Andrew Hill - Dance With Death

Veröffentlicht am 27. November 2025 um 21:38

Andrew Hill – Dance With Death

Blue Note GXK 8184, 10/1968, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Francis Wolff

Andrew Hill – p; ; Joe Farrell – ts, ss; Charles Tolliver – tp; Victor Sproles – b; Billy Higgins – ds;

 

Side A:

1) Yellow Violet

2) Partitions

3) Fish’n Rice

 

Side B:

1) Dance With Death

2) Love Nocturne

3) Black Sabbath

4) Dance With Death (Alternate Take)

 

Was für ein Pech: Diese Aufnahme entstand in einer Zeit, Ende 1968, als Blue Note tatsächlich ein Überangebot von Hill im Programm hatte und da fiel Dance With Death wohl ein bisschen zwischen die Stühle. Im Frühjahr 1968 war nämlich mit Andrew!!! bereits eine Platte erschienen, die Hill auf freien Pfaden wandeln sieht, von der Stimmung vergleichbar mit der an anderer Stelle besprochenen Judgment! Im April und August 1968 wiederum hatte Hill mit einigen amtlichen Hard-Boppern, darunter Booker Ervin und Lee Morgan, das oft als Soul Jazz vermarktete Grass Roots eingespielt, das Hill von seiner zugänglichsten Seite zeigen sollte. Zugänglich ist natürlich relativ, die Clubs wird auch Grass Roots kaum aufgemischt haben, aber tendenziell lässt sich schon sagen, dass Hills Kompositionen hier mehr nach Horace Silver klingen als je zuvor. Im November 1968 jedoch kam die Rückbesinnung auf die schwerer verdauliche, nahrhafte Hillsche Kost früherer Jahre, sozusagen in direkter Konkurrenz zu Andrew!!! Also blieb Dance With Death erst einmal im Archiv liegen, bevor es im Jahr 1980 von japanischen Blue-Note-Archäologen entdeckt und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Seitdem war die Platte immer wieder mal zu haben.

 

Wie schon auf Judgment! navigiert Hill sich auch auf Dance With Death durch die Grenzgebiete zwischen Struktur und Freiheit. Wenn man die Musik mit einem Etikett versehen möchte, dann würde sich wahrscheinlich Post Bop am ehesten anbieten. Die Musik swingt hier (meistens) nicht mehr im 4/4, sondern bewegt sich, wie etwa bei Yellow Violet, in schwer fassbaren Metren, ohne jedoch den Rhythmus völlig aufzugeben. Dasselbe gilt für die Harmonik – die Stücke klingen durchweg harmonisch weniger verbindlich als klassischer Hard Bop, aber niemals free.

 

Begleitet wird Hill von Joe Farrell am Tenor- und Sopransaxofon, Charkes Tolliver an der Trompete, Victor Sproles am Bass und Billy Higgins am Schlagzeug. Wie schon Vibrafonist Bobby Hutcherson Jahre zuvor passen Farrell und Tolliver hervorragend zu Hills Ästhetik. Beide haben Wurzeln, die zwar irgendwo noch in den Hard Bop reichen, sind aber geprägt durch die Entwicklungen der 60er und spielen in ihren Soli lange, harmonisch flexible Linien, die sich mit denen von Hill gut ergänzen. Victor Sproles spielt weniger melodisch als Richard Davis auf Judgment!, sondern konzentriert sich darauf, die Stücke rhythmisch zu verankern. Persönlich finde ich Davis genial, aber was die Musik betrifft, ist Sproles Beitrag weder besser noch schlechter, eher anders. Die große Überraschung ist für mich Billy Higgins, der ja sonst bei Blue Note gerne geholt wurde, um Stücke mit clubtauglichen Boogaloo-Beats zu unterlegen, wie Lee Morgans seligen Sidewinder. Nie klang Higgins freier als hier!

 

Beispielhaft sieht man das gleich im ersten Track, Yellow Violet. Higgins begleitet das von Sopran und Trompete unisono vorgestellte Thema mit einem seltsam marsch-artigen Beat auf der Snare; während der Soli schaltet er in einen fast freien Modus mit ständig wechselnden Akzentuierungen und Synkopierungen, ohne jedoch dem Stück seinen Puls zu rauben.

 

Kompositorisch geht es auf Dance With Death ähnlich unkonventionell zu wie auf Judgment!, obwohl ich die Titel auf Dance… insgesamt sogar etwas zugänglicher finde. Das Thema von Yellow Violet torkelt in großen Intervallsprüngen die Tonleiter rauf und runter - seltsam, aber nicht unattraktiv. Partitions wird seinem Titel gerecht, in dem es während des gesamten Songs zwischen rasendem 4/4 Swing und stockendem ¾ hin- und herwechselt. Man bekommt den Eindruck, als würden zwei Kompositionen nebeneinander in einem Stück wohnen. Fish’n Rice mit seiner moll-gefärbten Melodie klingt dagegen fast konventionell und ist tatsächlich vom Hard Bop nicht allzu weit entfernt... wenn da nur die Soli nicht wären, besonders Hill wagt sich mal wieder etwas weiter raus.

 

Seite 2 wird eröffnet vom Titelstück Dance With Death: witzig, es hat doch wirklich einen Boogaloo-Beat, aber was ist das bitte für eine Melodie? Dunkel, sperrig und voller Unheil, als hätte der Leibhaftige persönlich zum Tanz geladen. Love Nocturne ist das stille Stück der Platte, mitternachtsblau und verträumt. Hier liefert Sproles den Herzschlag, während die Solisten durch das Stück mäandern und Higgins sich mal im Beat, mal außerhalb bewegt – wie ein Schläfer, der immer wieder kurz aufwacht. Nach dem schnellen, aber irgendwie gesichtslosen Black Sabbath, für mich der einzige leicht schwächelnde Titel der Platte (allerdings gilt das nicht für die energiegeladenen Soli), gibt’s dann noch eine Überraschung, davon steht nämlich nichts auf dem Cover: eine zweite Version von Dance With Death, bei dem auch Victor Sproles auf dem Bass Gelegenheit zu einem Solo bekommt.

 

Fazit: Dass eine Platte vom Kaliber von Dance With Death zwölf Jahre lang unveröffentlicht blieb, zählt fraglos zu den größeren Ungerechtigkeiten im Jazz, denn qualitativ steckt sie die meisten zeitgenössichen Aufnahmen, eigentlich die meisten Aufnahmen überhaupt, locker in die Tasche. Sie bietet Hills typischen Mix aus Schrägheit und Substanz: keine leichte Kost, aber befriedigend.

 

Meine eigene Pressung aus der Blue Note Reissue Series von Heavenly Sweetness bietet das Cover der japanischen Erstveröffentlichung, ist aber lange ausverkauft. Inzwischen gibt es eine neue Ausgabe mit neuem Cover in Blue Notes audiophiler Tone Poet Series, die nicht nur Kevin Grays klangliches VIP-Treatment erfahren hat, sondern auch handwerklich sehr schön gemacht und mit stimmungsvollen Session-Fotos von Francis Wolff reich ornamentiert ist. Unter uns: Musikalisch finde ich Dance With Death so stark, dass ich mir heute auch die Tone-Poet-Ausgabe bestellt habe.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Typisch ausgewogener Blue-Note-Klang, hier gibt es nichts zu meckern.

 

Verfügbarkeit: Ende 2025 leicht erhältlich – für einen stolzen Preis – als Teil von Blue Notes Tone Poet Series.

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