Herbie Nichols – The Herbie Nichols Trio
Blue Note BLP 1519; 08/1955; 04/1956*; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Herbie Nichols – p; Al McKibbon, Teddy Kotick* – b; Max Roach – ds
Side A:
1) The Gig
2) House Party Starting
3) Chit-Chatting
4) The Lady Sings the Blues
5) Terpsichore
Side B:
1) Spinning Song*
2) Query*
3) Wildflower*
4) Hangover Triangle
5) Mine*
Mein erster Impuls bei diesem Bericht über Herbie Nichols war zu schreiben, dass ihn heute kaum noch jemand auf dem Schirm hat. Absolut betrachtet mag das sogar stimmen: Das Herbie Nichols Trio kommt gegenwärtig auf gut 2.500 monatliche Hörer beim bekannten Streamingdienst. Aber eigentlich war Nichols schon immer obskur – und zu seinen Lebzeiten sogar noch mehr.
Im kurzen Zeitfenster seiner Aufnahmetätigkeit für Blue Note, den Jahren 1955 bis 1956, interessierte sich nämlich fast niemand für seine Musik. Dabei hatte Nichols mit seinen Kompositionen Alfred Lion so nachhaltig beeindruckt, dass dieser ihn gleich fünfmal ins Studio bat, und das sogar ohne den sonst beinahe obligatorischen Umweg über eine Sideman-Session. Das Resultat waren die beiden 10″-Alben The Prophetic Herbie Nichols Vol. 1 & 2 (BN 5068 und 5069) sowie die hier besprochene BLP 1519 The Herbie Nichols Trio.
Heute mögen die Alben von Nichols noch immer nicht in vielen Regalen stehen, aber sein Ruf hat ab den späten 1980ern eine Renaissance erlebt. Inzwischen gilt er als Genie, seine Musik als so wegweisend und ihrer Zeit voraus, dass Mosaic Records Ende der 1980er sogar eine wirklich sorgfältig produzierte Ausgabe seiner gesamten Aufnahmen für Blue Note veröffentlichte.
Zurück zu BLP 1519: Auch wenn Alfred Lion große Stücke auf Nichols hielt, blieb The Prophetic Herbie Nichols Vol.1 & 2 der kommerzielle Durchbruch versagt. An der Musik konnte es nicht gelegen haben. Woran dann? Verstand das breite Jazz-Publikum noch nicht, wie Nichols tickte und fand deshalb keinen Zugang zu seiner Kunst?
In solchen Fällen kann es aufschlussreich sein, wenn der betreffende Künstler sich selbst erklärt. Beim notorisch schweigsamen Thelonious Monk oder bei Bud Powell hätte Alfred Lion mit der Bitte, dass der Musiker selbst die Liner Notes zu seinem Album schreiben möge, wohl auf Granit gebissen. Aber Herbie Nichols war offen und sprachgewandt genug, um sich darauf einzulassen.
Tatsächlich lohnt sich bei Herbie Nichols Trio das Studium der Liner Notes ganz besonders, denn wir erfahren wirklich, was Nichols sich bei den Stücken gedacht hat, wodurch sie inspiriert wurden. Dabei wird allerdings auch schnell klar, dass Nichols die Dinge aus einem ziemlich schrägen Winkel betrachtete, mit seiner Musik einen hohen künstlerischen Anspruch verfolgte und keineswegs gewillt war, auf einer Veröffentlichung unter seinem Namen Kompromisse zu machen.
Daher ist kompromisslos auch ein Begriff, der die Platte gut trifft: Nichols’ künstlerischer Anspruch wird weitgehend eingelöst, aber leider geht es den meisten Hörern beim Musikhören weniger um Kunst als um gute, zugängliche Unterhaltung, die nie so anstrengend sein darf, dass man darüber sein Bier vergisst. So blieb auch bei Herbie Nichols Trio der wirtschaftliche Erfolg weit hinter der Qualität der Session zurück, und danach war für Nichols bei Blue Note Schluss.
****
Wenn ich die Platte auflege, dann verstehe ich sowohl, warum Lion dieser Musik unbedingt eine Chance geben wollte, als auch, warum sie kommerziell durchfiel. Einerseits wirkt sie sogar heute noch frisch, weil sie sich gegen einfache Kategorisierung sperrt und radikal von dem abweicht, was man im Jazz sonst so zu hören bekam. Andererseits hat sie für mich, obwohl sie immer swingt, einen ausgeprägt intellektuellen Charakter. Sie ist nicht wirklich schwer, fordert aber den Hörer heraus.
Denn musikalisch kannte Nichols keine Grenzen. Er begriff sich als Teil einer Jazz-Tradition im beständigen Wandel und holte sich seine Inspirationen nicht nur in der Jazz-Geschichte (die er sehr genau studiert hat), sondern auch bei Klassikern von Bach und Beethoven bis Stravinsky, Bartók und Hindemith. Dementsprechend unkonventionell klingt das Album. Überall gibt es Kanten, Widerhaken und unerwartete Wendungen. Über The Gig zum Beispiel, mit seinem hyper-komplexen Thema, schreibt Nichols: "The 67-bar chorus speaks of the 'vonce' and avant-garde happenings."
Vonce, ich kannte es auch nicht, war ein Slangwort der Bebop-Subkultur und bedeutete soviel wie hipper shit, das gewisse Etwas, das nur Eingeweihte verstehen. Man darf also gespannt sein. Und die avant-garde happenings finden sich dann wohl in der Form: Ein Chorus von 67 Takten ist für die damalige Zeit geradezu unerhört und ein Albtraum für unvorbereitete Musiker. Zum Vergleich: Ein Chorus eines normalen Jazz- oder Pop-Songs in den 1950ern basierte fast immer auf der klassischen AABA-Struktur mit exakt 32 Takten (bars). Das war der Standard, über den jeder blies. Nichols hatte damit nichts am Hut.
Zum Glück müssen wir nicht mitspielen, sondern nur zuhören. Trotz seiner seltsamen melodischen und rhythmischen Schlenker besitzt The Gig, ähnlich wie Titel von Monk, eine innere Logik, die so stimmig wirkt, dass man die eigenwillige Form gar nicht bemerkt. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Monk ist die Prägnanz der Melodien. Ich will hier nicht von Eingänglichkeit reden, Gassenhauer wie Autumn Leaves finden wir auf Herbie Nichols Trio nicht, dennoch prägen sich die Titel mit ihren manchmal bizarren Intervallen und Skalen nach ein paar Durchgängen ein.
Die überdurchschnittlich komplizierten Songstrukturen dürften allerdings eine hohe Hürde beim Solieren gewesen sein und so finden sich auf dem Album neben relativ häufigen Breaks von Max Roach fast nur Soli des Leaders, und selbst der bleibt dabei so nah an der Melodie, dass man eher von Variationen über ein Thema als von Soli im klassischen Sinne reden kann.
Obwohl sich die meisten Titel auf The Herbie Nichols Trio zwischen Mid- und Uptempo bewegen, ist besonders Seite 1 abwechslungsreich genug, um Langeweile zu vermeiden. Jedes Stück bietet eine andere Atmosphäre und man wartet fast mit Spannung darauf, was Nichols als nächstes aus seiner Wundertüte holt. Beispiele? The Gig erzählt von einer Jazzgruppe, die erst aneinander vorbeispielt, aber schließlich zusammenwächst. Auch die Musik muss sich zunächst sammeln, entwickelt dann aber einen mitreißenden Swing voller fiebriger Energie und eingestreuter musikalischer Andeutungen. Chit-Chatting ist noch stürmischer, aber dunkler. Ein wilder Ritt durch die Musikstile, von Stride bis Avant-Garde, zusammengehalten durch einen moll-schweren, stentorischen Lauf der linken Hand, der das komplette Stück durchzieht. Lady Sings the Blues klingt da schon entspannter, fast konventionell. Der Titel wurde zu seiner bekanntesten Komposition, viele kennen ihn von Billie Holiday, die einen Text beisteuerte und ihn ein Jahr später aufnahm. Nichols spielt ihn hier etwas schneller als bittersüße Instrumentalnummer.
Erst gegen Ende des Albums stellt sich dann doch ein Gefühl des Déjà-entendu ein. Ein wenig hat man sich sattgehört an all den Finten und Volten, am erwartbar Unerwarteten. Auch wenn die Stücke unterschiedliche Charaktere haben: die Dramaturgie folgt stets demselben Muster. Es gibt eine Einleitung auf dem Klavier, gefolgt von einen Trommelwirbel, fast wie bei einem Zirkusakt, dann setzt das eigentliche Thema ein.
Ein Wort zur Rhythmusgruppe: Nichols mochte sowohl Al McKibbon und Teddy Kotick am Bass, aber sie liefern hier nicht mehr als ein solides Fundament für die Musik. Anders dagegen Max Roach: er wirkt fast als musikalischer Co-Architekt, der nicht einfach nur einen Beat trommelt, sondern mit Nichols einen echten Dialog führt. Auf jede Phrase von Nichols reagiert er mit einer Gegenbewegung oder einem Kommentar. Sein Spiel erinnert mich an ein Metronom, das ständig dazwischenredet: gleichzeitig präzise und enorm wach, mit ausgeprägtem Sinn für Schabernack.
****
Herbie Nichols sah auch diese Session nur als eine Momentaufnahme, ein Zwischenstadium in der Evolution des Jazz. Für die Zukunft erwartete er ungeahnte Möglichkeiten und umwälzende Veränderungen. Seine Liner Notes zu BLP 1519 deuten an, dass er sich vorstellte, daran mitzuarbeiten, doch Alfred Lion sollte ihn nicht mehr als Leader ins Studio holen. Sein letztes Album spielte er ein Jahr später für Bethlehem ein, aber auch Love, Gloom, Cash, Love erging es nicht besser als seinen Aufnahmen für Blue Note: von einigen Kritikern respektiert, vom Publikum weitgehend unbeachtetet. Herbie Nichols starb im Jahr 1963 an Leukämie, völlig mittellos und gerade einmal 44 Jahre alt.
Fazit: Ein irrer Wechselbalg! Herbie Nichols Trio bietet kantige Musik mit vorher ungehörten harmonischen Facetten und einer kompromisslos neuen Architektur, in der verschiedenste Epochen der Musikgeschichte als ferne Echos nachhallen. Das Album war seiner Zeit weit voraus und ging kommerziell unter – aber wer sich darauf einlässt, findet hinter den ungewohnten Strukturen radikal eigenständige Melodien. Die exzellente Rhythmusgruppe mit Drummer Max Roach sorgt dafür, dass die Musik trotz ihrer Komplexität nie vergisst zu swingen.
Musik: ****1/2
Sound: Die Platte wurde an zwei Terminen eingespielt, besticht aber durchgängig mit wirklich kraftvollem, präsentem Mono-Sound.
Verfügbarkeit auf Vinyl: im Sommer 2026 zu haben als Teil der Tone Poet Series. Ich habe diese Ausgabe noch nicht gehört, aber viel Gutes darüber gelesen, die ca. 40€ dürften gut angelegtes Geld sein. Meine Pressung von Toshiba aus den späten 1980ern ist allerdings auch schon so überzeugend, dass man sich fragt, was da noch besser gehen soll.
P.S.: Persönlich halte ich Herbie Nichols Trio für essenziellen Nichols. Aber wer danach auf den Geschmack gekommen ist, kann inzwischen auch The Prophetic Herbie Nichols Vol. 1 & 2 wieder bekommen. Blue Note hat die ursprünglichen 10"-Alben mit Art Blakey an den Drums (interessanter Kontrast zu Roach) im Rahmen der Classic Vinyl Reissue Series auf einem 12"-Album vereint – im Gatefold, damit die coole Gestaltung beider Cover nicht verloren geht.
Kommentar hinzufügen
Kommentare