Miles Davis - Sketches of Spain

Veröffentlicht am 13. Januar 2026 um 22:38

Miles Davis – Sketches of Spain

Columbia CS 8271; 11/1959 & 03/1960; Engineer: Fred Plaut; Producer: Teo Macero; Arrangement/Conductor: Gil Evans

 

Miles Davis – tp

and: Johnny Coles, Louis Mucci, Ernie Royal, Taft Jordan- tp; Albert Block, Eddie Caine – fl; Harold Feldman – cl; Romeo Penque – ob; Danny Bank – bcl; Jack Knitzer – bsn; Earl Chapin, Joe Singer, Tony Miranda, James Buffingtron, John Barrows – fhn; Dick hixon, Frank Rehak – tb; John William Barber, Jimmie McAllister – tba; Paul Chambers – b; Elvin Jones, Jose Mangual – perc; Jimmy Cobb – ds; Janet Putnam – hrp.

 

Side A:

1) Concierto de Aranjuez (Adagio)

2) Will o’ the Wisp

 

Side B:

1) The Pan Piper

2) Saeta

3) Solea

 

„Is this a joke?“

 

Mein Freund David war nicht überzeugt. Es war noch gar nicht lange her, da hatten wir zusammen Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez gehört und ich sah meine Chance, den eigentlich vollkommen jazz-resistenten Klassikliebhaber behutsam in ein neues musikalisches Universum zu führen. Ich lieh ihm meine aufwendig remasterte CD mit Sketches of Spain und wurde enttäuscht.

 

„Warum? Was gibt’s daran auszusetzen?“

 

„Es ist keine ernsthafte Beschäftigung mit Rodrigos Musik. Sie haben eine Melodie stellvertretend für ein ganzes Werk genommen und daraus eine Platte gemacht. Es ist Hochstapelei, die Musik setzt sich eine spanische Maske auf.“

 

Ich hatte das Gefühl, dass hier gleich zwei Vorwürfe erhoben wurden: explizit der der Vereinfachung, implizit, auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab, der Vorwurf der kulturellen Aneignung.

 

Aber was war mit dem Versuch, eine Brücke zwischen zwei musikalischen Ufern zu schlagen? Gab nicht schon allein das der Platte einen gewissen Reiz?

 

„Der Mensch soll nicht vermählen, was der Herr getrennt hat.“

 

Für alle, die Sketches of Spain noch nie gehört haben: Es handelt sich um eine Kollaboration von Miles Davis und dem kanadischen Bandleader, Arrangeur, Komponisten und Pianisten Gil Evans. Das Duo hatte bereits zweimal für Aufsehen gesorgt mit den aufwendig orchestrierten Big-Band-Einspielungen Miles Ahead und Porgy and Bess, bei denen Evans einen orchestralen Rahmen für den Solisten Davis geschaffen hatte. Auf Sketches of Spain gingen sie noch einen Schritt weiter. Davis hatte bei einem Freund Rodrigos Concierto de Aranjuez gehört. Die Liner Notes zitieren ihn:

“After listening to it for a couple of weeks I couldn’t get it out of my mind. Then when Gil and I decided to do this album, I played him the record and he liked it… we planned the program … for about two months.”

 

Ich sehe in Sketches of Spain den Versuch, der Schwermut und Trauer, die Davis und Evans in spanischer Musik fanden, einen neuen Rahmen zu geben. Das Resultat ist ein Album, das sich die orchestrale Klangpalette mit der klassischen Musik teilt und die improvisatorische Freiheit des Solisten mit dem Jazz.

 

Die Frage, ob die Musik Jazz ist oder nicht, sei dahingestellt. Hier swingt nichts im 4/4-Takt, aber wer sich die Platte zulegen möchte, muss in die Jazz-Abteilung. Persönlich sehe ich die Sketches of Spain eher im klassischen Lager, weil es thematisch sehr geschlossen wirkt und das Orchester streng nach Partitur arbeitet. Mein Eindruck ist, dass es einer fünfteiligen Suite nähersteht als einer Jazz-Aufnahme mit fünf Titeln. David hätte mich dafür allerdings ausgelacht.

 

Zurück zu Davids Kritikpunkten: Die Musik Rodrigos mag vereinfacht worden sein, aber daraus mangelnde Ernsthaftigkeit abzuleiten, halte ich für voreilig. Mehr dazu unten. Was den Vorwurf kultureller Aneignung angeht, sehe ich kein Problem. Evans und Davis bedienen sich hier nicht zur Selbstinszenierung der Musik einer marginalisierten Kultur. Sie machen aus den Quellen des Albums kein Geheimnis und beanspruchen nie Authentizität. Vielleicht trägt diese Musik eine spanische Maske, vielleicht ist es aber auch nur eine respektvolle Außensicht auf eine fremde, doch als wesensverwandt empfundene Tradition, nicht zuletzt wegen der inhärenten Schwermut von Blues und, manchmal, auch Jazz. Ich will das nicht abschließend beurteilen.

 

Is this a joke? 

Ganz sicher nicht. Evans hatte sich vor der Aufnahme intensiv mit spanischer Musik beschäftigt und Monate über der Partitur gesessen. Er arbeitet mit der klanglichen Palette des Orchesters wie ein Illusionist und erschafft hinter der Trompete von Davis sich geisterhaft wandelnde Muster; Farbe und Charakter sind in ständiger Bewegung. Nat Hentoff zitiert in den Liner Notes den Komponisten Hal Overton, der bei den Aufnahmen vorbeischaute: „This is the toughest I’ve ever seen in a jazz arrangement.“ Die Aufnahmen gestalteten sich dementsprechend schwierig und zogen sich über mehrere Termine im November 1959 und März 1960 hin.

 

Die Ernsthaftigkeit von Evans und Davis sowie ihr hoher Anspruch liefern für mich auch ein stichhaltiges Argument gegen Kritiker, die Sketches of Spain in die Easy-Listening-Ecke stellen. Man kann die Zugänglichkeit des Albums nicht leugnen, aber sie ist eher Nebenprodukt, nicht das eigentliche Anliegen. Am Anfang stand die Faszination bei der Beschäftigung mit dem Originalmaterial:

„That melody is so strong that the softer you play it, the stronger it gets…“ (Davis) 

„Yes, it’s distilled melody. If you lay it on too hard, you don’t have it.“ (Evans).

 

Evans und Davis scheinen mir auf der Suche nach der Essenz der Musik zu sein, ihre Schönheit soll nicht verändert, sondern freigelegt werden.

 

Stichwort Musik: Das Adagio aus dem Concierto de Aranjuez ist mit seinen siebzehn Minuten das Herzstück des Albums. Den Rest bilden Will o’ the Wisp aus einem Ballett von Manuel de Falla, The Pan Piper, eine spanische Volksweise, sowie Saeta und Solea, beides Kompositionen von Evans. Wie bereits angedeutet, besitzt das Album für mich einen suitenartigen Charakter und wirkt so homogen, dass es keinen Sinn ergibt, die einzelnen Stücke isoliert zu besprechen. Aber natürlich gibt es Lieblingspassagen. Mein Highlight ist Saeta, das Portrait einer religiösen Prozession mit fröhlich-bunten Trompetenfanfaren in Einleitung und Schlussteil, vor dem geistigen Auge sieht man unter blauem Himmel wehende Wimpel und Fahnen. Dazwischen spielt Davis ein langes, intensives Klagelied. Wer den Beat des Jazz sucht, findet ihn am ehesten noch auf dem abschließenden Solea, wobei Beat eigentlich gar nicht passt, Puls trifft es besser. Der Bass liegt unter der Musik wie ein Herzschlag: nicht swingend, eher stoisch marschierend.

 

Eigentlich wollte ich zu Sketches of Spain nur ein paar knappe Worte verlieren, weil es sich außerhalb der Regeln des Jazz bewegt, den ich normalerweise auf NJF vorstelle. Doch schnell wurde klar, dass das nicht reichen würde, denn das Album wächst mit jedem Hördurchgang und entzieht sich gängigen Kategorien. Es bildet eine eigenständige Klangwelt jenseits von Klassik und Jazz; folkloristisch, vielschichtig und doch zugänglich, durchdrungen von universeller Schwermut.

 

Musik: *****

 

Sound: Sehr räumlich-plastische Aufnahme, selbst preiswerte Ausgaben klingen gut, hochpreisige sind audiophil.

 

Verfügbarkeit: Zur Jahreswende 2025/6 sehr gut. Die üblichen Verdächtigen wie Waxtime, Second und Ermitage bieten Ausgaben für deutlich unter 20 € an. Für 10 € mehr gibt’s Nachpressungen von Sony/Columbia und Music On Vinyl. Preislich, aber auch qualitativ schießt Mobile Fidelitys 65th Anniversary Edition für satte 120 € den Vogel ab.

 

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