The Amazing Bud Powell Vol. 2
Blue Note BLP 1504; 08/1949(1); 05/1951*; 08/1953; WOR Studios, Engineer: Doug Hawkins; Producer: Alfred Lion
Bud Powell – p; Tommy Potter1; Curly Russell*, George Duvivier – b; Roy Haynes1; Max Roach*, Arthur Taylor – ds.
Side A:
1) Reets and I
2) Autumn in New York
3) I Want to be Happy
4) It Could Happen to You*
5) Sure Thing
6) Polka Dots and Moonbeams
Side B:
1) Glass Enclosure
2) Collard Greens and Black-Eye Peas
3) Over the Rainbow*
4) Audrey
5) You Go to My Head*
6) Ornithology1 Alternate Master
Da ich gerade einen Blick auf The Amazing Bud Powell Vol. 1 geworfen habe, bietet es sich an, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Volume 2 zu beleuchten. Schließlich fragt man sich vielleicht beim ersten Kontakt, wie man sich bei zwei Platten mit identischem Cover für die eine oder andere entscheiden soll.
Zugegeben, im Moment stellt sich das Problem nicht, Volume 2 ist gerade nicht erhältlich. Aber da es sich auch hierbei um einen ausgewiesenen Klassiker handelt, kann ich mir gut vorstellen, dass Blue Note uns demnächst eine Neuveröffentlichung anbietet, zumal sich mit Glass Enclosure eine weitere große Komposition Powells auf diesem Album findet.
Der größte Teil von The Amazing Bud Powell Vol. 2 wurde im August 1953 eingespielt. Wie schon bei der Session vom Mai 1951 war Powell mit einem Trio im Studio, dieses Mal saß Art Taylor, ein Freund dieses Blogs, am Schlagzeug, dazu gesellte sich George Duvivier am Bass. Und der ist ein paar Zeilen wert. Waren Tommy Potter und Curly Russell bei den ersten Sessions solide Timekeepers, während die Drummer Roy Haynes und besonders Max Roach für interessante rhythmische Variationen sorgen, ist das Verhältnis bei der Session vom August 1953 umgekehrt. Art Taylor war ja wahrlich kein Fliegengewicht, doch es ist Bassist Duvivier, der hier mit seinem flexiblen Spiel die Session wesentlich prägt.
Duvivier kam mit einer fundierten klassischen Ausbildung. Schon mit sechzehn Jahren war er stellvertretender Konzertmeister des Central Manhattan Symphony Orchestra, er war technisch versiert, konnte Blattlesen und Arrangieren. Auf BLP 1504 agiert er nicht bloß als Begleiter, der Powell sozusagen harmonisch den Rücken freihält, sondern sucht den Dialog mit ihm, ähnlich wie Roach auf der 1951er Session. In Autumn in New York oder Sure Thing etwa spielt Duvivier einen fast Bach-artigen Kontrapunkt zu Powell. Duvivier hatte einen satten, vollen Ton und eine saubere Intonation, auch im arco-Spiel, sodass man bei seinen Soli, von denen es hier einige gibt, regelmäßige Exkursionen in die hohen Register des Instrumentes findet. Auf Balladen wie Autumn in New York oder Polka Dots and Moonbeams dagegen verleiht sein gestrichener Bass den Stücken eine orchestrale Dimension, die den vorherigen Trio-Aufnahmen in dieser Form fehlte.
Da auf Volume 2 fast alle Titel mit Trios eingespielt wurden, wirkt es musikalisch insgesamt geschlossener als Volume 1, zumal ungefähr drei Viertel der Stücke von einem Termin stammen. Taylor, Duvivier und Powell erreichen nicht ganz die elektrisierende Energie der älteren Sessions, möglicherweise auch angesichts von Powells schwieriger Lebenssituation (s. u.), dafür wird auf Vol. 2 kein Titel wiederholt.
Im Jahr der Aufnahme befinden wir uns noch im Zeitalter der 10″-LP mit ihrer begrenzten Spieldauer. Die Stücke kommen entsprechend schnell zur Sache, die Soli ufern nie aus und die Musik bleibt kurz und auf den Punkt, lediglich Polka Dots kratzt an vier Minuten. Das allein garantiert noch keine gute Unterhaltung, aber zum Glück bekommen wir hier eine gut austarierte Mischung von Stimmungen und Tempi. Es gibt eine Reihe eher balladesker Momente wie Autumn..., Polka Dots.., You go to My Head sowie den solo gespielten It Could Happen to You und Over the Rainbow, aber daneben auch die locker federnden Swinger wie Reets and I und Audrey. Collard Greens and Black-Eye Peas, I Want to be Happy und Ornithology ziehen das Tempo noch weiter an, aber dann gibt es auch Stücke, die sich einer einfachen Kategorisierung entziehen. Sure Thing klingt nach Crossover zwischen Jazz und Klassik, bevor man den Begriff überhaupt kannte. Powells Interpretation dieses Stückes von Jerome Kern und Ira Gershwin ist so radikal eigenständig, dass man es kaum wiedererkennt. Bei Powell und Duvivier klingt es fast wie eine Bach-Etüde, Powells linke Hand spielt lange Linien unisono mit Duviviers Bass, während seine rechte abwechselnd schwere Akkorde, leichte Linien und perlende Arpeggien aus dem Ärmel schüttelt. Dazu fegt Taylor mit seinen Besen eine diskrete Begleitung an der Schwelle zur Unhörbarkeit. Duvivier hatte wirklich eine Killer-Technik! Lediglich in der Mitte des Titels bekommen wir eine kurze Passage mit „Jazz“, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob sie wirklich improvisiert oder auch durchkomponiert ist.
Wie schon auf Volume 1, so ist auch hier It Could Happen to You ein Vehikel für Powell allein. Ich bin kein Pianist, aber ich könnte ihm stundenlang zuhören, wie er solche Schnulzen (das gilt z. B. auch für Polka Dots…) in einer Tiefe auslotet, die den Stücken echte Gravitas verleiht. Er verzögert, beschleunigt, setzt mal donnernde Ausrufezeichen im Bass, mal tupft er sachte Akkorde, und mit seiner rechten Hand lässt er seiner scheinbar unbegrenzten Fantasie freien Lauf. Seine stupende Technik ließ selbst atemlose Läufe selbstverständlich wirken. Auf Volume 2 gibt es sogar noch einen zweiten Titel, den Powell solo ähnlich intensiv präsentiert: das eigentlich schon ausgelutschte (Somewhere) Over the Rainbow wird hier zur großen Kunst.
Die bemerkenswerteste Musik der Platte findet sich jedoch auf den knapp zweieinhalb Minuten von Glass Enclosure. Man -ich- kann diesen Titel kaum hören, ohne an Powells Lebensumstände zu denken. Nach siebzehn Monaten in einer psychiatrischen Einrichtung war Powell gerade zurück in der Musikszene New Yorks und hatte reguläre Gigs im Jazz-Club Birdland. Bedingung dafür war jedoch, dass er eine Art Entmündigung akzeptierte: Er lebte in einem Apartment, das zum Club gehörte und musste sämtliche Rechte an seiner Musik an das Clubmanagement abtreten, das überdies kontrollierte, wen Powell sehen durfte und wen nicht. Eines Tages hatte Powell Besuch von Alfred Lion und spielte ihm neue Musik vor. Dazu Lion selbst: „Ein Stück ragte heraus. Ich fragte, wie es hieß. Er sah sich in seinem Apartment um und sagte: Glass Enclosure. Ich wusste, das müssen wir aufnehmen.“ 1
Der Titel ist komplett durchkomponiert, Soli werden schlicht nicht benötigt. Glass Enclosure hat den Charakter einer kleinen Suite mit mehreren klar voneinander abgegrenzten Abschnitten, die klingen, als stellten sie Seelenzustände dar. Es beginnt mit optimistischem Sturm und Drang, wird aber immer dunkler und langsamer bis zur Stasis. Erst ganz am Schluss kehrt es kurz zum frühen Optimismus zurück. Auch auf die Gefahr einer Überinterpretation hin – ich werde den Eindruck nicht los, dass Powell uns in Glass Enclosure so unmittelbar an seinen inneren Kämpfen teilhaben lässt wie in keinem anderen Stück. Nicht unbedingt leichte Musik, aber sie bleibt lange im Kopf.
Fazit: The Amazing Bud Powell Vol. 2 steht seinem Vorgänger musikalisch kaum nach. Das ganz große Feuer wie auf Un Poco Loco mag fehlen, dafür glänzt das fast komplett in Trio-Besetzung eingespielte Volume 2 mit einem abwechslungsreichen Programm und bietet mit Glass Enclosure eine weitere kanonische Komposition. Als reines Hörerlebnis hat es im direkten Vergleich mit Volume 1 vielleicht sogar die Nase vorn, Duvivier am Bass ist ein echter Bonus.
Musik: ****1/2
Sound: Klanglich ähnlich wie die ältere Volume 1 – vom ausgewogenen, sauberen Van-Gelder-Sound sind wir noch ein gutes Stück entfernt, macht aber nichts. Die Aufnahme mag aus heutiger Sicht nicht ganz klangfarbentreu sein, aber sie hat Substanz und Impakt.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Sommer 2026 nicht einfach, nur gebraucht bei den üblichen Anbietern zu bekommen. Meine gut erhaltene Japan-Pressung kostete knapp 25 €.
1: gemäß Richard Cooks Blue Note Records – The Biography, S.64-65; ISBN 0-7126-3623-4
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