Jackie McLean - Capuchin Swing

Veröffentlicht am 6. Februar 2026 um 23:55

Jackie McLean – Capuchin Swing

Blue Note BST-84038; 04/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Jackie McLean – as*; Blue Mitchell – tp*; Walter Bishop Jr. – p; Paul Chambers – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) Francisco*

2) Just For Now*

3) Don’t Blame Me

 

Side B:

1) Condition Blue*

2) Capuchin Swing*

3) On The Lion*

 

Capuchin Swing aus dem Jahre 1960 war McLeans dritte Veröffentlichung als Leader bei Blue Note. Noch ist er ein paar Jahre von freieren Alben wie Let Freedom Ring (1962/63) oder Destination… Out! (1964) entfernt, und die Musiker auf diesem Date sind sämtlich gestandene Hard-Bopper. Aber in seiner Musik, besonders in den Soli, scheint hier schon eine ruhelose, suchende Qualität angelegt zu sein, die ihn später zum Aufbruch in neue musikalische Welten bewegt hat.

 

Begleitet wird er auf diesem Album von Trompeter Blue Mitchell, Pianist Walter Bishop Jr. und Paul Chambers am Bass; darüber hinaus markiert Capuchin Swing eine von Art Taylors sagenhaften 318 (!) Sessions als Sideman. Bis auf Bishop waren alle regelmäßige Gäste bei Aufnahmen für Blue Note; man kannte sich. Ira Gitler vermerkt dazu in seinen Liner Notes: „Taylor und Chambers sind der Albtraum jedes Kritikers. Was kann man über sie noch sagen, das nicht schon längst gesagt worden ist?“ Recht hat er. Selbst ich habe das Gefühl, dass bei gefühlt zwei von drei Alben auf NJF mindestens einer der beiden am Start ist – und ich bin erst ein paar Monate dabei.

 

Ähnlich wie das vor kurzem besprochene Winchester Special steht Capuchin Swing musikalisch fest im Hard Bop-Lager, ist aber erheblich intensiver und fiebriger. Während sich Winchesters entspanntes Album ohne Probleme als smarte Background-Mucke goutieren lässt, verlangt Capuchin Swing die volle Aufmerksamkeit des Hörers, weil es teilweise kantigeres Themenmaterial enthält und McLeans glühende, rastlose Soli die Nerven unaufmerksamer oder flüchtiger Zuhörer strapazieren könnten.

 

Ein Beispiel dafür liefert der Opener Francisco, eine Komposition McLeans und musikalische Verneigung vor Blue Notes Co-Produzent und Hausfotograf Frank „Francis“ Wolff. Formal ist es ein schneller Blues mit einem treibenden Puls, dessen 4/4-Swing im Turnaround von einem furiosen Latin-Beat unterbrochen wird. Das Thema wirkt fast wie eine Pflichtübung, bevor die Solisten zu längeren Flügen abheben. McLean spielt ein langes, ausschweifendes Solo; Pianist Bishop packt dazu eine regelrechte Blockakkord-Peitsche aus, mit der er seine Mitstreiter antreibt – auch sein eigenes Solo ist mit kräftigen Akkorden gewürzt. Trompeter Mitchell dagegen wirkt mit seinem entspannten, lyrischen Stil fast so, als würde er sich in diesem brodelnden Hexenkessel nicht sonderlich wohlfühlen. Mitchell ist einer meiner Lieblingstrompeter, aber sein Beitrag fährt die Temperatur des Stückes deutlich herunter. Ich will damit kein Werturteil fällen; ich habe lediglich das Gefühl, dass Lee Morgans selbstbewusste Extroversion oder Freddie Hubbards Aggressivität und Hunger der Musik vielleicht besser gestanden hätten.

 

Anders sieht die Sache bei Condition Blue aus, ein weiterer Blues aus der Feder des Leaders, dessen Thema fanfarenartig die Bühne freigibt für eine lange, straight und stark swingende Sequenz von Soli. Das Stück ist weniger schonungslos als Francisco; Mitchell, der sich hier mehr zu Hause fühlt, und McLean bilden einen reizvollen Kontrast – McLean erneut schneidend und intensiv, Mitchell dagegen geschmeidig und kontemplativ.

 

Das gilt sogar noch mehr für McLeans dritte Nummer, das Titelstück, das beinahe Ohrwurmqualitäten hat. Wie schon auf Francisco alternieren ein Latin-Beat und straighter Swing, aber die Stimmung ist heller und keiner der Solisten, auch Bishop bekommt zwei Chorusse, muss sich übermäßig strecken, um dem Material gerecht zu werden.

 

Just For Now und On The Lion, die kompositorischen Beiträge von Pianist Bishop, sind eingängiger Hard Bop und bieten thematisch vielleicht das prägnanteste Material der Platte. Besonders On the Lion, eine Hommage an Blue Notes Labelgründer Alfred Lion, kommt Mitchells gelassenem Spiel und samtigem Ton entgegen. Persönlich finde ich, dass der zurückhaltende Trompeter dem technisch brillianten Leader hier ein wenig die Schau stiehlt. Auch Bishop kriegt auf seinen Titeln reichlich Gelegenheit zu glänzen und tut dies mit einem rhythmisch treibenden Stil, der in den Soli immer wieder zwischen Single Note-Läufen und Blockakkorden wechselt. Verglichen mit jemandem wie Tommy Flanagan, der schwerelos über der Musik zu schweben scheint, ist Bishop eher Teil ihrer rhythmischen Architektur und sorgt für die Bodenhaftung der Stücke.

 

Don't Blame Me ist das Kuriosum des Albums – eingespielt nur von Klavier, Bass und Schlagzeug, dient es als Schaufenster für Bishop, während McLean und Mitchell eine rauchen. McLean wollte, so die Liner Notes, dem unterschätzten Pianisten eine Bühne bereiten; Fans des Saxophonisten werden das Album jedoch kaum wegen eines Features für Walter Bishop gekauft haben. Am Ende ist es egal: Das Stück liefert keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, richtet aber auch keinen wirklichen Schaden an.

 

Fazit: Capuchin Swing ragt letztlich aus der Vielzahl guter bis erstklassiger Hard-Bop-Sessions bei Blue Note nicht wirklich heraus, ist aber auch kein Rohrkrepierer. McLean steht unter Hochspannung und prägt das Album mit seiner Intensität. Blue Mitchell erdet die Höhenflüge McLeans mit seinem bluesigen, zurückhaltenderen Spiel. Die Rhythmusgruppe ist exzellent und Walter Bishop hört man auf Blue Note nicht oft (genau genommen: nur dreimal als Sideman). Das Material hat reichlich Energie, ist aber nicht immer maximal eingängig – von daher vielleicht nicht perfekt für den Erstkontakt mit Jazz.

 

Musik: ***1/2  bis  ****

 

Sound: klassischer Rudy van Gelder mit guter Durchhörbarkeit, aber stellenweise ein wenig grell. Keine Ahnung, ob das an der Aufnahme, der Pressung oder schlicht an McLeans Ton liegt, der bei mir Gedanken an Trockeneis hervorruft: Kalt, kann einen aber bei Berührung verbrennen.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Winter 2025/26 gut; veröffentlicht im Rahmen von Blue Notes Classic Vinyl Series.

 

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