Big John Patton – Understanding
Blue Note BST 84306, 10/1968, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Francis Wolff
‘Big’ John Patton – org; Harold Alexander – ts; Hugh Walker – ds;
Side A:
1) Ding Dong
2) Congo Chant
3) Alfie’s Theme
Side B:
1) Soul Man
2) Understanding
3) Chittlins Con Carne
Gut drei Jahre liegen zwischen Big John Pattons Oh Baby und Understanding, aber in dieser Zeit hatte sich im Jazz eine Menge getan. Klar, Understanding geht auch als Soul Jazz durch, ist aber deutlich härtere Kost. Das liegt in erster Linie am Line-up: Die Riege der zuverlässigen, doch auch ein wenig vorhersehbaren Soul-Jazzer wie Grant Green, Lou Donaldson und Blue Mitchell hat hier den Platz geräumt für einen jungen Wilden am Tenorsax: Harold Alexander hat offenbar bei Coltrane und Pharoah Sanders genau hingehört und verleiht dem an sich nicht besonders ausgefallenen Material einen kräftigen avantgardistischen Linksdrall.
Anders als bei Oh Baby hält sich Patton hier als Komponist zurück, was dem Abwechslungsreichtum der Platte guttut. Nicht, dass er keine guten Stücke schreiben konnte. Sein Congo Chant ist zwar simpel, aber ein Burner.
Das kann man fast von der gesamten Platte behaupten. Besonders die erste Seite kocht quasi non-stop. Ding Dong startet noch ein wenig verhalten, entwickelt aber schon unmittelbar nach dem Thema mächtigen Drive, hauptsächlich getragen von Harold Alexanders fulminantem Horn. Er lässt sein Saxofon singen, krächzen, schreien, und wilde Tonkaskaden sprudeln. Congo Chant legt sogar noch einen drauf. Während Leader Patton ein langes Solo spielt, das seine Intensität langsam steigert, dabei aber nie die Kontrolle verliert, bekommen wir von Alexander schon nach wenigen Chorussen ekstatische Eruptionen, die immer wieder aus dem harmonischen Gerüst ausbrechen. Das verleiht der Musik enorme Power. Verglichen mit Alexanders wilder Expressivität klingen Green, Mitchell und Co. fast ein wenig bieder. Zum Abschluss der ersten Seite wird mit Sonny Rollins’ Alfie’s Theme sogar noch mal ein Hard-Bop-Klassiker der alten Schule aus der Mottenkiste geholt und kräftig durchgewalkt. Das ist richtig aufregender Jazz - swingt wie die Hölle und zwingt dich geradezu, mitzunicken und Yeah! zu grunzen... Sehr, sehr cool.
Dazu trägt natürlich auch der dritte im Bunde bei, Drummer Hugh Walker: Er spielt locker und präzise, nicht flashy, aber immer auf den Punkt. Sein nüchternes, solides Spiel brodelt angenehm unter Pattons und Alexanders Linien und sorgt gerade bei letzerem dafür, dass seine Soli die Verbindung zur Erde auch dann nicht verlieren, wenn sie mal abheben.
Seite 2 kann dieses Niveau nicht ganz halten. Bei Soul Man finde ich, dass Patton nicht wirklich inspiriert scheint, sein Solo wandert ein wenig ziellos hin und her. Alexander beschwört zwar auch hier den Geist von Trane in dessen Spätphase und sorgt für reichlich Funk im Getriebe, trotzdem habe ich den Eindruck, dass seine Exzesse in diesem Fall ein bisschen Selbstzweck sind. Aber was weiß ich schon? Für das abschließende Chittlins Con Carne, den Kenny-Burrell-Klassiker, holt Alexander dann noch seine Flöte aus dem Gepäck. Hätte ich nicht unbedingt gebraucht, ich liebe ja seinen kräftigen Tenorsound, aber egal. Wenigstens lässt er auch auf diesem Instrument die Sau raus und klingt teilweise wie Rahsaan Roland Kirk. Außerdem passt die Flöte zum Latin Beat, der hier dem Stück unterlegt wird, und tut letztlich dem Spaß an diesem insgesamt sehr unterhaltsamen Album keinen Abbruch.
Musik: ****
Sound: Ein Sonderlob gibt’s auch für die Tonqualität – die steckt nämlich mit ihrer saftigen Direktheit die meisten blutarmen High-End-Sessions in die Tasche. Freunde von Spät-60er Orgel-Combos mit Klang in Doppelrahmstufe dürfen bedenkenlos zugreifen.
Verfügbarkeit: im Herbst 2025 leider nur gebraucht.
P.S.: von Harold Alexander hat man später nicht mehr viel gehört. Anfang der 70er veröffentlichte er zwei Alben auf Bob Thieles Flying Dutchman Label: Sunshine Man (1971) und Are You Ready? (1972). 1974 folgte Raw Root auf Atlantic, danach verliert sich seine Spur.
Kommentar hinzufügen
Kommentare