Lou Donaldson – Blues Walk
Blue Note ST-81593, 08/1958, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Lou Donaldson – as; Herman Foster – p; Peck Morrison – b; Dave Bailey – ds; Ray Barretto – cga
Side A:
1) Blues Walk
2) Move
3) The Masquerade Is Over
Side B:
1) Play Ray
2) Autumn Nocturne
3) Callin’ All Cats
Es waren andere Zeiten: Auf dem Titelbild seines Albums Blues Walk aus dem Jahr 1958 sieht man Lou Donaldson lächelnd durch einen Park schlendern, in einem Trenchcoat, mindestens eine Nummer zu groß, den Saxofonkoffer in der linken Hand, den Hut keck schräg auf dem Kopf. Es ist ein durch und durch freundliches Bild, das nicht beeindrucken will, sondern einen Eindruck jovialer Freude vermittelt: Hier geht jemand wirklich gern zur Arbeit. Aus heutiger Perspektive, in der selbst der unbedeutendste Social-Media-Post inszeniert und durchgestylt wird, wirkt Donaldson auf dem Cover seiner LP gänzlich uneitel und beinahe rührend unschuldig.
Aber ganz unkalkuliert war das Cover dann doch nicht. Wie so oft bei Blue Note passt es zur Musik, denn Begriffe wie uneitel und freundlich treffen den Charakter der Session ziemlich genau. Es ging Donaldson, soweit ich das beurteilen kann, nie um die Erweiterung von Horizonten, sondern immer um gute Unterhaltung. Und die scheint ihm bei Blues Walk besonders gelungen zu sein, denn es gilt vielen als sein bestes Album. In den einschlägigen Internetforen erntet es reihenweise Fünf Sterne. Ich bin hier ein wenig vorsichtiger, obwohl die gut 30 Minuten von Blues Walk wie im Flug vergehen.
Donaldson bestritt die Session mit Herman Foster am Piano, John „Peck“ Morrison am Bass, Dave Bailey am Schlagzeug und Ray Barretto an den Congas. Keiner gehörte zur regulären Blue-Note-Crew, aber man hatte bereits miteinander gespielt: Foster und Morrison hatten auf Donaldsons Swing and Soul und Wailing with Lou mitgewirkt, Barretto kannte man ebenfalls von der Session zu Swing and Soul, genau wie Bailey, der darüber hinaus ein begehrter Session-Drummer auch außerhalb des Blue-Note-Orbits war.
Vieles von dem, was ich zu Lou Donaldsons The Time Is Right geschrieben habe, trifft auch hier zu: Es gibt reichlich Blues, die Stücke verschrecken den Hörer nicht mit wild-expressiven Soli und Ray Barretto lockert die Session auf. Er verleiht ihr einen lässig tänzelnden Groove, der die Platte prädestiniert für hippe Events wie Sektfrühstücke in angesagten Galerien.
Für Donaldson selbst sollte der Opener Blues Walk, ein eingängiger Moll-Blues im Midtempo, zu einem seiner größten Hits und so etwas wie seiner Erkennungsmelodie werden. In einem Interview sagte er über das Stück: „That’s my theme song, it’s got a good groove … it’s a mixture of blues and bebop, it’s somewhere in between.“
In Stücken wie Blues Walk ist Donaldson komplett zu Hause. So etwas kann er im Schlaf spielen und in seinem Solo haut er vollig mühelos ein bluesiges Lick nach dem anderen raus. Foster spielt einen Chorus in Single Notes und wechselt dann in Blockakkorde, was zu dieser Bluesnummer gut passt, bevor sich Drummer Bailey und Barretto kurze Statements („Fours“) zuspielen. Das rasante Move ist purer Bop, mit einem energiegeladenen, ausgedehnten Beitrag von Donaldson, gefolgt von Foster, der hier erneut mit Blockakkorden agiert und diese fast schon überstrapaziert, sowie einem kurzen Spot für Barretto. Beim Standard The Masquerade Is Over, einem locker federnden Swinger, entspannen sich die Dinge wieder.
Ich hätte beim Titel Play Ray mit einem Vehikel für Conguero Barretto gerechnet, ist es aber nicht wirklich. Stattdessen haben wir es mit einem weiteren Mid-Tempo Blues wie dem Titelstück zu tun. Foster bekommt das erste Solo mit, klar, Blockakkorden, gefolgt von Donaldson und erst dann gibt es ein kurzes Feature für die gesamte Rhythmusabteilung, beginnend mit Morrison, danach Bailey und Barretto im Wechsel. Autumn Nocturne ist eine Ballade ohne Barretto, Foster und der Leader solieren. Donaldson hatte, wenn er wollte, einen butterweichen Alto-Sound, der Balladen wirklich gut stand und hier liefert er ein kurzes, lyrisches Statement ab.
Das abschließende Callin’ All Cats ist eines jener Stücke, die kaum jemand so beherrschte wie Donaldson: Ein fast euphorischer Swinger, der trotz seines Tempos stets locker bleibt. Donaldson darf mit seiner unvergleichlichen Leichtigkeit – ich muss immer an Gibbons in Baumkronen denken, wenn ich höre, wie seine Soli die Tonleitern rauf- und runterturnen – gleich zweimal solieren, aber auch alle anderen Cats bekommen Gelegenheit zu kurzen Beiträgen.
Und schon ist die Platte vorbei. In meinen Augen keine wirklich essenzielle Session (mein Donaldson-Favorit ist immer noch The Time Is Right), aber allemal eine richtig launige 34-minütige Spritztour durch Bop, Hard Bop und Blues, deren hoher Unterhaltungswert sich einerseits durch das abwechslungsreiche Programm erklärt, andererseits vielleicht auch dadurch, dass fünf der sechs Stücke unter der Marke von sechs Minuten bleiben. So müssen alle Solisten schnell zur Sache kommen und keiner verfängt sich im harmonischen Dickicht – dafür bleibt schlicht keine Zeit.
Fazit: Kurzweiliger Jazz, zum Verschenken an Nicht-Jazzer und zum Selberhören gleichermaßen geeignet. Gut so!
Musik: ****
Sound: eine weitere luftig klingende Aufnahme von RvG. Frühes Stereo, aber ohne extreme Rechts-/Linksverteilung. Es gibt im Internet Stimmen, die attestieren Blue-Note-Aufnahmen, auch Blues Walk, eine helle, etwas nervige Grundtendenz. Sehe ich anders.
Verfügbarkeit: Teil der Blue Note Classic Vinyl Series, zur Jahreswende 2025/6 gut zu bekommen. Um die 30€.
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