vierzig Jahren. Das erste Mal wurde ich auf die Marke im Jahr 1990 aufmerksam, als ich ein Paar Harbeth LS3/5a an einem CTA 401 hörte. Die Lautsprecher konnte ich mir leisten, den Amp leider nicht. Hätte ich aber gerne getan, denn schon damals gefiel mir nicht nur der Klang des Amps. Der auch, klar, aber das Alleinstellungsmerkmal waren weder die Röhren noch der Klang, beides konnte man auch von anderen Herstellern bekommen, sondern das geradlinige und schnörkellose Design, das eine völlig zeitlose Eleganz ausstrahlt. Und Copland ist über die Jahre diesem Ansatz treu geblieben. Der CTA 401 sieht heute noch gut aus, und umgekehrt ließe sich mein CSA 70 problemlos mit den CD-Playern (die sie heute nicht mehr bauen) der Marke kombinieren, ohne dass es einen optischen Bruch gäbe.

 

Einem Ansatz treu zu bleiben heißt jedoch nicht, auf jegliche Veränderung zu verzichten, und so haben die Designer die Geräte über die Generationen optisch stets ein wenig verfeinert, bis zum heutigen Zustand, der für mich einen neuen evolutionären Peak darstellt: Die Reduktion auf das Wesentliche ist beinahe komplett, bis auf einen Hauch gestalterischer Extravaganz in Form haptisch hochwertiger Drehregler aus Aluminium, abgerundeter Ecken und eines weinroten Standby-Schalters – und es sind genau diese Kniffe, die aus einem attraktiven Gerät ein schönes machen. Tatsächlich sieht der Amp in meinen Augen so gut aus, dass ich mich kaum entscheiden konnte, wie ich ihn am besten präsentiere: im natürlichen Habitat auf dem Sideboard mit anderen Geräten oder für sich allein auf einem Beistelltisch, wo seine skulpturale Präsenz besser zur Geltung kommt. Am Ende hatte ich fast 20 Fotos – und hätte viele hochladen können.

 

Von den frühen Geräten geblieben sind die legendären griffigen Regler, wahre Handschmeichler, aber ihre Zahl ist gesunken: von ursprünglich fünf beim CTA 401 auf nunmehr zwei beim CSA 70. Kontrolliert werden damit heute nur noch Quellenwahl und Lautstärke. Weniger geht vermutlich nicht, ohne auf Drucktaster zurückzugreifen – und das wollen wir natürlich mal gar nicht. Wem jedoch bei einem Quellenwechsel oder einer Änderung der Lautstärke die paar Meter Hördistanz partout zu weit sind, der kann den Verstärker auch über eine Metall-Fernbedienung kontrollieren. Die liegt satt in der Hand und unterscheidet sich wohltuend von den Plastikriegeln der meisten Mitbewerber.

 

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Aber bei aller Euphorie über gelungenes Industriedesign: Der CSA 70 ist immer noch in erster Linie ein Audioverstärker. Zeit, ihn auch als solchen zu würdigen. Bekannt geworden ist Copland ursprünglich für seine Röhrenverstärker (erkennbar an der Produktbezeichnung CTA, wie beim CTA 401). Anfang der 1990er lancierte man unter dem Namen Copland Synetic Amplifiers (CSA) Verstärker mit Hybridschaltungen, die Röhren in der Vorstufe mit Transistoren in der Endstufe kombinierten.

 

Das Prinzip hat bis heute Bestand. Der CSA 70 für knapp 3000 € markiert den Einstieg ins Produktportfolio, ist aber kein Hybrid-, sondern ein reiner Transistorverstärker, der einzige im Programm. In der Vorstufe arbeitet hier eine breitbandige Transistorschaltung mit „verschwindend geringem Klirr“ (Copland). Wer ohne Röhren nicht leben kann, muss zum CSA 100 oder höher greifen.

 

Die meisten jedoch, auch ich, dürften schon mit dem CSA 70 so gut bedient sein, dass man sich ernsthaft überlegen sollte, mehr auszugeben. Der CSA 70 bietet nämlich dem ambitionierten Aufsteiger ein echtes Audio-Komplettpaket in einem Gehäuse: eine ziemlich gute MM-Phonostufe kümmert sich um Plattenhörer, daneben gibt es eine Kopfhörerbuchse (bei eingestecktem Kopfhörer werden die Lautsprecherausgänge stummgeschaltet) sowie drei Hochpegel-Eingänge. Weiterhin an Bord ist ein D/A-Wandler, der den Anschluss von bis zu vier Digitalquellen via Koax, Lichtleiter oder USB erlaubt. Das sollte in den meisten Fällen reichen, genau wie die Leistung: 70 W an 8 Ω, fast doppelt so viel an 4 Ω. 

 

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Gutes Design heißt jedoch nicht nur schick, sondern auch benutzerfreundlich. Dem CSA 70 liegt eine ausführliche Bedienungsanleitung bei, aber man braucht sie nicht wirklich. Der Amp erklärt sich den meisten Benutzern von selbst: Auf der Gerätefront finden wir von links nach rechts einen Drehschalter zur Wahl des Digitaleingangs, den Quellenwahlschalter, einen LED-Kranz zur Anzeige des Betriebszustands (On/Standby) und des gewählten Eingangs, den roten Standby-Schalter, den Lautstärkeregler (Vorsicht: die 0dB auf der Skala markieren die maximale Lautstärke!) und ganz außen eine 6,35-mm-Kopfhörerbuchse.

 

Hinten geht’s notgedrungen weniger luftig zu als auf der Front, aber vor große Rätsel gestellt wird man auch hier nicht. Ganz links gibt es einen variablen und einen Line-Ausgang, daneben den Phono-Eingang, darüber einen Masseanschluss für Phonokabel. Rechts neben den Phonobuchsen folgen die Hochpegel-Eingänge, eine Antennenbuchse für Bluetooth, die vier Digitaleingänge und schließlich der Kaltgeräteeingang für das Netzkabel. Über dem Kaltgeräteeingang befindet sich ein Netzschalter, über den Digitaleingängen finden wir zwei Paar solide Lautsprecherklemmen. Alles gut und schlüssig – solange man sich hinter dem Gerät befindet, während man es verkabelt. Ich wollte einmal lässig von vorne meine externe Phonostufe mit einem Line-Eingang verbinden, erwischte prompt ein falsches Buchsenpaar und wunderte mich, warum ich kein Signal hörte. War natürlich nicht die Schuld des Verstärkers, aber man sollte beim Verkabeln wirklich genau hinschauen.

 

Wie gesagt: Den CSA 70 hätte ich mir als reines Anschauungsmaterial für meine Designmodule im Technikunterricht kaufen können – aber er macht ja auch noch Musik.

 

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Ich vertrete die These, dass Audiogeräte meist so klingen, wie sie aussehen. Damit meine ich, dass die Attribute, mit denen man das Design beschreibt, sich in der Regel auch zur Charakterisierung des Klangs eignen. Was den Copland betrifft, sind das: klar, sachlich, elegant – und ein bisschen schön.

 

Legen wir mal etwas Musik auf, zum Beispiel The Widow in the Window von Kenny Wheeler auf ECM aus dem Jahr 1990, eine Quintettaufnahme mit Wheeler an Trompete und Flügelhorn, John Abercrombie an der Gitarre, John Taylor am Klavier sowie Dave Holland am Bass und Peter Erskine am Schlagzeug. Die Qualität der Aufnahme ist schlicht exquisit, und mit dem CSA 70 hört man das auch. Das Stück Aspire auf Seite 1 beginnt mit einem verhaltenen Schlagzeug-Intro, bei dem Erskine ganz sachte auf Toms und Bassdrum spielt. Hier zeigt sich die vorbildliche Klarheit des Verstärkers. Man fühlt sich, als säße man im Studio, hört jede Hallfahne, jeden Beckenanschlag und sehr genau die unterschiedlichen Timbres der Toms. Die Abbildung der Bassdrum ist so glaubwürdig, dass sie ein Gefühl physischer Präsenz im Hörraum vermittelt. Beinahe gespenstisch!

 

Warum ich dem Copland Sachlichkeit bescheinige, hört man, wenn nach dem Schlagzeugintro der Rest der Kapelle einsetzt. Hier wird der Bass nicht betont oder aufgedickt, die Höhen wirken weder verhalten noch prononciert, Trompete, Gitarre und Klavier bestechen mit lebensechten Klangfarben (dabei müssen natürlich auch die Speaker mitspielen). Dazu ist die Aufnahme schön sortiert, der Amp baut eine Stereobühne wie eine Kathedrale, jedes Instrument bekommen seinen festen Platz.

 

Bedeutet "sachlich", dass der Verstärker neutral ist wie die Schweiz? Naja, vielleicht nicht ganz. Im direkten Vergleich mit meinem Perreaux éloquence 150i meine ich, einen wirklich minimalen Hof von Euphonie um Mitten und Höhen zu hören, als könne der Amp die Verwandschaft zu seinen röhrenbestückten Geschwistern nicht völlig leugnen. Hier kommen dann die Begriffe elegant und schön ins Spiel. Ich dachte zunächst, wir hätten es vielleicht mit einem geringen Anteil gutmütigen Klirrs zu tun, aber diverse Messungen in einschlägigen Gazetten bescheinigem dem CSA 70 totale Askese beim Klirr. Dennoch scheint der Klang des Verstärkers in den Mitten etwas leuchtender und intensiver zu sein als der des wärmeren und ruhigeren Perreaux. Keine Ahnung, ob es an der Schaltung liegt oder an den verwendeten Bauteilen, aber es kann uns Hörern ja auch egal sein. Fest steht jedenfalls, dass hier sehr vieles richtig gemacht wurde.

 

Die angenehme, luzide Präsentation des Amps kommt übrigens auch dann zum Tragen, wenn das Quellenmaterial nicht so hohe Ansprüche bedient wie eine Aufnahme von ECM. Vera Solas Peacemaker (Spectrasonic/City Slang) aus dem Jahr 2024 ist musikalisch eine Großtat, melancholisch-dunkler Folk/Americana mit einem gelegentlichen Schuss Tom Waits aus der Rain-Dogs-Ära, aber die Produktion des Albums ist stellenweise etwas dicht und undifferenziert. Der Copland jedoch entwirrt auch hier das komplexe Geflecht aus Geräuschen, seltsamen Tönen und schrägen Gitarrenlinien, ohne jemals aufzudicken oder angestrengt zu klingen, im Gegenteil. Der Kontrabass hat Körper, Substanz und mächtigen Schub, das klingt souverän und nach mehr als den 70 Watt in der Produktbeschreibung. Die leicht rauchige Stimme wirkt warm und lebendig, perkussive Impulse und atmosphärische Geräusche entstehen wie aus dem Nichts und geistern durch das Stereopanorama – die Reise durch Solas Klangwelt wird so zu einem echten Abenteuer.

 

Und wie steht es um klassischen Hard Bop, sozusagen das tägliche Brot von NJF? Kurz: gar kein Problem. Die meisten Jazz-Alben aus der Dekade zwischen 1955 und 1965 klingen ohnehin gut, ungekünstelt, mit natürlicher Wärme und lebendiger Dynamik. Das spielt der feinen Auflösung und schnellen Ansprache des CSA 70 in die Karten. Nur ein Beispiel: Winchester Special, eine Aufnahme des Vibraphonisten Lem Winchester aus dem Jahr 1959 (New Jazz 8223/OJC-1719), hat richtig Fleisch auf den Knochen. Benny Golson bläst hier eine schön samtige Kanne, deutlich entspannter als auf Moanin’, seinem Debüt bei den Jazz Messengers. Winchesters Vibraphon und Tommy Flanagans Piano perlen körperlos leicht aus den Speakern.

 

Ich staune immer wieder über die Klangqualität dieser Aufnahmen, die stramm auf die siebzig Jahre zusteuern. Klar, eine gute moderne Aufnahme wie The Widow in the Window bietet eine feinere Auflösung als Winchester Special, wirklich schöner aber ist sie nicht. Platten von Blue Note oder Prestige, bei denen Rudy Van Gelder an den Reglern saß (oder vergleichbare Alben von Roy DuNann auf Contemporary), sind wie ein Schaumbad für die Seele: ideal zum Runterkommen nach einem dreckigen Tag auf der Maloche oder als Soundtrack zu einem schweren Roten. Und Coplands CSA 70, der weder etwas wegnimmt noch hinzudichtet, ist der ideale Vermittler zwischen Aufnahme und Mensch - auch, weil er bei der Wahl der Lautsprecher nichts diktiert, sondern stoisch das akzeptiert, was man ihm anbietet. Bei mir kommt er gleichermaßen gut zurecht an den Lu Kang Spoey 200 (mäßiger Wirkungsgrad, aber ihre echte 8 Ω-Last ist für jeden Amp ein Kinderspiel) und an der BellaDonna von Heco (effizient, aber die Last ist tricky). Während der Rezension habe ich mit den Spoeys gehört, als Quellen fungierten ein Rega RP3 mit Denon DL-103, der WiiM Pro Streamer und Denons DCD-900 CD-Player.

 

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Am Ende muss ich dem CSA 70 dankbar sein. Er hat mir ermöglicht, vom hedonischen Hamsterrad des periodisch wiederkehrenden Zwangs zum Upgrade abzuspringen. Ich habe den Amp seit knapp zwei Jahren; genug Zeit also, um ein paar Haare in der Suppe zu finden. Aber: Es gibt keine, ich habe einfach nichts zu nörgeln. Der Verstärker ist zu jeder Zeit der perfekt höfliche Gast in deinem Leben. Attraktiv, aber nicht arrogant, er spielt sich nie in den Vordergrund und verträgt sich mit allen. Er regt an, ohne dick aufzutragen, und beim Essen lässt er niemals einen ziehen. Eigentlich kaum zu glauben, dass es besser geht.

 

Aber machen wir uns nichts vor: Selbst im Produktportfolio von Copland geht es vermutlich noch besser – wahrscheinlich sogar deutlich, schließlich kostet der CTA 407 mehr als das Doppelte des CSA 70. Und dann gibt’s natürlich noch jede Menge Geschosse im fünfstelligen Bereich von Firmen wie Accuphase, Air Tight, Burmester, Boulder, oder Audionet sowie die Top-Modelle von Marantz, MBL oder Musical Fidelity. Es wäre kaum vorstellbar, und auch nicht zu vermitteln, wenn der (erheblich) höhere technische und materielle Aufwand sich nicht in klanglichem Fortschritt niederschlüge. Dennoch erreicht man, erreiche ich, mit dem CSA 70 ein im wahrsten Wortsinn zufriedenstellendes Niveau, das erlaubt, sich auf das zu konzentrieren, worum es eigentlich geht: auf das Musikhören.

 

Und sollte ich eines Tages doch dem Sirenenruf der Klangverbesserung folgen, dann werde ich den CSA 70 nicht verkaufen, sondern an exponierter Stelle im Wohnzimmer platzieren - als Blickfang für die Dinnergäste.

 

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