Horace Silver - Silver In Seattle: Live At The Penthouse

Veröffentlicht am 26. November 2025 um 07:38

Horace Silver – Silver in Seattle: Live At The Penthouse

Blue Note BLUN 1987311, 08/1965; Engineer: Jim Wilke; Mastering: Matt Lutthans; Producer: Zev Feldman

Woody Shaw – tp; Joe Henderson – ts; Horace Silver – p; Teddy Smith – b; Roger Humphries – ds;

 

Side A:

1) The Kicker

2) Song For My Father

3) The Cape Verdean Blues

 

Side B:

1) Sayonara Blues

2) Band Introduction

3) No Smokin’

 

Wie sich die Welt ändert. War Blue Note in seinen frühen Jahren fast krankhaft darauf bedacht, die Qualität seiner Veröffentlichungen auf einem gewissen Niveau zu halten und ließ deswegen viele eigentlich anständige Sessions unveröffentlicht, so ergießt sich seit etwa Mitte der 80er – damals hauptsächlich in Japan, mittlerweile überall – eine Flut von bisher unveröffentlichtem Material aus dem "Vault" von Blue Note über den arglosen Fan. Dabei sind einige Juwelen wie die Alben von Tina Brooks (Minor Move, The Waiting Game und Back to the Tracks), aber auch jede Menge Stoff, der vielleicht nicht weh tut, den die Welt aber wirklich nicht zwingend gebraucht hat. Und jetzt also ein neues Album von Horace Silver, erschienen am 24. Oktober 2025. Braucht man das?

 

Wie kam es überhaupt zu Silver in Seattle: Live At The Penthouse? Silver spielte im August 1965 einen zweiwöchigen Gig im Penthouse, einem Jazz-Club in Seattle, der vom örtlichen Radiosender mitgeschnitten wurde und danach in den Archiven des Clubbesitzers verschwand – bis eines Tages der sogenannte "Jazz Detective“ Zev Feldman, auf dessen Konto schon diverse Veröffentlichungen von obskurem Archivmaterial oder lange vergessenen Radiomitschnitten gehen, auf die Bänder aufmerksam wurde und den Kontakt zu Silvers altem Heimatlabel Blue Note herstellte.

 

Im wirklich schön gemachten und sehr ausführlichen Booklet mit Beiträgen des renommierten Jazz-Kritikers Bob Blumenthal und anderen wird naturgemäß oft betont, dass dieses ein besonderes Line-up von Silver war. Joe Henderson am Tenorsax! Woody Shaw an der Trompete! Eine sträflich unterdokumentierte Ausgabe von Silvers Gruppe!

 

Haben wir es hier also mit einer echten Sensation zu tun, sozusagen der Blauen Mauritius der vergessenen Jazz-Aufnahmen? Gemach… Meinungen sind wie Nasen, jeder hat eine. Ob Henderson/Shaw in der Rangliste der Silver-Frontlines ganz oben stehen oder nicht, will ich hier gar nicht debattieren – wer sollte denn unten stehen? Blue Mitchell/Junior Cook? Kenny Dorham/Hank Mobley? Oder Mobley mit Donald Byrd? Kein Kommentar, nur so viel: Die Gruppen von Silver waren alle gut, Punkt. Dennoch gibt es natürlich Unterschiede. Zwischen Dorham/Mobley und Shaw/Henderson liegen ungefähr 10 Jahre Jazzgeschichte, die sich schon in den Stilen der Bläser spiegeln. Henderson und ganz besonders Shaw, der hier allerdings nur auf drei Stücken soliert, frischen Silvers Repertoire mit einem harmonisch freieren Stil auf und klingen entsprechend weniger nach klassischem Hard Bop als Dorham/Mobley. Kann man besser oder schlechter finden, Geschmackssache.

 

Unabhängig von der Besetzung mit Shaw und Henderson spricht bereits die Titelauswahl für die Platte, denn hier gibt es etliche von Silvers bekanntesten und beliebtesten Stücken: Auf Seite 1 finden wir zwei Nummern von Song For My Father, Joe Hendersons furioses The Kicker und das Titelstück; dazu kommt mit The Cape Verdean Blues noch das Titelstück von Silvers nächstem, zum Zeitpunkt der Seattle-Aufnahme noch unveröffentlichten Album.

 

Ist The Kicker noch klassicher Hard Bop mit feurigen Soli von Shaw, Henderson und Silver (auch Smith und Humphries kommen kurz zu Wort), verdeutlichen Song For My Father, der Cape Verdean Blues und Sayonara Blues auf Seite 2 mit ihren folkloristischen Elementen, warum Silver das hatte, was man heute Crossover-Potenzial nennt: Sie bieten exotische Rhythmen und höchst eingängige moll-gefärbte Melodien, mit denen auch Nicht-Jazzer etwas anfangen können. Bei Song For My Father lassen sich Henderson und Silver viel Zeit für ausgedehnte solistische Expeditionen; besonders Henderson bewegt sich hier öfter in freieres Gelände.

 

Auch Sayonara Blues wird ausführlich behandelt – über 18 Minuten – und erinnert mich in seiner musikalischen Dramaturgie an meine geliebten endlosen Rock-Jams von Deep Purple oder Led Zeppelin in den frühen 1970ern: es gibt lange Soli aller Beteiligten und eine große dynamische Bandbreite mit teils laut, teils flüsterleise gespielten Passagen, denen man trotz ihrer Länge gebannt zuhört. Die Platte schließt, wie sie begonnen hat: mit einem gut abgehangenen Cut reinem Hard Bop in Form einer stürmischen Version von No Smokin’ von The Stylings Of Silver aus dem Jahr 1957, bei der neben den Solisten auch die Rhythmusgruppe brilliert, besonders Drummer Roger Humphries hat große Momente.

 

Fazit: Die Scheibe macht Spaß, war eigentlich nicht anders zu erwarten, und wie immer präsentiert sich Horace Silver mit einer exzellenten Band und Material, das man bisher nur in Studioversionen kannte. Wer Silver mag, kommt auf seine Kosten, keine Frage. Die beiden langen Stücke Song For My Father und Sayonara Blues fordern dem Hörer etwas Geduld ab, werden aber mit jedem Hördurchgang besser. Sie erweitern die Studioversionen mit ausgedehnten Soli und freierer, experimentellerer Improvisation. Sehr cool, und für mich schon den Preis der Platte wert, aber auch die anderen Stücke enttäuschen keineswegs.

 

Weiterhin zieht die Platte ihre Daseinsberechtigung aus dem Umstand, dass es bisher nur eine einzige offizielle Live-Aufnahme von Horace Silver gegeben hat, nämlich das fulminante Live At The Village Gate. Da reicht Live At The Penthouse nicht ganz ran, aber es ist interessant, Silver mit bisher live ungehörten Titeln in einem neuen Kontext zu erleben. Das Duo Shaw/Henderson verpasst Silvers Musik einen Schuss Avantgarde, der sie auch heute noch frisch und modern klingen lässt.

 

Also braucht man die Platte? Freunde von Silver auf jeden Fall. Und die anderen: einfach mal reinhören, das ist Jazz für alle!   

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Ordentlicher Radiomitschnitt in Mono. Ein paar Internet-Trolle monieren, dass ihnen die Mono-Aufnahme nicht dasselbe Gefühl des Augenblicks vermittelt wie eine sorgfältig vorbereitete van-Gelder-Produktion. Zugegeben, die Tonqualität bedient keine audiophilen Ansprüche, ich empfinde sie aber als völlig ausreichend. Wer keine Probleme mit Mono-LPs aus den Mittfünzigern hat, braucht vor dieser Platte keine Angst zu haben.

 

Verfügbarkeit: im Herbst 2025 gerade erst veröffentlicht, überall zu haben.

 

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