Arthur Taylor – A.T.’s Delight
Blue Note ST-84047, 08/1960, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Dave Burns – tp; Stanley Turrentine – ts; Wynton Kelly – p; Paul Chambers – b; Arthur Taylor – ds; Carlos „Patato“ Valdés – cga*
Side A:
1) Syeeda’s Song Flute
2) Epistrophy*
3) Move *
Side B:
1) High Seas
2) Cookoo And Fungi*
3) Blue Interlude
Der Schlagzeuger Art Taylor konnte sich über Arbeitsmangel nicht beklagen. Laut einer bekannten Online-Enzyklopädie umfasst seine Diskografie sagenhafte 323 Aufnahmen, die meisten davon aus den 1950er und frühen 1960er Jahren. Besonders bei Prestige schätzte man ihn, dort war er eine Zeit lang fast so etwas wie der Haus-Schlagzeuger, aber man traf ihn auch bei anderen Labels wie Riverside, Bethlehem und Blue Note.
Doch warum kennt man ihn außerhalb der Jazz-Bubble kaum? Vermutlich, weil er auf 318 der 323 Alben als Sideman mitgewirkt hat. Zur Blütezeit des Jazz in den späten Fünfzigern ging er als Leader nur dreimal ins Studio, 1992 und 1993 folgten zwei späte Aufnahmen für Enja und Verve. Seine ersten beiden Alben, Taylor’s Wailers (1957) und Taylor’s Tenors (1959), veröffentlichte er bei Prestige, sein drittes und wohl bekanntestes, AT’s Delight, um das es hier geht, erschien 1961 bei Blue Note.
Für AT’s Delight hatte Taylor ein prototypisches Hard-Bop-Quintett zusammengestellt, mit dem selten gehörten Dave Burns an der Trompete, Paul Chambers am Bass sowie den Blue-Note-Regulars Stanley Turrentine und Wynton Kelly an Tenorsaxofon und Piano. Auf drei Stücken wird die Gruppe von dem Conguero Carlos „Patato“ Valdés ergänzt, der dem Geschehen lateinamerikanische Würze hinzufügt. (Nebenbei: Auf dem Cover listet man ihn als „Potato“ Valdez, auf seinem eigenen Album Bata y Rumba erscheint er dagegen als Patato Valdés.)
AT’s Delight bietet fünf Fremdkompositionen, die meisten von Leuten, mit denen Taylor bereits gearbeitet hatte; lediglich Cookoo and Fungi geht auf die Kappe des Leaders. Den Anfang macht Coltranes Syeeda’s Song Flute vom Album Giant Steps, auf dem Taylor ein paar Monate zuvor getrommelt hatte. Achtung, Nerd-Alarm: Der Kontrast zwischen Coltranes Interpretation und Taylors Version ist interessant. Hier klingt das Stück, besonders im Spiel von Burns und Turrentine, wie eine Hard-Bop-Hymne, während es bei Coltrane moderner wirkt, vielleicht schon an der Schwelle zur Modalität.
Auch mit Thelonious Monk war Taylor gerade erst im Studio gewesen. Bei Monks Epistrophy mischt Patato Valdés zum ersten Mal mit und das Stück ist ein echtes Forum für die Perkussionisten. Während der Soli der anderen (Turrentine, Burns, Kelly) sorgen Taylor und Valdés für einen zwingenden Groove, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Gegen Ende solieren sie gemeinsam, bevor es zurück zum Thema geht. Die Präsenz von Valdés ist kein Gimmick, sie ändert den Charakter des Stücks, gibt ihm eine latent fiebrige Energie.
Stichwort Energie: Denzil Bests Move wird in einem halsbrecherischen Tempo gespielt. Das Thema gehört Taylor, Valdés und Burns auf der gestopften Trompete, der auch das erste Solo spielt. Valdés kocht unfassbar, es gibt weitere Soli von Turrentine und Kelly, am Ende haben Taylor und Valdés einen langen perkussiven Dialog.
Auf Seite zwei finden sich mit High Seas und dem Closer Blue Interlude zwei selten gehörte Kompositionen von Kenny Dorham. Beides Blues in Moll, deren Themen, wie so oft bei Dorham, sofort ins Ohr gehen. High Seas glänzt mit engem Ensemblespiel und schwingt in einem strammen Midtempo; seine bluesige Ausrichtung spielt besonders Turrentine und Kelly in die Karten, die in dieser Art von Material zu Hause sind.
Cookoo and Fungi ist Taylors Eigenkomposition. Ganz ehrlich? Nicht unbedingt das Highlight des Albums. Über einem dichten, latent hektischen Calypso-Groove von Chambers, Taylor und Valdés spielt Turrentine allein das Thema; Burns und Kelly dürfen eine rauchen gehen. Turrentine nimmt das erste Solo, dann sind die Drummer an der Reihe: Taylor und Valdés liefern sich ein längeres Duell, das jedoch nicht annähernd das energetische Niveau von Move erreicht. Man verfolgt es eher mäßig gespannt, bis Turrentine und Chambers wieder einsteigen, die aber nicht recht zu wissen scheinen, was sie eigentlich machen sollen. Es klingt, als ob dem Stück selbst nicht ganz klar ist, wo es hin will, und so wirkt es nur logisch, dass es nach einer Weile ausgeblendet wird.
Blue Interlude ist der zweite Blues von Dorham und beendet die Session auf einer positiven Note. Etwas schneller als High Seas, aber im Prinzip dieselbe musikalische Form. Was beim Hörer hängen bleibt, sind erneut schöne Ensemblepassagen mit reichlich Gelegenheit für kleine Fills des Leaders.
Wenn jemand über 300 Alben aufgenommen hat und darunter nur fünf als Leader sind, dann dürfen wir davon ausgehen, es nicht mit einem Profilneurotiker zu tun zu haben. So ist AT’s Delight dann auch eine ziemlich uneitle Platte. Klar, sie hat Momente, in denen der Fokus auf den Drums liegt, aber zum einen sind sie nicht so häufig, dass sie das Album dominieren, zum anderen teilt Taylor diese Momente uneigennützig mit einem zweiten Drummer in Person von Patato Valdés. Häufig aber, und das ist keine Kritik, wirkt das Album eher wie das Produkt eines Kollektivs von Session-Assen, als dass es die deutlich erkennbare Handschrift eines Leaders zeigt.
AT’s Delight hat die Jazzwelt nicht verändert, steht aber beispielhaft für Blue Notes Labelphilosophie: eine gut vorbereitete Session mit eingängigen Themen, die viele Leute angesprochen haben dürften; arrangiert mit mehr Sorgfalt als vergleichbare Sessions anderer Labels und souverän eingespielt von einer Gruppe der führenden Studiomusiker ihrer Zeit. Daher ist das Album eine wichtige Bestandsaufnahme des klassischen Blue-Note-Sounds zu Beginn der 1960er-Jahre.
Und gut, dass wir sie haben, denn die besonders auf der ersten Seite sehr abwechslungsreiche Platte ist in Würde gealtert. Wie gesagt: Nicht essenziell (wie viele Aufnahmen sind das schon?), aber ein gut abgehangener Cut aus der Hochphase des Hard Bop.
Musik: ****
Sound: Hier gibt es nichts zu meckern. Wie immer bei RvG erhält jedes Instrument seinen Raum, realistische Klangfarben bei Trompete und Tenorsax.
Verfügbarkeit: Zur Jahreswende 2025/6 relativ leicht zu finden als Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series, um die 30 €; alternativ gibt es preiswerte Ausgaben auf L.M.L.R. und Culture Factory für ca.20 €.
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