Es muss nicht immer MoFi sein - NJFs Plattenempfehlungen für Hörchecks (i)

Veröffentlicht am 7. August 2026 um 21:41

 

NJFs Plattenempfehlungen für Soundchecks

 

Wer sich mit dem Gedanken herumschlägt, neues Equipment zu kaufen, dem drängt sich unweigerlich die Frage nach der Musik auf, die man zur Bewertung der Geräte heranziehen soll. Vielleicht die audiophile Ausgabe einer bekannten Aufnahme von Labels wie Mobile Fidelity (MoFi) oder Analogue Productions? Die kosten allerdings gerne das Doppelte der regulären Pressungen und werden bei Vorführungen dann mit der Ernsthaftigkeit einer religiösen Zeremonie aufgelegt.*

 

NJF rät hier zur Entspannung. Testplatten an sich sind durchaus nützlich, müssen aber nicht audiophil sein. Eine Anlage soll sich schließlich deiner Musik anpassen und nicht deine Musik der Anlage. Wenn du zu Hause Sabbath und Maiden hörst, ergibt es keinen Sinn, Komponenten mit Mobile Fidelitys Brothers in Arms zu testen.

 

Weil es vielleicht einige interessieren könnte, was NJF, immer der selbstlose Arbeiter im Dienste des audiophilen Evangeliums, zum Hörcheck heranzieht, habe ich im folgenden eine breitgestreute Auswahl passender Aufnahmen zusammengestellt. Die Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, muss sich aber dennoch an zwei Kriterien messen lassen:

a) Sie soll Ideen liefern und

b) die Platten müssen reguläre Pressungen ohne audiophilen Hype sein.

 

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1. Rod Stewart – Footloose & Fancy Free:

Rod in der Übergangsphase zum Weltstar. Bald wird er Alben containerweise verkaufen und Stadien füllen, aber hier ist er noch ein echter Rock'n'Roller mit musikalisch reichlich Dreck unter den Fingernägeln, und rehydriert wird mit Bier. Die erste Seite ist stellenweise etwas pubertär (Hot Legs, Born Loose), macht aber Laune durch die entwaffnende Chuzpe Stewarts und seiner Band. Auf Seite 2 wird es ruhiger, jedoch nicht weniger interessant. Ich liebe das Intro von You Keep Me Hangin’ On – ein Lehrstück wie man Dynamik entwickelt, ohne laut zu werden. Sound: Satter 1970er-Klang in Doppelrahmstufe.

 

2. Can - Future Days:

Krautrock goes Ambient, die avantgardistische Radikalität von Tago Mago zeigt sich zugänglicher. Jaki Liebezeits metronomisches Drumming trägt ein Album mit weichen, schwebenden Gitarrenlinien und Damo Suzukis wortlosem, gehauchtem Gesang. Bel Air ist zwanzig Minuten sonnendurchflutete Seligkeit. Der Sound ist luftig, räumlich, aber dennoch substanziell und warm. Liebezeits Schlagzeug auf Bel Air allein lohnt den Kauf.

 

3. Black Sabbath – Black Sabbath:

Von den ersten vier Sabbath-Alben -alle kanonisch- bietet das Debüt den Sound, der mir am besten gefällt. Der Klang beginnt in den Mitten: vollfett, körperhaft, lebensnah. Dazu kommt eine unkomprimierte Direktheit, die für Lebendigkeit sorgt. Die Höhen sind leicht gedeckt, aber wirklich gut klingende Trommeln entschädigen dafür.

 

4. Bob Dylan – Oh Mercy:

Nach Jahren im kreativen Niemandsland mit Alben wie Saved oder Shot of Love fand die alte Nervensäge auf diesem von Daniel Lanois produzierten Album in die Spur zurück. Lanois’ traumhafte, jenseitige Klanglandschaft und oft spärliche Instrumentierung passen perfekt zu den überwiegend melancholischen Stücken wie What Good Am I? und Shooting Star. Sound: für eine Aufnahme von 1989 klingt Oh Mercy erstaunlich „analog“ – atmosphärisch, mittenstark, warm, mit gedeckten Höhen.

 

5. Pink Floyd – Meddle

Es müssen nicht immer Dark Side, Wish You Were Here oder The Wall sein. Auch Meddle überzeugt musikalisch zum großen Teil, besonders auf dem Opener One of These Days und dem 23-minütigen Echoes auf Seite 2. Echoes lebt von Pausen, von entstehenden und vergehenden Klangteppichen. Es zwingt dich beinahe therapeutisch, still zu sitzen und dich fallen zu lassen und es liefert eine Vorahnung von den großen Würfen, die noch kommen sollten. Pink Floyd produzierten das Album selbst, um den Klang kümmerten sich hauptsächlich John Leckie und Peter Bown, die für ein breit angelegtes, hervorragend differenziertes Klangbild sorgten.

 

6. Steely Dan – The Royal Scam

Im Grunde markiert jedes Dan-Album eine Art Benchmark für das technisch Machbare seiner Zeit und bietet sich somit für Hörtests an. Bei Steely Dan stimmte aber nicht nur der Klang (immer!), sondern auch die Musik. The Royal Scam fliegt ein wenig unter dem Radar, man begegnet ihm seltener als Aja und Gaucho, es bietet aber eine ganze Reihe von Killer-Tracks, die allein den Albumkauf rechtfertigen: Kid Charlemagne, The Fez, Haitian Divorce und natürlich das grandiose Titelstück. Dazu kommt eine Riege von Musos aus der absoluten Champions League. Ist Chuck Rainey der beste Bassist aller Zeiten? Hört The Royal Scam und entscheidet selbst. Sound: perfekt durchhörbar; griffiges, körperhaftes Low End gepaart mit detailliertem, aber wirklich nie überbelichtetem Mittel- und Hochton.

 

7. Return to Forever – Romantic Warrior

Da wir schon bei maßstabsetztenden Musikern sind: Nicht jeder aus der Elite der New Yorker und L.A.-Fusion-Szene schaffte es auf Steely-Dan-Alben. Einige davon formten lieber ihre eigenen Gruppen. Unter dem Bandnamen Return to Forever lieferten Chick Corea, Al Di Meola, Stanley Clarke und Lenny White auf Romantic Warrior ein vertracktes, hyper-komplexes und komplett instrumentales Fusion-Meisterwerk. Das Cover und die Titel der Kompositionen (Medieval Overture, Sorceress, The Magician etc.) suggerieren einen mittelalterlichen Bezug, den ich in der Musik nicht wirklich wiederfinde, aber egal. Trotz der fast schon einschüchternden Virtuosität ist das Album erstaunlich zugänglich und manchmal macht es ja auch schlicht Spaß zu hören, was einige Leute so können. Romantic Warrior ist eine Art Cirque du Soleil für die Ohren. Sound: Sehr antrittsschnell und ähnlich perfekt austariert wie bei Steely Dan. Gut, um das Timing einer Anlage zu checken.

 

8. Peter Green – In the Skies

Nach seinem Ausstieg bei Fleetwood Mac 1970 geriet Peter Green für Jahre ins Abseits. In the Skies von 1979 war sein sanftes, melancholisches Lebenszeichen. Formal ist In the Skies kein Blues-Album, aber in den meisten Stücken finden sich zumindest Spuren eines bluesigen Weltschmerzes – sogar in den Titeln, in denen Greens Religiosität zum Ausdruck kommt (Seven Stars, Apostle) oder das lässig groovende Funky Chunk – die der Platte eine meditative Atmosphäre und gewisse Verletzlichkeit verleihen. Dazu passt der Sound: warm, vollmundig, niemals vorlaut, dennoch dynamisch.

 

9. Paul Horn Quintet – Something Blue 

10. Blue Mitchell Sextet – Blue Soul

Klar, dass ich eine Liste von Plattenempfehlungen nicht ohne Hard Bop abschließen kann. Die spanische Reissue-Linie Jazz Workshop veröffentlicht seit Jahren Perlen aus den Katalogen längst verblichener Jazz-Labels. Paul Horns Something Blue etwa fand sich ursprünglich auf dem kalifornischen Label HiFi Jazz, während Blue Soul bei Riverside erschien. Beide Alben bieten im positiven Sinne mainstreamigen Jazz mit Massenappeal, allerdings weist Something Blue eindeutig modale Züge auf und besitzt durch den häufigen Einsatz von Horns Flöte und Emil Richards’ Vibrafon einen kühleren, leicht intellektuellen Charakter, während Blue Soul Hard Bop reinsten Wassers ist. Sound: Jazz-Veröffentlichungen aus den frühen 1960ern hatten generell einen anspringenden, direkten Klang und das gilt auch für diese beiden Alben. Wenn hier etwas nicht stimmt, dann liegt es garantiert am Equipment, nicht an der Aufnahme.

 

 

*Dahinter mag keine böse Absicht stecken, doch solche Handlungen haben einen soziologischen Nebeneffekt: Das Ritual dient der eigenen Vergewisserung innerhalb der Gruppe. Nach außen hin wirkt es jedoch bizarr und erhöht die Hemmschwelle für jeden, der unbefangen in die Audio-Bubble blickt. Das ist nicht unwichtig, die Audioszene klagt schließlich immer wieder über ihre zunehmende Geriatrisierung. Noch ist ja nicht zu spät, etliche namhafte Hersteller haben bis heute überlebt, sogar einige neue sind dazugekommen. Dennoch bietet die Demographie der Szene Anlass zu dunklen Gedanken.

 

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