Big John Patton - Oh Baby

Veröffentlicht am 19. November 2025 um 08:14

Big John Patton – Oh Baby

Blue Note BST 84192, 03/1965, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

‘Big’ John Patton – org; Blue Mitchell – tp; Harold Vick – ts; Grant Green – gtr; Ben Dixon – ds;



Side A:

1) Fat Judy

2) Oh Baby

3) Each Time



Side B:

1) One To Twelve

2) Night Flight

3) Good Juice



Ich muss gestehen: nach dem Stahlbad von Andrew Hills Judgment!, der letzten Platte, die ich für NJF vorgestellt habe, wirkt Oh Baby ein wenig leichtgewichtig, als würde man nach Dostojewski zu einem Fitzek greifen.

 

Aber der Vergleich ist natürlich unfair. Oh Baby soll vermutlich die Club-Crowd unterhalten, nicht den Hörer herausfordern. Aber auch das gelingt meiner Meinumg nach nicht durchgehend. Das Material ist selbst für eine Orgel-Combo der frühen 60er, von denen es ja durchaus einige gab, viele davon bei Blue Note, nicht besonders anregend. Am Team im Studio kann es nicht gelegen haben. Patton hatte für seine vierte Session als Leader beim Label neben dem für solche Jobs beinahe schon obligatorischen Grant Green an der Gitarre ein Angriffsduo aus Trompeter Blue Mitchell und Harold Vick am Tenorsaxofon geladen.

 

Das echte Problem der Aufnahme sind die etwas farblosen Kompositionen. Sie sind nicht wirklich schlecht, aber wirken oft nur mäßig inspiriert und zünden zumindest bei mir nicht immer. Drummer Ben Dixons Fat Judy ist ein zahmer Blues mit Boogaloo-Backbeat, Pattons Titelstück nicht wesentlich aufregender: blues-basiert, unauffälliges Thema, mit gebremstem Schaum gemächlich shuffelnd. Interessanter ist da schon Each Time am Ende der Seite mit seinem leichten Latin-Einschlag, Rhythmuswechseln und netter Ensemblearbeit.

 

Seite 2 hat dann etwas mehr Biss. One to Twelve, die dritte von vier Kompositionen des Leaders, ist wie alles hier stark bluesig, aber zum einen sorgt ihr ¾-Takt für Abwechslung, zum anderen wirken die Musiker wacher und gehen mit mehr Elan ans Werk, besonders Green und Vick langen bei ihren Soli kräftiger zu. Für mich das Highlight der Session ist Vicks Nigh Flight, ein schneller Moll-Blues mit einem etwas vertrackten, aber eingängigen Thema, bei dem Band mal wirklich kocht. Mitchell, Vick, Green und Patton solieren mit Schmackes, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet um zu zeigen, was sie draufhaben. Good Juice, Pattons letztes Stück, verschleppt zwar während des Themas ein wenig das Tempo, hat jedoch eine interessante Bridge und kommt während der Soli mächtig ins Rollen, ein gelungener Schlusspunkt.

 

Fazit: Aus dem Gros der Orgel-Jazz-Aufnahmen aus den frühen 60ern ragt Oh Baby nicht wirklich heraus, auch wenn eine hochkarätig besetzte Band mit Blue Mitchell, Harold Vick und Grant Green immer wieder für spannende Momente sorgt. Alles in allem gelingt es den Kompositionen jedoch nur gelegentlich, den Eindruck einer formelhaften Soul-Jazz-Routine abzuschütteln. Wenn man eine Schwäche für genau diese Besetzung hat, würde ich eher zu Harold Vicks Steppin’ Out greifen.

 

Musik: ***1/2

 

Sound: Farbstark wie immer, dynamisch und direkt. Alle Instrumente sind im Mix gut zu hören.

 

Verfügbarkeit: im Herbst 2025 gut, Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series.

 

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