Kenny Burrell - Blue Lights Volumes 1 & 2

Veröffentlicht am 9. November 2025 um 16:28

Kenny Burrell – Blue Lights Volumes 1 & 2

Blue Note BLP 1596; BLP 1597; 05/1958; Producer: Alfred Lion; Engineer: Rudy van Gelder

Kenny Burrell – g; Louis Smith – tp; Junior Cook, Tina Brooks – ts; Duke Jordan, Bobby Timmons – p; Sam Jones – b; Art Blakey – ds.

 

Volume 1:

Side A:

1) Yes Baby

2) Scotch Blues

 

Side B:

1) Autumn in New York

2) Caravan

 

Volume 2:

Side A:

1) Rock Salt

2) The Man I Love

 

Side B:

1) Chuckin’

2) Phinupi

 

Der Jazzkritiker Robert Levin gibt in den Liner Notes unumwunden zu, dass es sich bei diesen beiden Alben vom Mai 1958 um „Blowing Sessions“ handelt, also lose organisierte Events, bei denen man sich ohne große Vorbereitung oder Proben trifft, um über ein paar Standards oder eilig zusammengestrickte und in der Regel wenig fordernde Originals (meistens Blues) zu jammen… mit unvorhersagbaren Ergebnissen zwischen Geniestreich und Bandprobe. Solche reinen Blowing Dates waren bei Blue Note eher die Ausnahme.

 

Blue Lights gehört zu diesen Ausnahmen und kann, finde ich, zumindest auf Vol.1 nicht durchgängig überzeugen. Auf den meisten Stücken spielt ein Septett mit Burrell, nominell der Leader (er ist zumindest bei jedem Stück dabei, soliert aber nicht zwingend länger als seine Kollegen), Trompeter Louis Smith, Sam Jones am Bass, Art Blakey am Schlagzeug, Bobby Timmons oder Duke Jordan am Piano sowie den Tenorsaxofonisten Harold „Tina“ Brooks und Junior Cook.

 

Wir finden auf Seite 1 gleich zwei Blues. Yes Baby schleicht ohne maßlos übertriebenen Wiedererkennungswert und mit dem Gefühl leicht unterforderter Routine durch die Changes, die Soli wirken aufgereiht wie an einer Perlenkette: jeder kommt mal dran, keiner setzt eine echte Duftmarke, aber es blamiert sich auch niemand, was ja eine eigene Art von dramatischem Moment darstellen kann. Die zweite Nummer dagegen bietet reichlich Wiedererkennungswert, wenn auch von fragwürdiger Art: ich finde Scotch Blues schlicht irritierend. Das Intro erinnert an ein Regiment von Dudelsackbläsern beim Stimmen, das Thema entfernt an schottische Reels, mit einem Burrell, der die Tänzer mit nervös die Tonleiter rauf- und runterhüpfenden Staccato-Läufen porträtiert. Wenigstens dürfen zwischen den Themen die Solisten ran, aber wo ist die berühmte Qualitätskontrolle von Blue Note, wenn man sie braucht? (Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass es dazu andere Meinungen gibt. Scott Yanow auf www.allmusic.com: „der augenzwinkernde Scotch Blues ist ein Höhepunkt.“ Lass ich einfach mal so stehen, der Himmel des einen ist das Fegefeuer des anderen.)

 

Leider hat auch die zweite Seite von Vol.1 ihre Probleme. Autumn in New York ist ein Balladen-Feature für Burrell und meines Erachtens die beste Nummer hier, aber Caravan wirkt dann wieder hoffnungslos überladen, ein babylonisches Gewirr von durcheinander quasselnden Stimmen, das mich eher nervös macht als mitreißt. Zur Ehrenrettung der Platte sei angemerkt, dass die Solisten, und zwar alle, durchweg ordentliche Arbeit abliefern, die Probleme liegen bei den Themen bzw. dem Arrangement. Es gibt einiges, das Spaß bereitet. So kann man sich etwa daran versuchen, die unterschiedlichen Klangfarben der Saxofonisten Junior Cook (sonor, ein bisschen in Richtung Coltrane) und Tina Brooks (leicht heiser) herauszuhören.

 

Die vom selben Team eingespielte Vol.2 gelingt deutlich besser, warum auch immer. Den Auftakt macht Rock Salt, ein Blues in Moll. Hatten wir lange nicht, aber das Thema ist einprägsamer als Yes Baby und einmal mehr überzeugen die Solisten, besonders Louis Smith. The Man I Love bietet eine echte Überraschung, denn es wird von Sam Jones am Bass vorgestellt, der hierbei ausgesprochen lässig swingt und auch gleich auf seinem Solo zeigt, was für ein guter Musiker er war. Bei seinem eigenen Stück, dem boppigen Chuckin’, darf er direkt noch mal ran und spielt das heftig groovende Thema mit sattelfester Intonation und unisono mit Burrell. Klasse bluesiges Solo von Soul Brother Timmons, auch Jones selber soliert gegen Ende der Nummer ein weiteres Mal. Phinupi schließlich ist ein flottes Blowing-Vehikel, das Tempo ist noch höher als bei Chuckin’. Hier dürfen sich, mit Ausnahme von Jones und dem abwesenden Brooks, alle noch einmal zu Wort melden. Louis Smith punktet erneut mit flüssigem Spiel und strahlendem Ton.

 

Musik: *** (Vol.1) bis **** (Vol.2)

 

Sound: gewohnt gute Aufnahme von Rudy van Gelder, alle Instrumente haben genügend Raum im Mix, glaubhafte Klangfarben. 

 

Verfügbarkeit: im September 2025 sehr schwierig. Als alleinstehende Alben auf Vinyl und CD nur gebraucht. Wenigstens gibt es auf Avid Jazz eine Doppel-CD mit den vier Burrell-Aufnahmen in Blue Notes 1500 Series (Kenny Burrell, Introducing Kenny Burrell, Blue Lights Vol.1 & 2).

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.