An den Børresen X3 duellierten zwei Lautsprecherkabel. Mehr dazu unten.
Sonntagnachmittage sind besonders gefährlich. Ein Aktivitätsvakuum gähnt uns an, der sich bietende Gestaltungsspielraum kann schnell überfordern. Eine beliebte und häufig praktizierte Möglichkeit, existenzielle Leere zu füllen, ist der Griff zum Smartphone. Aber ganz ehrlich? Die Vertreibung der Leere funktioniert so nicht. Im Gegenteil, das Handy öffnet eine Hintertür, durch die sich die Stunden unbeobachtet aus deinem Leben stehlen. Du merkst es zu spät: wenn die Zeit plötzlich weg ist, ohne dass du sie jemals wirklich wahrgenommen hättest.
Der audiophile Dude mag heute ein Anachronismus sein, eine Lachnummer aus dem technischen Mesozoikum, der kostbaren Wohnraum noch mit einer sogenannten Anlage zustellt, von Bühnendarstellung und realistischen Mitten faselt und atemlos der Optimierung eines Klangs hinterherhechelt, an dem andere bei bestem Willen nichts auszusetzen finden. Aber in den stillen Seitenarmen der Zeit, in die wir alle mal geraten, an den Sonntagnachmittagen, da hat er einen echten Vorteil: er kann nämlich Komponenten vergleichen und Klangtests durchführen. Sie treten in verschiedenen Ausprägungen auf. Ähnlich wie beim Bergsteigen gibt es auch unter den Vergleichstests eine Königsdisziplin, an die sich nur Hartgesottene wagen: Der Kabeltest ist der K2 der Audiophilie.
Nichts vertreibt die quälenden Fragen nach dem Sinn des Lebens so zuverlässig wie die Suche nach der luftigeren Bühnenabbildung. Mein Kaarster Audio-Buddy Marco hatte vom HiFi-Händler (Dealer?) seines Vertrauens eine kostbare Leine für seine Lautsprecher zum unverbindlichen Probelauf zu Hause mitbekommen. Aber war dieses erlesene Kabel eines prominenten Herstellers auch wirklich besser als Marcos eigenes, etwas weniger erlesenes Kabel eines anderen prominenten Herstellers? So etwas ist gar nicht einfach herauszufinden, denn wenn du alleine wiederholt zwischen verschiedenen Komponenten (egal, welcher Art) umverkabeln musst, vergeht häufig so viel Zeit zwischen den Musiktiteln, dass deine akustische Erinnerung zu verblassen droht und du am Ende gar nicht mehr weißt, was Sache ist. Also bot der berühmte NJF selbstlos seine Mitarbeit an. Ziel war es, mit einer möglichst objektiven Versuchsprozedur der Frage auf den Grund zu gehen, ob es überhaupt einen signifikanten klanglichen Unterschied zwischen Lautsprecherkabeln gibt und wenn ja, ob sich damit eine erhebliche Investition in ein teures Kabel rechtfertigen lässt. Ich sollte mit ein paar Platten vorbeikommen.
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Bei der Musikauswahl ließ ich mich von der Prämisse leiten, dass ein kommerziell erhältliches Lautsprecherkabel, egal zu welchem Preis, prinzipiell in der Lage sein sollte, alle Frequenzen des Audiobandes gleichmäßig zu übertragen, also eben nicht als Filter zu wirken. Einen Unterschied erwartete ich am ehesten in der Fähigkeit, räumliche Verhältnisse in der Aufnahmesituation herauszuarbeiten. Im Gepäck hatte ich daher zwei Aufnahmen mit einem ausgeprägt räumlichen Klangbild: The Invention of Animals des John Lurie National Orchestras und Tom Waits’ Blood Money, dazu noch einen Klassiker aus dem Katalog von Blue Note: Das Sonny Clark Trio in der Tone-Poet-Ausgabe. Getestet wurden zwei Kabel: Marcos eigenes gegen die Leine des Händlers. Ich habe selbst auch einige Kabel, wollte aber keine weiteren Variablen ins Spiel bringen und den Test unnötig verkomplizieren.
Zur Prozedur: Marco kümmerte sich um die praktische Durchführung des Versuches. Ich durfte es mir im Sweet Spot gemütlich machen, hatte aber keine Ahnung, welches Kabel angeschlossen war. Die Kabel waren versteckt hinter Anlage und Boxen verlegt, selbst ein versehentlicher Blick hätte mir nichts verraten können. Aber ein Täuschungsversuch wäre mir ohnehin nie in den Sinn gekommen, wir wollten ja eine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem unergründlichen Kabelklang. Wir hörten ein Stück, dann wurde das Kabel gewechselt, und das Stück erneut abgespielt. Dass wir die Lautstärke konstant hielten, versteht sich von selbst.
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Den Anfang machte Men With Sticks von John Luries Album, eine minimalistische Aufnahme mit Lurie auf dem Altsaxophon und zwei Schlagwerkern: dem Drummer Grant Calvin Weston und dem Percussionisten Billy Martin. Musikalisch haben wir es mit einer reduzierten Version von Luries alter Combo Lounge Lizards in deren Spätphase zu tun, also ab No Pain for Cakes. Geblieben ist Luries Saxophon, aber anders als bei den Lizards ist er nicht mehr Teil eines Ensembles, sondern scheint sich wie ein Entdecker alleine durch fremde rhythmische Landschaften vorzutasten. Das verleiht der Musik etwas Kontemplatives und Offenes.
Und offen ist auch der Begriff, den ich in meinen Hörnotizen verwendet habe, um einen kleinen, aber vernehmlichen (wirklich? Mehr dazu unten!) Unterschied zwischen den Kabeln zu formulieren. Vorweg: es öffneten sich keine neuen Welten, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Verglichen mit dem für sich gehört absolut fehlerfreien Kabel 1 schien mir Kabel 2 einen leichten Hof von Dreidimensionalität um die Instrumente zu bauen, den ich sehr attraktiv fand, der Klang wirkte dadurch minimal besser durchleuchtet. Die Runde ging knapp an Kabel 2.
Vor dem nächsten Stück wurde die Anlage neu verkabelt, aber natürlich wusste ich nicht, wie. Ähnlich wie John Lurie oben schafft auch Tom Waits auf seinen Alben eine ganz eigene Klangästhetik, eine Art akustisches Gegenstück zu Photographien von Lost Places. Bei Waits wirken Instrumente oft alt, improvisiert oder beschädigt. Der Klang seiner Alben trägt Patina. Ich mag ihn, weil er im Kopf Bilder von seltsamen Gestalten, abgeblätterter Eleganz und welker Schönheit entstehen lässt. Meine Eindrücke bei All the World is Green ähnelten denen bei Men With Sticks, nur sah ich hier leichte Vorteile bei Kabel 1, der Raum zwischen den Instrumenten und Tönen schien besser erfassbar.
Ich war aber nicht nur da, um meine eigene Musik zu hören. Wenn Kabel einen echten Unterschied machen, dann sollte es egal sein, was läuft. Marco legte eine Platte mit echter audiophiler Street Cred auf, das Titelstück der MoFi-Ausgabe von Alan Parsons I Robot. Audiophil oder nicht, hier fiel es mir am schwersten, einen Unterschied auszumachen. Gegen Ende des zweiten Durchgangs glaubte ich, einen kleinen Vorteil bei Kabel 2 zu hören.
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Inzwischen war gut eine Stunde vergangen und wir hatten intensiv und mit offener Geisteshaltung versucht, klangliche Eigenschaften zweier Lautsprecherkabel zu identifizieren. Wir beendeten den Test, weil wir das Gefühl hatten, dass weitere Vergleiche keine neuen Erkenntnisse mehr bringen würden. Ich kann jetzt verraten, dass es sich bei Marcos Kabel um das Inakustik Calypso und bei der Leihgabe um Audioquests Rocket 88 handelte, dem ich ja bei HiFi-Klubben schon begegnet war.
Fürs Protokoll (fettgedruckte Kabel im Vorteil beim Klangvergleich):
Track 1 (John Lurie): Kabel 1 = Rocket 88; Kabel 2 = Calypso
Track 2 (Tom Waits): Kabel 1 = Calypso; Kabel 2 = Rocket 88
Track 3 (Alan Parsons): Kabel 1 = Calypso; Kabel 2 = Rocket 88
Ich hatte also bei Tom Waits und John Lurie leichte Vorteile bei Marcos Inakustik Calypso gesehen, die Runde mit Alan Parsons dagegen ging ans Rocket 88.
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Was schließe ich daraus? Haben wir etwas gelernt? Ich denke schon, zumindest sind mir einige Dinge klarer geworden:
Erstens – trotz aller methodischen Sorgfalt sind die Ergebnisse selbst für mich kaum reproduzierbar. Die Klangunterschiede, wenn sie überhaupt existieren, sind marginal. Möglich, dass ich sie mir nur eingebildet habe und mich beim nächsten Hördurchgang anders entscheiden würde. Auch möglich, dass mir das Calypso bei Waits und Lurie schlicht besser gefiel und das Rocket 88 bei Alan Parsons.
Zweitens – lohnt sich der Kauf eines teuren Kabels? Hier wird die Sache schwierig. Zum einen sind Kabel immer Teil einer Kette; was für Marcos Anlage mit seinem bärenstarken Atoll IN-200 an den Børresen X3 gilt, kann an einer 300B-Röhre mit einer Tannoy Westminster Royal ganz anders aussehen. Man sollte zwar davon ausgehen dürfen, dass alle Teile einer modernen Anlage technische Mindeststandards erfüllen, dennoch dürfte es zwischen bestimmten Komponenten Synergie-Effekte geben. Da aber die wenigsten zu Hause entsprechende Messegeräte zur Hand haben oder über das nötige Hintergrundwissen verfügen, führt kein Weg an einem praktischen Selbsttest vorbei.
Ich habe den Eindruck, dass bei einem Kabel vor allem die drei Größen Widerstand, Induktivität und Kapazität entscheidend sind. Die Qualität des Dielektrikums und die Konstruktion sind insofern relevant, als sie diese Parameter mitbestimmen. Passen diese Größen, dürfte ein 100-€-Kabel klanglich einem 10.000-€-Kabel nicht nachstehen. Passen sie nicht, können auch exotische Materialien und aufwendige Konstruktionen die physikalischen Nachteile nicht ausgleichen.
Andererseits will ich niemanden davon abhalten, mit teuren und teuersten Kabeln zu experimentieren. Den haptischen Vergleich mit dem Calypso gewinnt das Rocket 88 locker. Ein edles Kabel in Manufakturqualität mag klanglich nicht zwingend erforderlich sein, herausgeworfenes Geld ist es nicht. Es ist ein Luxusgut, klar, aber wie alle anderen Luxusgüter vermittelt es etwas, das über reine Funktionalität hinausgeht: Besitzerstolz.
Fazit: Dass Klangunterschiede durch Lautsprecherkabel, ihre messtechnische Eignung vorausgesetzt, nicht über Gedeih und Verderb einer Anlage entscheiden, hatte ich immer geahnt. Dennoch war ich vor diesem Test einigermaßen zuversichtlich, zwischen einem solide konstruierten, aber im Marktkontext preiswerten Kabel und einem elaborierteren Produkt mit deutlich höherem Anspruch einen kleinen, aber feinen Unterschied hören zu können. Die Zuversicht war unbegründet. Keines der beiden Lautsprecherkabel konnte in diesem relativ sorgfältigen Test einen reproduzierbaren Vorsprung erzielen. Wenn überhaupt, dann schien das deutlich preiswertere Inakustik Calypso leicht im Vorteil zu sein.
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