Dealer meines Vertrauens und Veranstaltungsort: A&O auf der Kasernenstraße in Düsseldorf.
Von links nach rechts: die Location, der Meister bei der Arbeit und sein Werk.
Manche Dinge, wie Der Alte oder Ekzeme, gehen einfach nicht weg – oder auch die Neigung der Plattenindustrie, die innere Ruhe von Musikfreunden mit ultimativen Ausgaben alter Alben zu erschüttern. Da schalten die Werbetexter der Branche gerne mal in den Overdrive: Noch nie hast du diesen Klassiker mit einem derartigen Punch im Bass, mit so einer räumlichen Staffelung und kaum fassbarer instrumentaler Differenzierung gehört! Wenn du das Original kennst und liebst, dann brauchst du die neue Ausgabe leider zwingend!
Jetzt ist es wieder soweit. Am 2.10.2026 kommt Rubber Soul heraus. Nicht zum ersten Mal, klar, aber vielleicht irgendwie doch, denn so etwas gab es noch nicht. Die Platte klingt besser als je zuvor und außerdem fand man im Flussbett der Jahre noch ungeschürfte Nuggets der Fab Four. Lasst mich hier ausnahmsweise einmal direkt die Beatles-Homepage zitieren:
"Today, UMG and Apple Corps Ltd are pleased to announce the forthcoming release of an expanded Special Edition of The Beatles’ landmark 1965 album Rubber Soul. Newly mixed by producer Giles Martin and engineer Sam Okell, the collection presents the album in stunning new stereo and Dolby Atmos mixes, alongside the original mono mix, the original Capitol US Album version, and expanded with previously unreleased session recordings and home demos, and the contemporary double A-side single, Day Tripper/We Can Work It Out." *
Mein lieber Scholli ... Newly mixed von Giles Martin und Sam Okell! Das neue Stereo: stunning! Und dann noch Dolby Atmos! Da kriegt der harte Aficionado glatt Schnappatmung. Aber viel versprechen kann jeder. Wie sieht’s in der Praxis aus? Aus Anlass der bevorstehenden Veröffentlichung dieser revolutionären Ausgabe von Rubber Soul gab es am Abend des 1.10. ein Prelistening beim Plattendealer meiner Wahl, A&O in Düsseldorf, begleitet von einer Lesung: Frank Goosen, erfolgreicher Romancier und langjähriger Fan des Ensembles, las aus seinem Buch über die Beatles.
Ich kannte weder Frank Goosen noch sein Buch vor der Veranstaltung. Goosen, Jahrgang 1966, erwies sich als geborener Entertainer. Er kommt aus Bochum, wo er auch heute noch lebt. Das fügte sich gut: Hab ich hier noch nie ausgebreitet, aber NJF, der östlich von Düsseldorf aufwuchs, ist eigentlich ebenfalls ein Sohn der Kohle. Alle meine Vorfahren stammen aus Essen und Goosens Mundart beamte mich zurück in die Zeit meiner Kindheit, als man von Omma und Oppa redete, die Arbeit Kotten hieß meine Verwandten mich eine lahme Duppa nannten, wenn ich es auch nur wagte, mich einem Tagträumchen hinzugeben.
Für mich war der Dialekt des Ruhrgebietes immer einer der coolsten, die das Deutsche zu bieten hat. Die harte Arbeit und das geteilte Schicksal vermittelte den Leuten Zusammenhalt, Sinn für Humor und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstverarsche. Die letzten beiden Qualitäten findet man auch bei Goosen. Er plauderte wunderbar locker aus dem Nähkästchen, der perfekte Partygast, und wie in guten Erzählungen ergab sich aus den ganzen Nebensächlichkeiten und Skurrilitäten, mit denen er seinen Vortrag würzte, im Kopf des Hörers nach und nach ein erstaunlich – nach einer guten halben Stunde war Schluss – vollständiges Bild einer Person, eines Ortes und einer bestimmten Epoche. Sollte es dereinst einen Kanon westdeutscher Befindlichkeiten während der 1970er geben, dann werden Goosens Schriften dazugehören.
Logisch, dass wir erfuhren, wie er zum ersten Mal die Beatles hörte, oder wie er an seine ersten Alben kam. Da ihr fragt: Red, Blue, Abbey Road, aber mehr wird hier nicht verraten, steht alles im Buch. Ein kleiner Teaser sei jedoch erlaubt – hatte was mit Schwarzarbeit zu tun und ist irgendwie rührend. Weiterhin gab’s reichlich Reminiszenzen an seine Schulzeit auf einem altsprachlichen Gymnasium und wir erfuhren die vertrackte Episode mit Goosens erster Freundin. Zufällig hieß sie wie ein Song der Beatles, aber das brachte ihr wenig, sie sollte in seinem Leben nur eine Statistenrolle spielen. Wie bei den meisten war auch bei Goosen Liebe kompliziert – aber so entstehen die besten Geschichten und als Goosen plötzlich fertig war, beschlich mich ein Gefühl des Bedauerns. Während er vor uns in seiner Erinnerung kramte, war Gelächter ein häufig gehörtes Geräusch und ein bisschen hätte er gerne noch erzählen dürfen. Die Welt fühlt sich nicht oft so leicht an.
Ach ja, am Ende gab es auch noch Musik. Es ist mir fast peinlich, aber ich habe tatsächlich von der vermutlich einflussreichsten Band aller Zeiten nur ein einziges Album: Abbey Road. Da konnte Rubber Soul nicht ganz mithalten, es steht dem leicht zu vernaschenden Popkonfekt ihrer Anfangsphase wie Please, Please Me und Love Me Do noch deutlich näher als der Funkiness von Come Together oder dem trippigen I Want You. Dennoch hat auch Rubber Soul seine Momente. Michelle und Nowhere Man sind exquisit, The Word groovt und Wait ist zwar noch melodieselig, aber rhythmisch komplexer als die Musik, die sie zwei Jahre vorher gespielt hatten.
Und was den Remix angeht: Ich muss zugeben, dass die Platte schon über die Anlage von A&O ziemlich gut klang – also satt, vollmundig und aktuellen Produktionen absolut ebenbürtig. Ich habe keinen direkten Vergleich zu alten Pressungen, aber vielleicht war mein anfänglicher Zynismus unbegründet und man hat sich hier wirklich Mühe gegeben, den Sound eines Klassikers aufzufrischen mit Möglichkeiten, die man damals einfach nicht hatte. Wie auch immer – interessant war es allemal. Und das Schöne: Eigentlich war ich nur da, um Rubber Soul zu hören, aber nach Hause ging ich mit dem Kopf voller Bilder und Geschichten.
* Kleine Randnotiz: Apple Corps hat nichts mit dem Computerriesen zu tun, sondern ist das Unternehmen, das die Beatles selbst gründeten, um die Kontrolle über ihre eigenen geschäftlichen und künstlerischen Angelegenheiten zu behalten. Die Universal Music Group (UMG) ist einer der drei großen Musik-Majors (neben Sony und Warner) und verfügt über die Marketing-Power und das weltweite Vertriebsnetz, um das Ertragspotenzial einer Neuausgabe von Beatles-Alben voll auszuschöpfen – oder, auf Deutsch: um Kohle wie Heu zu machen.
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