Thad Jones – Detroit-New York Junction
Blue Note BLP 1513, 03/1956, Engineer: unknown, Producer: Alfred Lion
Thad Jones – tp; Billy Mitchell – ts; Kenny Burrell – gtr; Tommy Flanagan – p; Oscar Pettiford – b; Shadow Wilson – ds;
Side A:
1) Blue Room
2) Tarriff
3) Little Girl Blue
Side B:
1) Scratch
2) Zec
In der Natur weisen die Farben Schwarz und Gelb meist auf Gefahr hin, in der Regel auf giftige Tiere, denen man besser aus dem Weg geht. Tatsächlich ist Gelb die Farbe, auf die der Mensch am schnellsten reagiert und im Jahr 1956 konnte wohl kaum ein Interessent in einem Plattenladen an Detroit-New York Junction vorbeilaufen, ohne dieses grell gestaltete Album, das erste von dreien, die Trompeter Thad Jones für Blue Note aufnahm, zumindest zu bemerken. Aber keine Sorge – die Musik ist zurückhaltender als das Cover und bietet einen guten Einstieg in den Hard Bop, wie man ihn Mitte der 1950er Jahre auf dem Label finden konnte.
Der Titel des Albums spielt auf die Herkunft der Musiker an - Jones hatte mit Kenny Burrell, Tommy Flanagan, Billy Mitchell, sämtlich Kollegen aus Detroit, eine schlagkräftige Band zusammengestellt, die von den New Yorkern Oscar Pettiford am Bass und Shadow Wilson am Schlagzeug komplettiert wurde.
Die Platte bietet fünf Stücke, vier davon vom Leader. Auch wenn, sorry, diese Aussage furchtbar vage ist: die Musik auf Detroit-New York Junction bewegt sich irgendwo zwischen Bebop und Hard Bop. Sie trägt weniger Gospel und Blues in sich als zum Beispiel die von Horace Silver oder Miles Davis auf Walkin’ und Bags’ Groove, klingt aber auch nicht so feurig und vielschichtig wie The Amazing Bud Powell Vol.1. Im Feuilleton der ZEIT würden sie wahrscheinlich vom Spannungsfeld zwischen Bebop und Hard Bop schreiben.
Auf Tarriff und Zec, den boppigsten Stücken, scheint Jones am weitesten in die Vergangenheit zu schauen. Beide klingen, als stammten sie von einem Album aus den späten 40ern. Die Themen bleiben beim Hörer nicht unmittelbar hängen, aber dafür entschädigen die Solisten. Jones hat einen hellen, strahlenden Ton und bläst lange, durchdachte Beiträge, die den Eindruck vermitteln, dass hier jemand in großen Bögen denkt. Billy Mitchell bildet mit rauem Ton und bluesigerem Stil einen starken Kontrast, der sich auch beim wiederholten Hören nicht abnutzt. Burrell spielt hier seine erste von vielen Sessions für Blue Note ein und erweitert die Klangpalette um eine interessante Farbe.
Scratch und besonders das entspannte Blue Room klingen moderner, das heißt ein wenig erdiger, und passen noch am ehesten in die Hard-Bop Schublade. Little Girl Blue schließlich ist ein kleines kammermusikalisches Juwel, ein Vehikel für Jones allein, der hier über der diskreten Begleitung von Burrell und Pettiford schöne Linien bläst.
Ein Wort noch zu Tommy Flanagan, Oscar Pettiford und Shadow Wilson: Flanagan begleitet mit unaufdringlicher Eleganz und streut das ein oder andere lockere Solo ein; Pettiford war einer der großen Bop-Bassisten, sein geschmeidiges Spiel kommt besonders auf Blue Room gut zur Geltung. Finally: Kein Schlagzeuger trug einen treffenderen Namen als Shadow Wilson – er folgt der Musik wie ein Schatten, mit derselben unmittelbaren Leichtigkeit.
Also: Klasse Album, wenn auch kein all-time great.
Musik: ****
Sound: Okay, aber etwas rau und ungehobelt verglichen mit dem typischen BN-Sound. Bass ist etwas unterbelichtet. Keine RvG-Aufnahme!
Verfügbarkeit: im Herbst 2025 als limitierte Ausgabe für gut 40€ auf Third Man Records zu haben, dürfte jedoch bald vergriffen sein. Interessenten sollten nicht zu lange zögern!
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