Hank Mobley
Blue Note BLP 1568; 06/1957 Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Hank Mobley – ts; Bill Hardman – tp, Curtis Porter – as; Sonny Clark – p; Paul Chambers – b; Art Taylor – ds.
Side A:
1) Mighty Moe and Joe
2) Falling in Love with Love
3) Bags’ Groove
Side B:
1) Double Exposure
2) News
Hank Mobley, das Album, war das fünfte Date als Leader, das der Saxophonist Hank Mobley innerhalb von knapp acht Monaten für Blue Note aufnahm (die Session zu seiner 10″-LP mit der Katalognummer BLP 5066 nicht mitgerechnet). Der geneigte Hard-Bop-Aficionado musste also gerade mal sieben Wochen warten, bis die emsige Firma eine neue Platte von Mobley rausbrachte. Bei dieser Flut von Material, aus heutiger Sicht nicht leicht nachzuvollziehen (radikale Brüche zwischen den Sessions gibt es nicht), stellt sich die Frage, wo man anfangen soll. Vermutlich hat jeder echte Mobley-Jünger ein Lieblingsalbum unter den frühen Blue Notes aus der 1500er-Serie und man kann Argumente für jedes von ihnen finden. Warum sollte man zu BLP 1568 greifen?
Wie immer gibt es zwei entscheidende Aspekte – die Besetzung und die Titel. Über die Titel kann man lange debattieren – ich finde die Auswahl in Ordnung, wenn auch nicht spektakulär, aber das eigentlich Interessante hier ist die Besetzung.
Laut Robert Levins Liner Notes feierten nämlich gleich drei der beteiligten Musiker bei dieser Aufnahme ihr Labeldebüt. Doch während Pianist Sonny Clark bald in den engsten Kreis der Hausmusiker von Blue Note aufsteigen sollte, blieb diese Session sowohl für Trompeter Bill Hardman als auch für den Saxophonisten Curtis Porter die einzige für das Label. Gerade bei Hardman ist das erstaunlich, denn er war ein vielgefragter Hard Bopper und zeitweise Mitglied von Art Blakeys Jazz Messengers. Porter dagegen bewegte sich im Umfeld von Charles Mingus, mit dem er Ende der 1950er ein paar exzellente Alben einspielte.
Ein paar Worte zu ihm: Curtis Porter wurde am 21. September 1929 in Philadelphia geboren. Er studierte Musik und Komposition und wie viele Jazzer arbeitete er zunächst in Rhythm-and-Blues-Bands, bevor er sich dem Jazz zuwandte. Das R’n’B-Erbe schimmert in seinen Soli immer wieder durch, er hatte eine fast abgehackte, kantige, aber sehr präzise Phrasierung, die seinen Soli richtig Zug gab. Besonders schön zu hören ist das auf Mighty Moe and Joe, wo Porter mit Schmackes durch die Changes brettert und mächtig swingt.
Im Laufe des Jahres 1957 legte er seinen alten Namen ab und nannte sich fortan Shafi Hadi, vermutlich ist er unter diesem Namen besser bekannt. Porters Karriere als Jazzmusiker war offenbar relativ kurz. Nach seiner Zusammenarbeit mit Mingus – die letzte Aufnahme war Mingus Ah Um im Mai 1959* – hörte man nicht mehr viel von ihm und er starb 1976 im Alter von nur 46 Jahren.
Die restlichen Mitglieder der Band sind alte Freunde des Blogs. Neben dem Leader haben wir Paul Chambers am Bass und, fast unvermeidlich, Art Taylor am Schlagzeug.
Zur Musik: Der geneigte Listener bekommt hier fünf Stücke, wie sie exemplarisch für den Hard Bop auf Blue Note in den Fünzigern stehen könnten. Das Album startet stark durch mit Mighty Moe and Joe, dem ersten von zwei Titeln, die Porter zum Repertoire beigesteuert hat. Porter selbst spielt hier Altsax und sein Solo ist ein echtes Highlight. Er hat einen ganz eigenen Sound und Stil. Er bekommt das erste Solo und setzt gleich eine Duftmarke mit Salven von bluesgetränkten Stakkato-Tönen, die er in dichter Folge aus seinem Horn abfeuert. Auch Hardman, Clark und Mobley konnten ja spielen und besonders Mobley gleitet durch die Changes wie auf einem Luftkissen, doch der Track gehört Porter.
Aber in der Stärke von Mighty Moe and Joe liegt ein Problem von Hank Mobley (dem Album): Nach diesem fulminanten Beginn kann es nur bergab gehen und das tut es dann auch. Nicht dramatisch, aber dennoch – wobei die erste Seite insgesamt mehr Spaß macht als die zweite, dazu gleich mehr. Falling in Love with Love zieht wie ein fluffiges Wölkchen in einem entspannt schlendernden Midtempo am Hörer vorbei und setzt atmosphärisch einen schönen Kontrast zu Mighty Moe. Erneut spielt Porter sein Altsax mit viel Elan. Milt Jacksons Bags’ Groove swingt ein bisschen schneller, bleibt aber ähnlich locker. Hier gibt’s dann Porter auf Tenor und Mobley ebenfalls. Prinzipiell finde ich das nicht so gut für den Ensemble-Sound, aber gerade diesem Stück stehen die beiden Tenorsaxophone im Thema gar nicht so schlecht. Man könnte argumentieren, dass Porter auf den ersten beiden Titeln dem Leader ein wenig die Show gestohlen hat, aber bei Bags’ Groove liefert Mobley einen ganz heißen Kandidaten für den samtigsten Tenorsound aller Zeiten und klingt derart geschmeidig, dass man den Hype versteht, der in den 1980ern in Japan um ihn entstanden ist.
Seite 2 bietet zwei lange Workouts in strammem Midtempo. Den Beginn macht Mobleys Double Exposure, ein boppiges Blowing-Vehikel, das klingt, als wäre es ein paar Jahre vorher entstanden. Ich habe mir das Thema inzwischen mehrfach angehört, aber mitsingen kann ich es immer noch nicht. Dazu kommt, dass Mobley und Porter zwar beide engagiert solieren, aber unmittelbar aufeinander folgen. Freunde des zweitgrößten Mitglieds der Saxophonfamilie werden hier gut bedient, alle anderen wünschen sich vielleicht einen stärkeren tonalen Kontrast zwischen den Melodiestimmen.
Curtis Porters News haut musikalisch in dieselbe Kerbe, ein langer Swinger in strammem Midtempo. Auch dieses Thema entwickelt nicht die ganz großen Gassenhauer-Qualitäten, ist aber eingängiger, schöner als Double Exposure und hat einen netten Latin-Beat-Switch in der Bridge. Allerdings wird auch News vom selben Problem geplagt: Porter spielt wieder Tenor und so sind wir von einer Überdosis Tenorsaxophon nie weit entfernt. Aber ich will das Stück nicht schlechtreden. Sicher, ich hätte Porter hier gerne auf seinem Altsax gehört, dennoch liefert News einen versöhnlichen Abschluss des Albums. Mobley bekommt das erste Solo und klingt einmal mehr butterweich und dieses Mal folgt ihm Hardman, gut für den klanglichen Kontrast, erst dann kommen Porter und Clark, mühelos perlend wie immer, zu Wort.
Fazit: Nach dem in meinen Augen etwas lauwarmen Frühwerk von Mobley markiert Hank Mobley einen echten Qualitätssprung. Der liegt weniger in Mobleys eigener Entwicklung als vielmehr in der Qualität der Besetzung und dem stärkeren Material – jedenfalls auf der ersten Seite. Vor allem der selten zu hörende Curtis Porter ist ein echter Gewinn, besonders auf dem Altsaxophon.
Musik: ****
Sound: Tiefenentspannt klingende van-Gelder-Aufnahme ohne den manchmal zu großzügig beigemischten Hall auf den Drums. Gerade die Saxophone klingen schön lebendig und haben viel Fleisch auf den Knochen. Meine US-Ausgabe aus den 2000ern ist in Stereo und zeigt die typische Ping-Pong-Verteilung der Instrumente, die man auf frühen Stereo-Aufnahmen häufig findet. Stört aber nicht wirklich.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Gut. Im Herbst 2026 ist Hank Mobley ein Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series und relativ leicht zu bekommen. Um die 30 €.
* allein die Teilnahme an diesem Meilenstein reicht aus, um Porter einen Eintrag in die Annalen des Jazz zu sichern.
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