Don Wilkerson - Preach Brother!

Veröffentlicht am 6. November 2025 um 16:25

Don Wilkerson – Preach Brother!

Blue Note ST-84107, 06/1962, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Don Wilkerson – ts; Grant Green – gtr; Sonny Clark – p; Butch Warren – b; Billy Higgins – ds;

 

Side A:

1) Jeanie-Weenie

2) Homesick Blues

3) Dem Tambourines



Side B:

1) Camp Meetin’

2) The Eldorado Shuffle

3) Pigeon Peas

 

Normalerweise stehen die Namen Sonny Clark, Grant Green, Butch Warren und Billy Higgins für soliden Hard Bop, Freunde des Genres dürfen bei dieser Besetzung in der Regel blind zugreifen. Aber Vorsicht: hier nicht. Don Wilkersons Preach Brother! bietet stattdessen nämlich gospelgetränkten Soul Jazz in der Manier von Ray Charles. Kein Wunder übrigens, denn Wilkerson hatte lange Jahre in der Band von Charles gespielt, bevor er in den frühen 60ern für drei Alben zu Blue Note kam, von denen Preach Brother! das zweite war.

 

Vorweg – ich werde mit dem Album nicht so recht warm. Andere dagegen schon: In diversen Foren und Rezensionen wird Preach Brother! zu einem sträflich vernachlässigten Klassiker des Soul Jazz hochgejubelt. Und stilistisch passt es genau in die Ecke, die bei Blue Note ansonsten von Leuten wie Freddie Roach, Big John Patton, Baby Face Willette oder Stanley Turrentine bedient wurde.

 

Für mich liegt das Problem des Albums in seinem unablässigen Optimismus und der gnadenlosen Fokussierung auf Party-Stimmung. Immer ist die Lautstärke am Anschlag, es gibt hier kein einziges Stück, das man als feinfühlig oder zart bezeichnen könnte. Wilkerson hat zweifellos einen kraftvollen Ton. In den Liner Notes wird sein Spiel als virile bezeichnet, was in diesem Kontext wohl muskulös und energisch bedeuten soll, aber es fehlt ihm an dynamischer Nuancierung. Man kann ihn sich dagegen, wenn er wieder mal sein Horn überbläst und wie ein Prediger eine Phrase mehrfach wiederholt, mühelos vorstellen, wie er in einem überfüllten Blues-Club die Bar entlangläuft und sein Tenorsax hupen und jaulen lässt.

 

Live mag das ja wirken, auf Platte aber nutzt sich diese Art Expressivität schnell ab. Sobald der Partytrick seinen Reiz verliert, bleibt musikalisch nicht mehr allzu viel übrig. Sämtliche Kompositionen hier sind recht einfache Blues oder bluesbasierte Nummern – oberflächlich nicht unangenehm, aber kaum geeignet, dauerhaft zu fesseln. Klar, es gibt Momente, in denen die Band einen mächtigen Swing entwickelt, dem man sich schwer entziehen kann, etwa in Dem Tambourines und Camp Meetin’. Doch häufiger bleibt der Eindruck einer eher routinierten Blues-Jam-Session zurück, und Stücke wie Homesick Blues und Pigeon Peas wirken auf mich fast behäbig.

 

Ein paar Lichtblicke allerdings gibt es: die Rhythmusgruppe lässt nichts anbrennen, Grant Green langt auf vielen Stücken härter zu als auf seinen eigenen Platten und Sonny Clark profiliert sich auf Jeanie-Weenie als Boogie-Pianist.

 

Fazit: durchwachsen. Eine Begleitband mit Green, Clark plus Warren/Higgins als Pulsgeber besitzt ein intrinsisches Kaliber, das alleine schon ausreicht, ein echtes Debakel zu verhindern. Dennoch ist mir der Tunnelblick des Albums auf Rhythm’n’Blues-basierten Bar-Jazz auf Dauer zu viel. Freunde genau dieser Musik (und Anhänger von Ray Charles) dürfen im Geiste einen halben bis einen Stern addieren.

 

Musik: ***

 

Sound: am Mix von RvG gibt es nichts zu meckern, die Pressqualität ist auch in Ordnung.

 

Verfügbarkeit: Im Herbst 2025 gut, Teil der Blue Note Classic Vinyl Series.

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