Baby Face Willette - Face to Face vs. Stop and Listen

Veröffentlicht am 12. Mai 2026 um 09:18

 

Baby Face WilletteFace To Face

Blue Note BST-84068; 01/1961; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Fred Jackson – ts, Baby Face Willette – org; Grant Green – gtr; Ben Dixon – ds.

 

Side A:

1) Swingin’ At Sugar Ray’s

2) Goin’ Down

3) Whatever Lola Wants

 

Side B:

1) Face To Face

2) Somethin’ Strange

3) High ’n Low



Baby Face WilletteStop And Listen

Blue Note BST-84084; 05/1961; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Baby Face Willette – org; Grant Green – gtr; Ben Dixon – ds.

 

Side A:

1) Willow Weep For Me

2) Chances Are Few

3) Jumpin’ Jupiter

 

Side B:

1) Stop And Listen

2) At Last

3) Soul Walk

4) Work Song

 

Heute kennt kaum noch jemand Baby Face Willette. Letztendlich blieb auch er, ähnlich wie George Braith, eine Randfigur im Katalog von Blue Note wie auch im Jazz allgemein. Bei Willette allerdings waren die Gründe tragischer. Braiths Extensions hatte das Pech, künstlerisch in keine Schublade zu passen. Es war, trotz klassischer Besetzung von Orgel-Trio plus Tenorsax, zu experimentell für Soul Jazz, andererseits nicht halb so sperrig wie Andrew Hill oder Grachan Moncur III und den labeltypischen Hard Bop bot es auch nicht. Das Resultat: mäßige Verkaufszahlen, nach drei Versuchen mit Braith verlor Blue Note das Interesse und der Musiker zog weiter. Bei Willette dagegen sah es für kurze Zeit – wenige Wochen zu Jahresbeginn 1961 – richtig vielversprechend aus, bevor seine Karriere bei Blue Note abrupt endete. Aber eines nach dem anderen.

 

****

 

Roosevelt „Baby Face“ Willette (auch bekannt als Willet oder Willett) wurde am 11. September geboren. Entweder in Little Rock, Arkansas, oder in New Orleans, die Quellen sind sich nicht einig. Verwirrung herrscht auch beim Geburtsjahr: Robert Levin gibt in seinen Liner Notes zu Face to Face 1933 an, laut seiner Sterbeurkunde war es das Jahr 1934, auf seinem Grabstein hingegen steht 1936.

 

Sicher ist: er war das sechste von sieben Kindern von Mansfield und Ardelia Willette. Die Familie war streng religiös. Mansfield arbeitete als Pastor in Little Rock, auch Ardelia engagierte sich in der Gemeinde und spielte Piano. Vermutlich war sie es, die im jungen Roosevelt das Interesse an Musik weckte, jedenfalls war das Piano sein erstes Instrument; er nahm seine ersten Platten als Rhythm’n’Blues-Pianist auf.

 

Kurioserweise hielten die christlichen Überzeugungen der Familie Willette sie nie davon ab, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Besonders das Gebot der Nächstenliebe erwies sich als echte Hürde: Mansfield wurde regelmäßig wegen kleinerer Delikte verhaftet und schließlich wegen eines tätlichen Angriffs auf die Nachbarin Matilda Bell auch verurteilt, als Roosevelt sechzehn war. Roosevelt und seine Schwester Eloise wurden daraufhin dem Jugendgericht überstellt.

 

Wenn er sich nicht in Dispute mit Nachbarn verwickeln ließ, muss Roosevelt, der gegen Ende der 1940er den Spitznamen Baby Face bekam, an seinem Pianospiel gearbeitet haben. Zunächst half er als Pianist in der Gemeinde seiner Eltern aus und begleitete seine Schwestern bei einer Gospelaufnahme im Jahr 1948. In den folgenden Jahren wandte er sich jedoch stärker dem Rhythm’n’Blues zu und reiste über zehn Jahre lang als Pianist für eine Reihe von Jump Blues Bands kreuz und quer durch die USA. In Robert Levins Klappentext zu Face to Face wird Willette zitiert: „Das (Touren) war immer anstrengend. Ich ging dahin, wo es Arbeit gab.“

 

Auf einer Tournee entdeckte er bei einer Begegnung mit Kirchenorganisten die Orgel als Instrument für sich und fand durch die Musik Charlie Parkers zum Jazz. Sein Gespür für Rhythm and Blues, die Musik, die er von der Pike auf gelernt hatte, sollte ihn aber ein Leben lang prägen. Erneut zitiert ihn Levin: „Im Grunde gibt es kaum einen Unterschied zwischen Rhythm and Blues oder gar Kirchenmusik und Jazz. Das sind die Wurzeln.“

 

****

 

Ende 1960 zog es Willette nach New York und im Januar ging es für ihn bei Blue Note Schlag auf Schlag. Am 23.1.1961 spielte er als Sideman auf Lou Donaldson’s Here ‘Tis, am 28.1. auf Grant Greens Debüt Grant’s First Stand. Am 30.1. stand er als Leader im Studio und nahm Face To Face auf. Mir ist nicht bekannt, dass es in der Geschichte des Labels einen weiteren Musiker gegeben hat, der innerhalb von sieben Tagen drei Sessions gespielt hat. Wie kam’s?

 

Weiß ich nicht, aber man darf ja spekulieren. Die obigen drei Aufnahmen qualifizieren sich als „Soul Jazz“ und der Kern aus Willette und Green spielt auf allen. Bei Grant’s First Stand wird der Drummer ausgetauscht, statt Dave Bailey spielt Ben Dixon und auf Face to Face wird der R’n’B Tenorist Fred Jackson als weitere Leadstimme ins Boot geholt.

 

Reden wir nicht um den heißen Brei: auf diesen Platten wird das Rad nicht neu erfunden, aber was auffällt, ist eine starke Synergie zwischen Willette und Green (und ab Stand auch Ben Dixon an den Drums), die auf den schnelleren Blues-Nummern (und das sind die meisten) einen enormen Drive entfachen. Man kann sich gut vorstellen, dass Lion begeistert war. Bekanntlich lautete sein Leitsatz „It must schwing!“, und Swing bekommt er hier reichlich. Wohl auch deshalb bat man Willette im Mai für sein zweites Date Stop and Listen ins Studio. Dieses Mal war kein Horn dabei – die Besetzung von Grant’s First Stand kam erneut zusammen, aber hier war Willette der Leader.

 

Doch Willette blieb die Sternschnuppe des Soul Jazz: Vier Alben lang glühte er hell, dann schlug das Schicksal zu. Im Juni, einen Monat nach Stop and Listen wurde er verhaftet. Man beschuldigte ihn, einen Mann mit einem Messer bedroht und ausgeraubt zu haben. Willette stritt dies ab und behauptete, er habe mit dem Messer lediglich eine Frau vor den Übergriffen des Klägers beschützen wollen, aber im Dezember wurde er schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe verurteilt. Als Stop and Listen in den Läden stand, saß Baby Face im Gefängnis. 

 

Seine Karriere bei Blue Note war beendet. Auch in der New Yorker Jazz-Szene sollte er keine Rolle mehr spielen, aber für Argo in Chicago nahm er später noch zwei weitere Alben auf, die heute jedoch so obskur sind, dass man sie noch nicht einmal auf den einschlägigen Streamingdiensten antrifft.

 

****

 

Zurück zu den Aufnahmen für Blue Note. Face to Face und Stop and Listen sind konzeptionell so ähnlich, dass es keinen Sinn ergibt, sie getrennt zu betrachten. Beide bieten heftig swingenden blues-getränkten Soul Jazz, der die Clubs mächtig angeheizt haben dürfte. Das Material besteht vorwiegend aus „Kompositionen“ von Willette, in der Regel eingängige Blues Riffs, über die man jammt, sobald das Thema erledigt ist. Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist, dass die Formel über die zwei Platten im Großen und Ganzen gut funktioniert und man sich nicht langweilt. Man muss sagen: Willette konnte simpel. Er hatte nie gelernt, Noten zu lesen, aber ein intuitives Gespür für knackige Melodien und seine Lehrjahre in Gospel- und Blues-Combos hatten ihn zu einer formidablen Groovemaschine an der Orgel geformt.

 

Welche der beiden Platten man bevorzugt hängt eigentlich davon ab, ob man sein Orgel-Trio pur oder mit Horn mag. Anfangs war ich überhaupt nicht begeistert von Tenorist Fred Jackson auf Face to Face. Er spielt mit kräftigem Ton bluesige, aber etwas zu spektakuläre Soli. Im Geiste sehe ich ihn während seiner Soli in Clubs auf dem Tresen marschieren. Früher hätte ich das ohne Ende cool gefunden, aber man wird älter. Nach ein paar Durchgängen jedoch musste ich meine Meinung revidieren. Besonders auf der zweiten Seite, auf dem Titelstück und dem Moll-Swinger Somethin’ Strange, lässt Jackson die Sau raus und man nickt begeistert mit. Ein bizarres Highlight auf Face to Face ist die Fremdkomposition Whatever Lola Wants aus dem Musical Damn Yankees, das mit seiner wehmütigen Melodie und Latin-Rhythmus klingt wie die Titelmelodie eines 1960er-Thrillers.

 

Stop and Listen ist in meinen Augen das stärkere Album, aber nicht zwingend, weil Jackson fehlt, sondern weil es insgesamt musikalisch fesselnder ist. Green, Willette und Dixon waren auf Face to Face schon tight, hier ist ihre Interaktion fast telepathisch, sie sprechen quasi wie mit einer gemeinsamen Stimme. Insbesondere Green scheint auf Stop and Listen mehr bei sich, spielt mit weicherem Ton und weniger aggressiv als auf dem Vorgänger.

 

Darüberhinaus gibt’s kompositorisch marginal mehr Abwechslung, immerhin sind mindestens zwei der sieben Titel – Ann Ronells Willow Weep for Me und Nat Adderleys Work Song – etablierte Fremdkompositionen und bei einem weiteren Stück lässt sich eine Missachtung des Siebten Gebotes zumindest diskutieren. Willette beansprucht Soul Walk zwar für sich, doch ist es ohne Benny Golsons Blues March kaum denkbar.

 

Wie auch immer. Auf Stop and Listen hatten sich Willette, Green und Dixon so richtig aufeinander eingegroovt. Echte Überraschungen gibt es nicht, doch Willow Weep for Me sorgt zumindest für einen unerwarteten Moment. Ich kannte es nur als funereale Ballade, hier swingt es in einem lockeren Midtempo. Erst war ich irritiert, aber mittlerweile kann ich Willettes federnder Version etwas abgewinnen.

 

Betrachtungen zu kompositorischer Raffinesse führen bei Willette allerdings nicht weiter. In dieser Hinsicht kann er mit Leuten wie Horace Silver und Wayne Shorter nicht mithalten. Aber vermutlich wollte er das auch nicht. Die Stärke von Stop and Listen ist sein clubbiger Drive. Es swingt fast pausenlos, mal im Midtempo, wie bei Stop and Listen, bis zum Uptempo von Jumpin’ Jupiter. Willette hatte einen perkussiven Stil an der Hammond, der seiner Musik einen blubbernden, treibenden Puls verlieh, dem man sich irgendwann nicht mehr entziehen kann. Und wenn das passiert, dann gibt man alle Bedenken und Widerstände auf, lässt sich vom eingeschworenen Rhythmus-Kollektiv aus Willette, Green und Dixon einfach mitnehmen auf eine vierzigminütige Tour durch eine bessere, swingende Welt.

 

Fazit: Wer auf 100% Club-tauglichen Soul-Jazz steht, der macht bei den beiden Aufnahmen von Baby Face Willette für Blue Note nichts verkehrt. Persönlich bevorzuge ich die unverdünnte Dosis Willette auf Stop and Listen, aber auch Face to Face mit R’n’B-Tenorist Fred Jackson hat seine Momente. Trotz der Schlichtheit des Materials: der Groove von Willette, Green und Dixon ist derart mitreissend, dass man sich die drei unter günstigeren Umständen gut als Blue Notes Haus-Rhythmusgruppe für diese Art von (im positiven Sinne) massentauglichem Jazz vorstellen kann.

 

Musik: ***1/2 (Face to Face); **** (Stop and Listen)

 

Sound: Face to Face klingt gut, aber stellenweise im Vergleich ein wenig roh. Geschmackssache. Stop and Listen bietet einmal mehr die van-Gelder-typische Ausgewogenheit und Klarheit.

 

Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 sind beide zu haben. Face to Face gibt’s als Tone Poet – gut, aber mit 40€ auch teuer, während Stop and Listen in der Classic Vinyl Series für ca.30€ zu haben ist.



Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.