Helden und Raketen - Kabeltest in der Landeshauptstadt

Veröffentlicht am 20. März 2026 um 23:02

Links: Die Klubben-Filiale auf der Berliner Allee. Rechts: Anschlussterminal von DALIS Epikore 3.

Links: die DALI Epikore 3 mit Streaming Amp und Kabelsalat im Hintergrund. Rechts: Der TDAI-2210 von Lyngdorf kann was.

Das Braveheart (rechts) ist aufwendiger konstruiert als das Rocket 88 und kostet mehr als das Dreifache, klingt aber höchstens 1,01 mal so gut.

 

März 2026: Keine einfache Zeit für den um Anstand und aufrechte Moral bestrebten audiophilen Dude. Chaos im Nahen Osten, Turbulenzen an den Finanzmärkten und nationalistische Tendenzen, die selbst abgeklärte Stoiker aus dem Gleichgewicht bringen. Da hatte man geglaubt, sich gegen die gängigen Idiotien des Lebens immunisiert zu haben, und wird dann doch wieder überrumpelt.

 

Zum Glück gibt es Trost auch in den dunkelsten Stunden. Wir können zwar die Straße von Hormus nicht offenhalten, aber wenigstens dafür sorgen, dass Elektronen, Einsen und Nullen freie Fahrt durch unsere Audioketten haben. Nur wie? Der beste, vermutlich einzige, Weg, das herauszufinden, ist der gewissenhafte Vergleich verschiedener Kabel. Und genau das konnten wir am 18. März tun, dank des amerikanischen Kabelherstellers AudioQuest, der in der Düsseldorfer Filiale von HiFi Klubben eine Vorführung seiner Lautsprecher- und Digitalkabel veranstaltete. Ein Kabeltest! Man hat nicht wirklich gelebt, bis man einen gemacht hat.

 

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Wer ist AudioQuest? Wenn man von Kabelherstellern spricht, denkt man unweigerlich an dunkle Künste, an allerlei Anbieter von Scharlatanerie, an Quacksalber und Mystiker, doch keine Sorge: AudioQuest steht fest im Hier und Jetzt. Sie haben sogar ein Whitepaper veröffentlicht, das die Prinzipien hinter ihren Kabeln für technisch Interessierte darlegt.

 

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Ziel ist es, das blütenweiße Audioband vor dem Einfall hochfrequenter Partisanen zu schützen, denen man heute überall begegnet. Dazu benutzen sie bei AudioQuest etwas, das sie „Zero-Tech“ nennen. Diese Technik soll die Wechselwirkung zwischen den Isolatoren der positiven und negativen Leiter minimieren und so verhindern, dass eine charakteristische Impedanz entsteht… Okay, so genau wollten wir es dann doch nicht wissen!

 

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Vorgeführt wurden zwei Kategorien von Kabeln: erstens eine Reihe von LAN-Kabeln, bei denen gestandene Physiker sich absolut nicht vorstellen können, dass sich auch nur den geringsten Einfluss auf die Audioqualität ausüben und zweitens einige Lautsprecherkabel.

 

Gehört wurde über eine Kette aus dem Lyngdorf TDAI-2210 Streaming-Verstärker und DALI Epikore 3 Lautsprechern. Als Quelle diente das Mobiltelefon von AudioQuest-Mann Thijs, der uns auch gutgelaunt durch die Veranstaltung führte. Alle Kabel wurden in preislich aufsteigender Reihenfolge präsentiert. Es gab jeweils eine Minute Musik, dann 10 Sekunden Wiederholung, danach wurde umgestöpselt. Bei den LAN-Kabeln hatten wir ein generisches Modell (lag dem Gerät bei), das AQ Pearl (45€), Forest (100€) und Cinnamon (120€). Bei den Speakerkabeln gab’s das Rocket 88 (1500€), den Lone Ranger (3300€) und schließlich das Braveheart (5650€), alle Preise gelten jeweils für das 3m-Paar.

 

Wir starteten mit dem Vergleich der LAN-Kabel. Gespielt wurden einige Tracks, die ich nicht kannte und zu denen ich hier nicht viel sagen kann. Um es kurz zu machen: ich habe keinen Unterschied hören können. Zunächst glaubte ich beim Wechsel vom beigelegten Kabel auf das Pearl einen minimalen Gewinn an Klarheit und Definition zu hören, dann nichts beim Wechsel zum Forest und erneut eine kleine Verbesserung beim Cinnamon. Aber: als wir nach dem Cinnamon wieder zum beigelegten Kabel zurückkehrten, erwartete ich, dass der Klang irgendwie kollabieren würde. Das passierte jedoch nicht, vielmehr konnte ich keinen signifikanten Unterschied ausmachen. Wenigstens gaben sich alle AQ-Kabel, auch das Pearl, Mühe, nicht nach einem 50-Cent-Artikel auszusehen, wie etwa das beigelegte Freebie. Zudem wirken sie solide und wertig konstruiert, was für die Langzeitstabilität gut sein dürfte. Also: sollte ich mich jemals in der Situation befinden, dass ich einen Streamer per Kabel mit einem Netzwerk verbinden möchte, dann würde ich vermutlich zu etwas wie dem Pearl greifen, wenn auch die Gründe mehr ästhetischer als technischer Natur sind.

 

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Beim Test der Lautsprecher-Kabel hörten wir den Titel Ashes in the Key of Blue von einem Musiker namens Morgan Luna. Es handelt sich dabei um einen dieser typischen high-endig produzierten Moll-Blues, wie man sie im Dutzend auf jeder HiFi-Messe von Leuten wie Blues Company oder Stevie Ray Vaughan hört. Würde ich nicht zwingend zu Hause auflegen, aber wenigstens ist das Musik, an der jede(r) seinen ästhetischen Kompass einnorden kann.

 

Schon das Rocket 88, das preislich ja bereits über vielen ordentlichen Komponenten liegt, ließ nie den Eindruck aufkommen, dass dem Klang etwas fehlte. Wie auch, bei einer Kombi, die unverkabelt bereits stramm auf die 15k€ zusteuert? Vermutlich hätte man hier mit einer 2x2.5mm2-Leine von der Rolle starten können und es hätte dennoch gut geklungen. Mit dem Rocket 88 klang es jedenfalls sehr gut, keine Frage. Und es wurde auch nicht merklich übertroffen vom doppelt so teuren Lone Ranger. Erst beim Wechsel auf das Braveheart meinten einige im Auditorium, eine Verbesserung in Form erhöhter Durchzeichnung und Plastizität zu hören. Ich allerdings gehörte nicht dazu, wobei ich noch ergänzen muss, dass mein Sitzplatz, relativ weit hinten links, kaum eine Beurteilung der Stereoabbildung zuließ. Wenn ich überhaupt etwas beurteilen konnte, dann eher die tonale Balance, wo sich ja wirklich nichts tun sollte, solange Kabel nicht als Filter wirken (sie wären in dem Fall per Definition kein HiFi mehr), und vielleicht noch die Auflösung feinster Details.

 

Außerdem war ich an dem Tag ziemlich müde und konnte mich teilweise kaum auf die Vorführung konzentrieren. Aber dennoch: für mich war die Leistung des Rocket 88 absolut ausreichend. Einen echten Mehrwert durch Lone Ranger und Braveheart konnte ich zumindest in dem Kontext dieser Anlage nicht hören. Vielleicht wäre das bei teureren Set-Ups anders, denn man kann AudioQuest nicht vorwerfen, für einen höheren Preis nicht auch größeren materiellen und konstruktiven Aufwand zu bieten; von der Firma wird zumindest keine pure Abzocke betrieben.

 

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Man sollte sich eine erhebliche Kabelinvestition ernstlich überlegen: ab einem gewissen Niveau, und das liegt wahrscheinlich preislich noch deutlich unter dem Rocket 88, macht sich technischer Aufwand bei Lautsprecherkabeln zwar garantiert beim Preis bemerkbar, aber nicht zwingend beim Klang. Da liegen wir, wenn sich überhaupt etwas tut, im Bereich homöopathischer Nuancen.

 

Trotzdem halte ich die Käufer von Kabeln wie dem Braveheart nicht für fehlgeleitete Deppen. Auch wenn es lächerlich klingt: Tatsächlich hört man am Ende das, was man zu hören glaubt. Nenne es Placebo-Effekt oder wie auch immer, zu dem Thema gibt es inzwischen eine Reihe von Untersuchungen. Vereinfacht gesagt: Das Ohr liefert nur die Rohdaten, der eigentliche Klang entsteht im Gehirn und ist eine Aufsummierung vieler Sinneswahrnehmungen und Rechenleistungen1, denn manchmal nimmt sich unser Hirn auch die Freiheit, vermeintlich fehlende Frequenzen selbstständig zu ergänzen. Das passiert zum Beispiel beim Phänomen der sogenannten missing fundamental2, wo Probanden aus einer Reihe von Obertönen einen Grundton heraushörten, der im ursprünglichen Signal nicht enthalten war.

 

Das führt uns zu einer Schlussfolgerung, die eigentlich pervers ist: wenn du dir ein Kabel für 2000 Ocken holen willst, nur zu! Am Klang deiner Anlage wird es nichts ändern, aber du wirst eine Verbesserung hören. Vielleicht gewinnst du so ein paar Momente stiller Zufriedenheit, kleine Feuerpausen im täglichen Abnutzungskrieg des Lebens. Und die sind unbezahlbar.



 

 

1: Zu dem Thema gibt’s eine Reihe von Artikeln. Hier eine kleine Auswahl:

 

The placebo effect and the influence of participant expectation on hearing aid trials

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21730857/

 

The How Do Our Brain’s Expectations Influence What We Hear?

https://thehearinginstitute.org/how-do-our-brains-expectations-influence-what-we-hear/

 

Der Lautsprecherhersteller Teufel hat zu dem Thema einen guten Blog-Artikel:

https://blog.teufelaudio.com/auditory-illusions/

 

Die Youtuber AsapSCIENCE haben dazu einen kurzen, interessanten Film produziert:

https://www.youtube.com/watch?v=kzo45hWXRWU&t=102s

 

2: https://en.wikipedia.org/wiki/Missing_fundamental



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