The Amazing Bud Powell Vol.1
Blue Note BLP 1503; 08/1949(1,2); 05/1951; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Bud Powell – p; Tommy Potter – b1,2; Roy Haynes – ds1,2; Fats Navarro – tp2; Sonny Rollins – ts2; Curly Russell – b; Max Roach – ds.
Side A:
1) Un Poco Loco 1st Take
2) Un Poco Loco 2nd Take
3) Un Poco Loco
4) Dance of the Infidels2
5) 52nd Street Theme2
6) It Could Happen to You Alternate Master
Side B:
1) A Night in Tunisia Alternate Master
2) A Night in Tunisia
3) Wail2
4) Ornithology1
5) Bouncing with Bud2
6) Parisian Thoroughfare
Vor ein paar Monaten schrieb ich hier noch ein Loblied auf Powells Time Waits vom Mai 1958. Damals fand ich das späte Album nicht zwingend besser, aber doch zugänglicher als The Amazing Bud Powell Vol. 1, das manchmal turbulente erste Aufleuchten von Powells Genie auf Blue Note.
The Amazing Bud Powell Vol. 1 war in dieser Form nie geplant. Es vereint zwei Sessions mit drei verschiedenen Besetzungen, zwischen denen beinahe zwei Jahre liegen. Die Ordnung der Stücke auf der Platte folgt, soweit ich sehe, keinem Prinzip, weder was die Chronologie noch die Besetzungen angeht. Außerdem wird ein Stück dreimal, ein anderes zweimal hintereinander präsentiert. Kann ja eigentlich nicht gut sein für den Zusammenhalt des Albums, oder?
Es ist auch tatsächlich nicht immer einfach, aber nach einigen Hördurchgängen musste ich dennoch meine Meinung revidieren. Die Platte gilt als Meilenstein des modernen Jazz und inzwischen teile ich diese Einschätzung. Manchmal dauert es eben etwas, bis der Groschen fällt. Aber vielleicht erst einmal ein paar Worte zur Entstehung:
Als Blue Note im Jahr 1956 dem Zeitgeist nachgab und begann, im Rahmen der neuen 1500er-Reihe Alben im neuen 12"-Format zu veröffentlichen, gehörten The Amazing Bud Powell Vol.1 & 2 zu den ersten. Sie erschienen unter den Katalognummern BLP 1503 und 1504. Aber wie schon auf Miles Davis Vol.1 & 2 (BLP1501/2) oder Lou Donaldson Quartet/Quintet/Sextet (BLP 1536) sind auch diese beiden Alben keine zwei ursprünglich getrennten Sessions, sondern eine kuratorische Neuordnung älteren Materials. Sie basieren auf drei Blue-Note-Sessions aus 1949, 1951 und 1953. Vol.1 bündelt Quintett- und Trio-Aufnahmen von 1949 sowie einige Titel des 1951er Trios mit Max Roach und Curly Russell. Vol. 2 bietet weiteres Material der Session mit Roach/Russell und die Aufnamen des 1953er Trios mit George Duvivier und Art Taylor. Beide haben ihren Reiz, aber hier geht es um Vol.1.
Ich habe die frühen Blue Notes von Thelonious Monk als Urknall des modernen Piano Jazz bezeichnet, aber im Grunde gilt das auch für Powell, vielleicht sogar noch mehr. Denn wo Monk seltsam und unerhört klang, war Powell feurig und intensiv. Und nie mehr als auf den drei Versionen von Un Poco Loco, die Seite 1 eröffnen. Hier spielt das Trio von 1951, also mit Max Roach und Curly Russell. Un Poco Loco startet mit einem dissonanten Cluster mit der linken Hand, getragen -gepeitscht- von Roachs rastlosem Spiel auf Kuhglocken. Während der Soli bewegt sich die Musik in einen sinister klingenden Calypso-artigen Beat, zu dem Powells linke einen stentorischen Basslauf spielt, während seine rechte Notengirlanden aus dem Ärmel schüttelt. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass es gleich drei Versionen eines Stückes gibt, dann kann man beginnen, die Unterschiede zwischen den einzelnen Versionen zu erfassen. Das Tempo bleibt unangetastet, aber die Begleitung von Roach und die Soli Powells entwickeln sich von Take zu Take subtil weiter. Roach variiert den Rhythmus auf den Kuhglocken und spielt im dritten Take am saubersten, aber das gilt auch für Powell, der hier am konzisesten wirkt und der Musik zwischen dichten pianistischen Episoden auch mal ein bisschen Zeit gönnt. Allgemein wird die (chronologisch) letzte Version am stärksten eingeschätzt, aber ich habe auch eine Schwäche für die unfertigen Takes, besonders den ersten, weil er den leichten Mangel an Fokus mit größerem Feuer kompensiert.
Da die Titel recht knackig daherkommen, alle liegen zwischen gut zwei und knapp fünf Minuten, fällt es nach ein, zwei Durchgängen auch leicht, dreimal hintereinander Un Poco Loco zu hören, zumal die Musik durchweg großartig ist. Das gilt übrigens für alle Stücke, auch für die vom August 1949. Bei den Quintett-Aufnahmen kocht Fats Navarro auf der Trompete mit phänomenal kräftigem Ton und messerscharfer Attacke, und auch der damals neunzehnjährige Sonny Rollins besticht mit einer selbstverständlichen Verve, als hätte er seit Jahren nie etwas anderes gespielt. Soweit ich weiß, lieferte diese Session die Erstaufnahmen für Powells Dance of the Infidels, Wail und Bouncing with Bud, heute gelten alle drei als kanonisch. Neben den Quintett-Aufnahmen spielte Powell an diesem Tag im Trio mit Potter und Haynes noch Ornithology und You Go to my Head ein, wobei sich letzteres als einziger Titel von 1949 auf The Amazing Bud Powell Vol. 2 findet. Ich mag das Spiel von Roy Haynes, es ist federnd, leicht, präzise, lässt Powell quasi wie auf einer polierten rhythmischen Bahn gleiten, aber trotzdem gefällt mir Roach auf der 1951er Session noch besser. Er scheint in einem ständigen dialogischen Austausch mit Powell zu stehen und veredelt jeden Chorus mit kleinen, sich permanent wandelnden Figuren.
Die Tempi auf der Platte sind oft hoch, auf 52nd Street Theme und Wail sind sie furios. Powell glänzt auch in Höchstgeschwindigkeit mit präzisen Läufen, die nie unsicher wirken oder das Timing verschmieren. Sehr gelungen finde ich auch die beiden hochoktanigen Versionen von A Night in Tunisia; der letzte Titel, Parisian Thoroughfare, ebenfalls ein künftiger Standard, beginnt rubato mit unbegleiteten Rokoko-Girlanden, bevor die Band einsetzt und es im Uptempo weitergeht. Das extrem abrupte Ende, zuerst dachte ich, meine Anlage sei kaputt, ist übrigens dem Umstand geschuldet, dass Powell die Aufnahme einfach abbrach.
Ein wirklich langsames Stück gibt es jedoch und es ist nicht nur gut für die Dramaturgie des Albums, sondern auch ein weiterer persönlicher Favorit: It Could Happen to You wird von Powell solo gespielt und hat eine beinahe klassische Tiefe.
Fazit: Nach einigen Durchgängen mit The Amazing Bud Powell Vol. 1 bin ich jetzt doch den Weg nach Damaskus gegangen und muss dieser bahnbrechenden Platte kanonischen Status attestieren. Wir bekommen hier definitive Versionen einiger von Powells bekanntesten Kompositionen. Powell spielt sie mit unglaublichem Feuer, und besonders bei der Session von 1951 findet er in Max Roach einen kongenialen Drummer.
Musik: *****
Sound: Historisch und durchaus verfärbt, aber passt zur Musik. Das Piano auf It Could Happen to You klingt trotz der technischen Limitierung schön sonor.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Als Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series wiederveröffentlicht, dennoch nicht überall zu bekommen. Um die 30€.
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