Links: Java-Amp auf der High End '23. Rechts: Java-Amp treibt Lu Kang Spoey 200 an.
Auf der High End 2023 begegnete ich zum ersten Mal den Verstärkern von Java HiFi. In der Ausstellung beeindruckten sie mich mit ihrem Design, später – im Raum von Lu Kang Audio, wo sie ein Paar Spoey-200-Lautsprecher antrieben – auch mit ihrem Klang. Die Demonstration der Kombination war so überzeugend, dass ich mir das Messepaar der Spoeys spontan mit nach Hause nahm, aber das ist ein anderes Thema.
Technisches Alleinstellungsmerkmal der Java-Verstärker war der Einsatz moderner GaN-FET-Transistoren. Diese verwenden Gallium-Nitrid (GaN) statt Silizium als Halbleiter. GaN-FETs sind effizienter und kleiner, schalten schneller und arbeiten bei höheren Frequenzen. Das soll eine bessere Kontrolle über das Signal ermöglichen, die bei Audio-Anwendungen in geringeren Verzerrungen und einer schnelleren Verarbeitung von Transienten resultiert. Die Java-Amps kommen im traditionellen Full-Size-Geräteformat daher, theoretisch lassen sich GaN-FET-Verstärker jedoch deutlich kompakter und leichter realisieren. Nach der Messe habe ich allerdings nie wieder von Java gehört. Nominell gibt es einen Deutschlandvertrieb, bei der Händlersuche fand ich jedoch keinen einzigen Fachhändler. So gerieten die Marke und GaN-FET-Amps bei mir wieder in Vergessenheit …
… bis letzte Woche. Da rief mich mein Audio-Buddy Vincent an. Er hatte einen neuen Verstärker und würde den gerne einmal bei mir hören.
Beim fraglichen Amp handelte es sich um einen SMSL PA 200und er setzt tatsächlich GaN-FET Transistoren ein. Aber SMSL? Nie gehört… wer ist das? Wieder eine dieser anonymen Klitschen, die im Reich der Mitte aus dem Boden schießen wie Pilze im Herbst, fleißig europäisches Know-How kopieren, ihren Kram unter unmenschlichen Bedingungen produzieren lassen und schließlich zu Dumping-Preisen auf europäischen Märkten abladen?
Vorsicht mit solchen Pauschalaussagen. Hinter SMSL verbirgt sich die Foshan Shuangmusanlin Technology Co., Ltd., gegründet 2009 in Shenzhen; seit 2013 gibt es zudem eine Tochterfirma in Hongkong. SMSL hat sich auf moderne DACs und Verstärkungskonzepte spezialisiert, unterhält eigene Teams für Produktentwicklung (R&D) und Produktion und exportiert in über dreißig Länder weltweit. Also ja, SMSL kommt aus China – aber vielleicht sollte man, solange man es nicht besser weiß, zumindest die Möglichkeit einräumen, dass es sich um ein seriöses Unternehmen handelt, dessen Ziel es tatsächlich sein könnte, Audiokomponenten mit moderner Technik und erstklassigem Klang zu einem bezahlbaren Preis anzubieten. Und vielleicht bedeutet bezahlbar nicht automatisch Zwangsarbeit und laxe Umweltstandards. (Im Gegensatz zu mir hatte mein Sohn übrigens schon von SMSL gehört. Er kennt ihre DACs und hält viel von ihnen.)
Aber zurück zum PA200. Er kann entweder als Endstufe oder als minimalistischer Vollverstärker eingesetzt werden und, so viel vorweg, gibt einem wirklich zu denken. Wir haben es mit einem schmucken Kistchen in einem Aluminiumgehäuse zu tun. Die Front zieren rechts ein skulpturiertes Aluminiumprofil, das an Wellen erinnert, in der Mitte ein multifunktionaler Drehregler und links ein attraktives, hochglänzendes Display. Mit seinen 220 × 46 × 175 mm (B × H × T) und einem Gewicht von nicht einmal 1,5 kg ist der PA200 prädestiniert für Desktop-Anwendungen – jedoch, wie wir gleich sehen werden, nicht nur dafür.
Was so klein ist, kann nicht viele Eingänge haben, und hier geizt der PA200 tatsächlich etwas. Auf der Rückseite gibt’s – neben der Kaltgeräte-Buchse für das Netzkabel – zwei Paar Speakerklemmen, ein Paar Cinch-Eingänge, einen Cinch- und einen XLR-Eingang für den Betrieb als Mono-Endstufe, das war’s. Nicht gerade üppig, aber viele Leute brauchen heute nicht mehr.
Zeit für einen Soundcheck. Vincent und ich bauten in unserem Wohnzimmer eine minimalistische Kette aus WiiM Ultra Streamer und PA200 auf, als Lautsprecher agierten meine Lu Kang Spoey 200.
Vor dem Betrieb muss man dem PA200 mitteilen, was er heute sein soll (Mono-/Stereo-Amp oder Integrierter), das geht über eine mitgelieferte Fernbedienung im Format des bekannten Fire-Sticks oder mit dem Multifunktionsknopf am Gerät selbst. Wir nutzten ihn als Endstufe, der WiiM Ultra lieferte das Signal und übernahm die Lautstärkeregelung. Wir hörten uns quer durch eine Reihe von Genres, von modernem Prog (Porcupine Trees Signify), Fusion (Return To Forever), Klassik, Vocal Jazz (Cassandra Wilsons Glamoured) und schließlich, weil ich die Platte letztens hier schon besprochen hatte und den Klang noch frisch im Ohr, Wynton Kellys historische Piano Interpretations.
Die schlechte Nachricht, dazu später mehr: Wer sich für den PA200 interessiert, findet ihn ausschließlich online. Interessenten müssen das Gerät also erst einmal kaufen, um ihn gegebenenfalls zurückzuschicken, was bei einem Preis von ungefähr 400€ nicht schön, aber noch verschmerzbar ist. In der Produktbescheibung attestiert SMSLs Marketing-Prosa dem Amp „einen glatteren, präziseren Vollspektralklang, der Transparenz und Detailtreue über den gesamten Frequenzbereich hinweg verbessert.“ Das wollen wir doch mal sehen.
Die gute Nachricht: Die Marketing-Prosa trägt hier ausnahmsweise nicht zu dick auf. Der erste Klangeindruck an den Spoeys war tatsächlich der einer enormen Transparenz und gazellenhaften Leichtfüßigkeit. Wir starteten mit der dicht instrumentierten Jazz Fusion von Return to Forever. Der Song steckt voller Details wie ein Wimmelbild. Egal, ob man Lenny Whites variables Schlagzeugspiel mit all seinen Fills, Breaks und dynamischen Schattierungen erleben oder den atemberaubenden Unisono-Linien von Corea und Di Meola folgen wollte, der PA200 trennte die einzelnen Schallereignisse sauber voneinander; er dröselte diese komplexe Aufnahme mit einer Selbstverständlichkeit auf, die ich bei einem Gerät unter 1000€ schlicht nicht erwartet hätte.
Diese Selbstverständlichkeit war aber nicht nur das Resultat seziererischer Feinauflösung, sondern auch echter Autorität: Das Ding hat richtig Power, die 2 x 160W sind ehrlich. Davon profitiert natürlich auch die Transientenwiedergabe: Impulse schießen völlig ansatzlos in den Raum, selbst aus Speakern mit eher mittlerem Wirkungsgrad wie den Lu Kang. Ich habe mit dem Copland CSA 70 und dem Perreaux éloquence 150i zwei ambitionierte Vollverstärker, die ein Vielfaches des PA200 kosten, aber nicht anspringender spielen, im Gegenteil. Hier scheint der kleine GaN-FET-Amp mit seinen kurzen Signalwegen, schnellen Netzteilen und seiner breitbandigen Signalverarbeitung tatsächlich einen echten technischen Vorteil zu haben.
Was uns ebenfalls auffiel, war ein klares, recht helles Klangbild. Das ging aufgrund seiner Sauberkeit und Transparenz nie zu weit, was allerdings auch an der zurückhaltenden Abstimmung der Lu Kang und deren überragendem Hochtöner von Hiquphon gelegen haben mag. Ich kann mir vorstellen, dass der Klang mit weniger gnädigen Lautsprechern ins Nervöse kippen könnte.
Die Mittenwiedergabe hatte eine selbstverständliche Qualität, mit glaubhaftem Timbres bei menschlichen Stimmen und Blasinstrumenten; in dieser Hinsicht ähnelte der PA200 guten Röhrenverstärkern. Anders als diese neigt der SMSL im Bass jedoch nie zu barocker Üppigkeit. Im Gegenteil, Attribute wie sehnig oder schlank treffen hier eher zu, aber auch profund. Man hat trotz der hellen Abstimmung nie das Gefühl, dass es im Keller an Substanz mangelt, vielmehr scheint der Fokus auf Definition und Timing zu liegen, weniger auf Impakt.
Man sollte meinen, dass sorgfältig produzierte Aufnahmen wie Cassandra Wilsons Glamoured besonders geeignet sind, die Fähigkeiten eines Verstärkers ins rechte Licht zu rücken. In gewisser Weise stimmt das auch. Der Opener Fragile etwa bietet eine Vielzahl perkussiver Impulse, dazu zeigen die akustische Gitarre und Wilsons Stimme, wie es der Amp mit Klangfarben hält. Aber ein wirklich guter Verstärker sollte mit jeder Musik Spaß machen und die größte Überraschung erlebte ich mit der ältesten Aufnahme des Tages. Wynton Kellys Piano Interpretations aus dem Jahre 1951 klang, als hätte jemand den Grauschleier der Jahrzehnte weggewaschen: das Klavier war zwar noch immer verstimmt, aber man hörte plötzlich Aufnahmedetails wie den Nachhall des Instrumentes und bekam sogar eine Ahnung von der Akustik des Studios; die Linien von Kellys rechter Hand perlten regelrecht aus den Lautsprechern.
Der PA200 präsentierte sich wirklich als offenes Fenster zur Musik, stellte sie so fein aufgelöst und ungekünstelt dar, dass selbst historische Aufnahmen wie die von Kelly zu einem Erlebnis wurden. Einzig bei Signify von Porcupine Tree kippte der Klang dann doch leicht ins Glasige, ohne aber wirklich unangenehm zu werden. Das kann auch an der Aufnahme liegen. Signify ist so clean produziert, dass es bis zur Asepsis nicht mehr weit ist. Gut möglich also, dass der PA200 den Klang lediglich unkommentiert durchreicht und wir jetzt erst erkennen, wie steril die Aufnahme wirklich ist. Vielleicht zeigt einem dieser kleine GaN-Verstärker am Ende genau das, worum es eigentlich geht: den Charakter der Aufnahme.
Absolut betrachtet machte die Session mit dem PA200 durchweg Spaß. Um einen Kontext zu schaffen, hängten wir am Ende der Session den WiiM Ultra (als Quelle) an den Perreaux éloquence 150i und verglichen. Ehrlich gesagt rechnete ich damit, dass der Perreaux, zu seiner Zeit echtes Hifgh End mit einem Preis über 5000€, mit dem PA200 kurzen Prozess machen würde, das passierte aber nicht. Vielmehr mussten wir feststellen, dass beide Amps ihre Stärken haben und der Perreaux keineswegs in jeder Hinsicht überlegen ist. Er klingt warm, vollmundig, angenehm körperhaft und bietet eine superbe Stereodarstellung, der PA200 kontert mit Transparenz und Leichtfüßigkeit. Vincent fand außerdem, dass der Perreaux homogener wirkte und die tonale Balance konsequenter über alle Frequenzbereiche wahrte.
Am Ende würde ich natürlich den Perreaux nicht gegen den PA200 eintauschen wollen. Die Gründe dafür sind jedoch nicht nur klanglicher Natur – nicht einmal hauptsächlich klanglicher, denn hier überzeugt der PA200 wirklich. Er spielt so schlüssig, dass man im Grunde nichts vermisst.
Was der Perreaux hingegen bietet, ist eine Verarbeitungsqualität, bei der der SMSL nicht ansatzweise mithalten kann (angesichts des Preisunterschieds auch nicht muss), und damit verbunden ist ein echter Besitzerstolz. Auch habe ich den Perreaux, wie alle meine Komponenten, bewusst im deutschen Fachhandel gekauft. Das kostet vielleicht ein paar Euro mehr, aber so leiste ich einen bescheidenen Beitrag dazu, dass im neuseeländischen Dunedin weiterhin von qualifizierten, ordentlich bezahlten Menschen hochwertige Geräte gebaut werden können, und dass jene, die sich die Mühe machen, neuseeländisches HiFi nach Deutschland zu bringen und vorzuführen, auch künftig ihre Familien ernähren können.
Den PA200 dagegen kriege ich nur online und einen Vertrieb gibt’s auch nicht. Natürlich kann er so billiger bleiben als Produkte im Fachhandel. Im Grunde ist er so günstig, dass man sich im Schadensfall die Reparatur sparen und gleich einen neuen kaufen kann. Ich könnte heute dieses Geschäftsmodell nicht mehr ruhigen Gewissens unterstützen, will aber auch niemanden verurteilen, der sich einen PA200 kauft. Dass ich mir Verstärker wie einen Perreaux oder Copland leisten kann, ist ein Privileg, das nicht jeder hat.
Aber auch die Ingenieure aus Shenzhen und ihre Mitarbeiter haben Familien, die ernährt werden wollen und ich will ihre Leistung hier nicht kleinreden, sondern ausdrücklich unterstreichen: Der PA200 ist eine echte Granate, ich kenne keinen Amp im preislichen Umfeld, der transparenter und weniger technisch klingt. Für Audiophile am Anfang ihrer Reise könnte er das Ticket ins High End sein, solange ein Quelleneingang reicht und man bei der Boxenwahl ein wenig Sorgfalt walten lässt (was man sowieso immer tun sollte). Als Student käme ich an diesem Amp kaum vorbei.
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