1. Tom Waits – Swordfishtrombones
Swordfishtrombones aus dem Jahr 1983 war Waits’ erstes Album für sein neues Label Island, aber es ist auch musikalisch und klanglich eine Zäsur. Waits war schon immer mehr gewesen als nur ein jazziger Chronist der Nacht in amerikanischen Großstädten, aber auf Swordfishtrombones bricht er mit der (vergleichsweise) konventionell instrumentierten Musik seiner früheren Alben und schafft düstere, groteske und melancholische Soundscapes aus Geräuschen, dunklen Bläsersätzen und ungewöhnlichen Instrumenten wie Marimba, Dudelsäcken und Akkordeon. Wenn er Gitarre und Schlagzeug einsetzt, dann klingen sie hysterisch exaltiert, seltsam kaputt oder verstimmt und spielen häufig bewusst einfache Läufe oder Rhythmen, die gewollt „primitiv“ klingen. Bei Vorgaben für die Musiker dachte Waits nicht in musikalischen Begriffen, sondern in Bildern, die an Regieanweisungen im Theater erinnerten, etwa gegenüber seinem Gitarristen Marc Ribot: „Hey Marc, play like your hair’s on fire.“ (Waits in einem GQ-Interview von 2002.)
Die Stücke selbst sind manchmal skizzenartig reduziert (Dave the Butcher), manche klingen wie aus der Weimarer Republik. Es gibt Stream-of-Consciousness-Rapping auf Frank’s Wild Years oder dem bizarren Trouble’s Braids, aber auch Momente ganz exquisiter Traurigkeit auf Soldier’s Things. Dazu krächzt, schreit oder faucht Waits seine Texte über die Ausgestoßenen der Welt. Das Album wirkt wie das musikalische Äquivalent einer alten Truhe, auf die man im Dachstuhl seiner Großeltern stößt: Man findet darin jede Menge kurioses Zeug, aber auch Dinge von kostbarer Einzigartigkeit, stille Zeugen einer vergangenen Welt. Und selten habe ich ein traurigeres Geräusch gehört als das verloren klagende Scheppern am Anfang von Town With No Cheer. Die Platte, um festzustellen, ob eine Anlage Stimmung transportieren kann.
2. Clipping. – Dead Channel Sky
Auf Clipping bin ich durch meinen jüngeren Sohn gekommen. Es ist immer gut, in den musikalischen Gärten anderer zu wildern, man weiß nie, was man findet. In einem Satz: Clipping produzieren eine extreme Art von noise-basiertem, experimentellem Hip-Hop. Traditionelle Instrumente oder Synthesiser sucht man auf ihren Alben vergebens. Ich kenne inzwischen vier Alben von Clipping (manchmal auch Clppng), davon ist Dead Channel Sky das zugänglichste, weil es traditionellen Songstrukturen am nächsten kommt. Der Albumtitel bezieht sich übrigens auf einen Satz im Roman Neuromancer von William Gibson: "The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel".
Aber zugänglich ist immer noch relativ, in der Musik findet sich der Geist des Zitats. Man muss schon Lust haben auf Geräusche, die im Feuilleton gerne mit Attributen wie dystopisch, atonal und industrial beschrieben werden. Alben von Clipping sind immer relativ dunkle Angelegenheiten, bei denen sich Geräuschcollagen, maschinenartig präzise Wortsalven in Double- oder gar Triple-Time von Rapper Daveed Diggs und synthetische Beats zu Kunstwerken ergänzen, die im weiteren Sinne Songs genannt werden können, einen anderen Begriff haben wir dafür nicht. Das ist manchmal ziemlich harsch, wie im Intro zum Album, einer Collage von Geräuschen, wie sie von frühen Modems beim Einloggen ins Web produziert werden, die Boomer unter euch werden sich erinnern. Aber dann gibt es auch erstaunlich viele Stücke, einige sogar tanzbar, mit starkem Groove und markantem Downbeat. Bei dieser düsteren, jedoch sorgfältig konzipierten und produzierten Musik darf das Timing der Anlage nicht verschleppen; wer hochauflösende Boxen hat, wird mit einem cinematischen Soundpanorama und einer Fülle von Details belohnt.
3. Rush – Moving Pictures
Man konnte Rush wahrlich nicht vorwerfen, sich Album für Album zu wiederholen. War Rush nicht viel mehr als ein Tribute Act für Zeppelin, folgte von Fly by Night bis Hemispheres eine Phase epischen Progs mit Bezug auf SciFi und Fantasy. Auf Permanent Waves wurde die Musik knackiger und radiotauglicher und viele, auch ich, halten Moving Pictures für die perfekte Synthese aus Massenkompatiblität und musikalischem Anspruch. Es gibt mit The Camera Eye nur noch einen Longtrack auf dem Album, die technische Virtuosität wird auf dem Instrmental YYZ demonstriert. Der Rest des Albums bietet Klassiker des Bandkatalogs wie Tom Sawyer, Red Barchetta und das beinahe poppige Limelight. Für Hörtests benutze ich gerne Vital Signs, trotz des offensichtlichen Einflusses von The Police. Natürlich nicht deswegen, bewahre, sondern weil Neil Pearts variables Spiel auf dem Stück für Rhythmus-Nerds ein echter Genuss ist. Die Anlage soll das zeigen.
4. Free – Fire and Water
Ihr drittes Studioalbum brachte den Bluesrockern von Free den Durchbruch mit dem Welthit All Right Now. Aber Fire and Water nur auf diesen Hit zu reduzieren, würde diesem geschlossenen Album nicht gerecht, denn es bietet noch jede Menge weitere Granaten wie Heavy Load, das Titelstück und Mr. Big mit dem legendären Bass-Solo von Andy Fraser. Free kamen aus derselben musikalischen Ecke wie Led Zeppelin, waren aber weniger extrovertiert. Ihre Power war kontrollierter, Drummer Simon Kirke und Bassist Fraser bildeten ein Rhythmus-Team mit der Tightness einer Chicago-Blues-Combo, auch Gitarrist Paul Kossoff ging mit seinen Fähigkeiten nicht hausieren. Er setzte seine Noten spärlich, aber mit enormer emotionaler Wirkung. Auf Heavy Load spielt er während seines Solos keine zwanzig, aber jede haut mich um. Und ich behaupte jetzt hier einfach mal, dass Paul Rodgers einer der größten Sänger der Rockgeschichte war bzw. ist, gelegentlich hört man noch von ihm. Die Anlage muss die Dirtiness der Band und den Schmerz in Rodgers’ Stimme rüberbringen.
5. John Frusciante – Niandra LaDes; Usually Just a T-Shirt (To Clara)
Hier ist nichts so, wie man am Anfang denkt. Man kennt John Frusciante als Gitarristen der Red Hot Chili Peppers, eines der größten zeitgenössischen Rock Acts. Also gibt es hier sicher Rock der härteren Sorte? Nicht wirklich. Und das Album heißt auch nicht To Clara, das ist nur eine Widmung an Fleas Tochter Clara Balzary. Es handelt sich vielmehr um ein Doppelpack zweier ursprünglich separater Projekte.
Auf beiden entzieht sich Frusciante durch radikale Verweigerung gängiger musikalischer Strukturen jeder Vermarktbarkeit innerhalb der RHCP-Bubble. Die fast verstörend intimen Aufnahmen, im Home-Studio eingespielt, klingen so direkt wie Field Recordings alter Delta-Blueser und zeigen ihn von seiner verletzlichsten Seite. Er ist emotional quasi nackt und Lichtjahre entfernt von Auftritten in Stadien.
Niandra LaDes ist mit seinen zwölf konventionell betitelten Stücken das etwas zugänglichere Album, Betonung auf etwas. Wenigstens hat so gut wie jedes Stück hier noch Gesang, wenn auch manchmal stark verfremdet (Ten to Butter Blood Voodoo, der Titel spiegelt die Hörerfahrung durchaus wider), und ab und zu gibt es Momente voller Melodie, wirklich schöne Fragmente, die in der Einsamkeit des Albums glitzern wie Diamanten im Bauschutt.
Usually Just a T-Shirt zieht sich noch weiter in diese lichtlose Einsamkeit zurück. Frusciante war schwer heroinabhängig und sein Leben total aus dem Ruder gelaufen. Das Album besteht aus 13 unbetitelten Fragmenten und ist überwiegend instrumental. Kommen Stimmen zum Einsatz, dann wird gejault oder gekreischt, dazu gibt es sporadisch irres Gekicher. Und sonst? Hauptsächlich experimentelle Klangspuren, akustische und elektrische Gitarren, Verfremdung von Tönen durch Verlangsamung oder Beschleunigung, und zwischendurch immer mal wieder einen klaren Moment.
Wie klingt es? Lo-Fi, alles andere wäre unangebracht. Also nicht schön, sondern roh, intim und zerbrechlich. Die simple Aufnahmetechnik erzeugt jedoch eine ausgeprägte Unmittelbarkeit, man fühlt mit Frusciante, kann ihn fast direkt vor sich sitzen sehen.
6. Frank Zappa – Apostrophe (’)
Bei Zappa kommen die Freunde derben Humors ja häufiger auf ihre Kosten, und Apostrophe (’) macht da mit Stücken wie Don’t Eat the Yellow Snow, Nanook Rubs It und Stinkfoot keine Ausnahme. Allerdings ist das Album keine reine Comedy, sondern eher parodistische Verarsche. Der Gegensatz zwischen komplexer Musik auf einem Niveau, das Pop und Rock nur selten erreichen und Zappas puerilen Texten (die zwischendurch aber auch mal Begriffe wie "conceptual continuity“ einsetzen) schafft beim Hörer bewusst das, was man heute kognitive Dissonanz nennt und ist Teil seiner ästhetischen Strategie.
Musikalisch gehört Apostrophe (’) zu seinen zugänglichsten Alben. Richtig schräg wird es selten, und manchmal ist es regelrecht catchy, wie bei Cosmik Debris, Uncle Remus und Stinkfoot. Freunde virtuoser Nudelei kommen voll auf ihre Kosten und der Albumsound ist erste Sahne – trocken, direkt, mit knackigem Schlagzeug und schön differenzierten Instrumenten. Gut, um Auflösung und Tempo einer Anlage zu testen.
7. Jeff Parker ETA IVtet– The Way Out of Easy
Jeff Parkers ETA IVtet ist ein Kollektiv aus der experimentellen Szene von Los Angeles. Mitglieder sind Parker (E-Gitarre, Electronics, Samples), Altsaxophonist Josh Johnson (auch Electronics), Kontrabassistin Anna Butterss und Drummer/Percussionist Jay Bellerose. Eine Ahnung von dem Geist, der die Platte durchweht, vermittelt eigentlich am besten der Hype-Text auf dem OBI, den ich daher hier wörtlich zitiere:
"Alliterative musical architectures, pattern & unfold effortlessly in intimate, revelatory portrait of genuinely familial, humbly eloquent ensemble rapport.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Wer nach Anhaltspunkten sucht: epische Momente von Can wie You Doo Right gehört durch einen ein halluzinogenen Nebel. Kein Stück ist kürzer als eine Plattenseite, alle bieten hypnotische Grooves unter Musik, die sich entfaltet wie ein aus der Puppe schlüpfender Schmetterling. Aber keine Angst - wir bekommen hier keine theorieschwere Kopfmusik, sondern erstaunlich organisch entstehende Klangskulpturen. Musik zum Zuhören und zum Versinken, live eingespielt in einem Club namens ETA in Highlands Park, L.A., mit sehr schönem Sound: tief gestaffelt und luftig transparent.
8. The Cinematic Orchestra – The Man with a Movie Camera
The Cinematic Orchestra ist ein britisches Projekt um Jason Swinscoe, das Ende der 1990er in London entstand. Die Musik changiert zwischen Jazz, Electronica, Trance, Hip-Hop und orchestraler Filmmusik. Vorwiegend eingesetzt werden dabei Kontrabass, Drums, atmosphärische Streicher, Bläser und Piano, aber auch programmierte Beats, Samples und elektronische Texturen. Der Bandname ist treffend gewählt, denn häufig funktioniert die überwiegend instrumentale Musik mit ihren sich langsam entfaltenden Stücken von epischer Länge wie Soundtracks zu imaginären Filmen.
Einmal aber spielten sie tatsächlich einen Soundtrack ein. The Man with a Movie Camera von 2003 ist die ist die Neuvertonung eines fast 75 Jahre alten Werks der Avantgarde, Dsiga Wertows sowjetischem Stummfilm The Man with a Movie Camera von 1929. Den Auftrag dazu erhielten sie im Jahr 2000 vom Porto Film Festival. Gedacht war das Projekt zunächst als Live-Performance zur Filmvorführung. Dass daraus später eine eigene Veröffentlichung würde, war nicht geplant.
Allerdings arbeitete The Cinematic Orchestra zu dieser Zeit bereits an ihrem Album Every Day, das am Ende ein Jahr vor The Man with a Movie Camera erscheinen sollte. Wer, wie NJF, das TCO mag, dem wird nicht entgehen, dass sich viele musikalische Ideen auf beiden Alben finden. Das Filmprojekt und die Arbeit an Every Day waren eng miteinander verbunden und beeinflussten sich gegenseitig. Beide Platten sind hörenswert, auch klanglich liegen sie nicht weit auseinander. Allerdings sollte man wissen, dass auf Every Day recht häufig gesungen wird, muss ja nicht schlecht sein, während The Man with a Movie Camera rein instrumental ist.
Wenn bei The Man with a Movie Camera das Kino in deinem Kopf anspringt, dann macht deine Anlage etwas richtig.
9. Pentangle – The Pentangle
Meiner Meinung nach spielten Pentangle, anders als ihre Zeitgenossen Fairport Convention, nie Folkrock, obwohl beide Gruppen gerne im selben Atemzug genannt werden. Wenn, dann wohl eher Folkjazz. Auf ihrem Debüt gab es zwar jede Menge Gitarren, aber keine elektrischen. John Renbourn und Bert Jansch waren Virtuosen auf der akustischen Gitarre – bei Renbourn hört man viel Barock, bei Jansch eher Blues. Kontrabassist Danny Thompson und Drummer Terry Cox dagegen kamen aus dem Jazz und sorgten mit ihrem freischwebenden, aber wenn nötig auch mächtig groovenden Spiel für reichlich Luft im Teig des Bandsounds, über dem die englische Nachtigall Jacqui McShee anmutig ihre Pirouetten drehte und gleich im ersten Stück einen Hinweis für die Ewigkeit formulierte:
„Come all you fair and tender girls
That flourish in your prime
Beware, beware, keep your garden fair
Let no man steal your thyme“.
Das Oeuvre der Band sollte recht übersichtlich bleiben, nach sechs Alben löste sich die Originalformation 1972 auf. Besonders ihr Debüt liegt mir am Herzen. Das jazzige Pentangling ist ein Highlight mit einem längeren Instrumentalpart. Was den Klang angeht – Kontrabass und Drums haben wenig Bauch, aber knackigen Impakt.
10. Arctic Monkeys – The Car
Auch die Arctic Monkeys hätte ich ohne meinen Sohn, dieses Mal den älteren, vermutlich nie gehört. Sie starteten als toughe Indie-Rocker, entwickelten sich aber mit den Jahren zu einem universell kompatiblen Ensemble, dessen Alben zunehmend von einem leicht weltmüden, vergangenheitsgesättigten Vibe durchzogen werden. Den vorläufigen Gipfel dieser Entwicklung markiert The Car von 2022, eine Sammlung ruhiger, melodieseliger Tracks mit exquisiten Streicher-Arrangements, man denkt an die mondäne Atmosphäre von Bond-Filmen der 1960er. Frontmann Alex Turner gibt nicht mehr den Indie-Shouter, sondern den elegischen Crooner. Die perfekte Scheibe für einen schweren Roten.
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