Das Clearaudio N1 macht optisch, haptisch und klanglich eine gute Figur.
Clearaudio N1 MM-Tonabnehmer
In den letzten Monaten konnte man in den einschlägigen Publikationen viel Gutes über Clearaudios neuen Einstiegstonabnehmer N1 lesen. Musikalisch stimmig, elegantes Metallgehäuse mit Gewindebohrungen zur einfachen Montage – und das alles Made in Germany* für 99 €? What's not to like?
Für mich war es ohnehin Zeit für einen Wechsel: Mein DL-103 hat inzwischen einige hundert Stunden auf der Uhr und war von Anfang an am Rega RB303 nur eine Notlösung – ein Ersatz für ein seinerseits in die Jahre gekommenes 2M Silver von Ortofon. Warum Notlösung? Wirklich harmonisch war die Beziehung zwischen dem DL-103 und dem Rega-Arm nie. Der RB303 ist ein mittelschwerer Tonarm mit einer effektiven Masse von etwa 11 Gramm. Keine klassische Kombination für das DL-103, das sich traditionell an schwereren Armen deutlich wohler fühlt.
Das heißt übrigens nicht, dass das DL-103 am Rega gar nicht funktionierte. Seine charakteristisch runde, musikalisch stimmige Wiedergabe blieb auch am RB303 erhalten und gefiel mir in der Summe besser als das 2M Silver. Aber im Vergleich zu Systemen mit modernerem Nadelschliff, wie dem AT-OC9XML auf meinem Pro-Ject RPM 3, fehlte es dem DL-103 an Finesse. Gerade seine Basswiedergabe zeigte zwar welpenhafte Begeisterung, ließ aber spürbar Kontur und Präzision vermissen.
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Man muss Clearaudio eins lassen: Sie können smarte Verpackung. Das N1 kommt durch eine straffe Folie sicher fixiert in einem leichten, kleinen Pappkarton. Kein unnötiges Plastik, keine beeindruckenden Materialschlachten (außer beim Tonabnehmer, dazu gleich mehr) – man kann das System aus der Verpackung nehmen, ohne eine Schraube lösen zu müssen. Weiterhin liegen in der Verpackung zwei M2,5 Inbusschrauben, der passende Schlüssel und zwei QR-Codes mit Links zu der Bedienungsanleitung und dem Onlineshop von Clearaudio. Ich bin generell für die Vermeidung von unnötigem Papier, aber eine Art Minimalanleitung hätte man dem System schon beilegen können. Schließlich haben auch heute noch nicht alle ein Smartphone, und man sollte auch ohne Handy mitgeteilt bekommen, welche Auflagekraft man bei einem neuen System einstellen muss. Was dem System dagegen beiliegt, sind essentielle Sicherheitshinweise, die einen immerhin davor bewahren, sich mit dem Tonabnehmer lebensverändernde Verletzungen zuzufügen.
Schon bevor man das N1 aus der Packung holt, besticht es durch ein makelloses Finish, von dem sich viele Systeme, auch deutlich teurere, eine Scheibe abschneiden können. Der wahlweise schwarz oder silber eloxierte Alu-Body macht wirklich etwas her. Was er allerdings auch macht, und das fällt beim ersten Anfassen sofort auf, ist ordentlich Gewicht. Das System wiegt satte 12,5 g, damit ist es 50% schwerer als das DL-103 und fast doppelt so schwer wie das 2M Silver. Bevor jetzt jemand denkt, dass 4 g bei einem Tonabnehmer keinen großen Unterschied machen – Vorsicht! Da der Tonabnehmer am Ende eines langen Hebels sitzt, kann die Einstellung der Auflagekraft bei einem schweren System unmöglich werden. Hier wäre es mir fast passiert: Um die geforderten 2,2 g für das N1 auf dem RB303 einzustellen, musste ich das Gegengewicht des Arms so weit nach hinten (zum Tonarmende) verschieben, dass es mir beinahe vom Arm gerutscht wäre. Nicht ideal, denn dadurch erhöht sich das Trägheitsmoment des Arms. Vereinfacht gesagt reagiert er so weniger feinfühlig auf Unebenheiten der Plattenoberfläche.
Die Lösung ist in solchen Fällen ein schwereres Gegengewicht. Das gibt es, aber man lässt sich bei Rega gut dafür bezahlen: Das Tungsten Extra Heavy kostet knapp 300 €. Die Bestellung nimmt aber erstens kostbare Zeit in Anspruch, die der Audio-Junkie ja nicht immer hat, und zweitens geht es auch günstiger. Für wenige Cent bekommt man nämlich im örtlichen Baumarkt Unterlegscheiben mit 13-mm-Bohrung, deren Gewicht vom Außendurchmesser abhängt. Ich habe eine 37-mm-Scheibe benutzt und so die Masse meines Gegengewichts um 21 g erhöht, das passt wunderbar. Für ein stimmigeres Gesamtbild habe ich die Unterlegscheibe schwarz lackiert (siehe Bild).
Wer sich für das N1 interessiert, sollte noch eine Sache wissen: Die Ausgangsspannung des Systems ist mit 2,9 mV ausreichend für die meisten MM-Eingänge, aber keineswegs üppig. Ein Ortofon aus der 2M-Reihe bringt es auf über 5 mV, die meisten Audio-Technicas liefern um die 4 mV. Im ersten Moment kommt einem das N1 recht leise vor, weil man für die gewohnten Lautstärken das Poti des Verstärkers weiter aufdrehen muss, aber dafür ist es schließlich auch da. Ein Problem bekommt man eigentlich nur dann, wenn die MM-Stufe schlecht designt ist und rauscht oder leblos klingt. Das ist heute jedoch nur noch selten der Fall, und im Grunde tut man sich selber keinen Gefallen, wenn man mit solchen Gurken hört.
Das N1 ist kein kleines System, und Rega-Arme lassen keine Höhenverstellung zu. Da das Tonarmrohr beim Abspielen trotzdem keine nennenswerte Abweichung von der Horizontalen zeigte, habe ich auf die Fummelei mit Spacern verzichtet. Der Einbau des Systems schließlich gestaltete sich durch farbig codierte Anschlusspins und eine gerade Front einfach. Selbst das Ausbalancieren der Auflagekraft war ja nicht schwer, auch wenn dafür das Gegengewicht am Tonarm weit nach hinten wanderte. Die Mühe beim Einbau lohnt sich: Obwohl das N1 auf dem Papier einen eher simplen elliptischen Nadelschliff trägt, zeigte es sich als veritables Abtastmonster. Auf der Ortofon-Testplatte schaffte es die 80 µm locker, das konnten weder das DL-103 noch das 2M Silver oder Transrotor Uccello.
Auch musikalisch überzeugt es auf ganzer Linie: Es klingt wirklich erstaunlich (gemessen am Preis) fein, neutral und gut sortiert. Das zeigte sich schon unmittelbar nach dem Einbau, hat sich aber jetzt nach ca. 20 Stunden noch konkretisiert. Und das bei einer breiten Palette von Musik: Bei The Amazing Bud Powell Vol. 2, eingespielt zwischen 1949 und 1953, konnte es naturgemäß schlecht mit Durchzeichnung, Feinauflösung und Stereodarstellung begeistern, aber auch eine so historische Aufnahme profitiert von sauberer Wiedergabe und dieses Album machte mit dem N1 richtig Spaß. Das galt genauso für den kürzlich veröffentlichten Hard-Bop-Kracher First Flight to Tokyo von Art Blakey und den Jazz Messengers. Die Aufnahme ist merklich besser, und hier konnte das N1 auch mit Tugenden überzeugen, wie sie von Audiophilen diskutiert werden: Es vermittelte glaubhaft eine mitreißende Live-Atmosphäre. Jymie Merritts Kontrabass besaß genauso viel Wucht wie über das DL-103, aber deutlich mehr Kontur. Die Klangfarben von Wayne Shorters Tenorsaxophon und Lee Morgans Trompete wirkten so realistisch, dass man, wenn man aus einem angrenzenden Raum hörte, fast glauben konnte, es mit echten Musikern zu tun zu haben.
Aber der Mensch lebt nicht vom Jazz allein. Auf Moving Pictures von Rush bekommt man bisweilen, zum Beispiel auf YYZ, ziemlich dichte Instrumentalstrukturen, die das N1 aber nie vor Probleme stellten. Es verlor in keiner Sekunde die Übersicht, gab Neil Pearts hyperaktives Schlagzeugspiel in all seiner Komplexität fein aufgelöst und rhythmisch auf den Punkt wieder; Impulse verschmierten nie. Seine Fähigkeit zur Vermittlung von Atmosphäre konnte das System dann bei Aufnahmen wie James Blakes Trying Times und Peter Gabriels Scratch my Back /And I’ll Scratch Yours demonstrieren. Aus Details wie feinen Rauminformationen, Hallfahnen und kleinen dynamische Abstufungen baute es einen nachvollziehbaren Klangraum, der auch dann stabil blieb, wenn die Aufnahme komplexer wurde.
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Ist das N1 für 99 € also wirklich ein besseres System als Denons DL-103 für mehr als den dreifachen Preis? Das kann man so pauschal nicht sagen. Es ist ein modernes MM-System mit feinerem Schliff und löst vielleicht besser auf – Instrumente erscheinen klarer voneinander getrennt und komplexe Passagen sind leichter zu verfolgen. Zudem passt seine mittlere Nadelnachgiebigkeit zu fast jedem gängigen Tonarm. Das DL-103 dagegen hat einen schwer fassbaren, musikalischen Fluss, und es ist kein Zufall, dass es überall auf der Welt Leute gibt, die darauf schwören. Es ist jedoch eine Konstruktion aus den frühen 1960er-Jahren. Sein Ruf beruht nicht darauf, in jeder Disziplin Bestwerte zu erzielen, sondern auf seinem sehr stimmigen Gesamtcharakter. Aber wie eigentlich alle Tonabnehmer kann es nur dann wirklich überzeugen, wenn der Tonarm passt. Im Grunde höre ich bei mir also in erster Linie keinen „besseren“ Tonabnehmer, sondern eine mechanisch harmonischere Kombination aus RB303 und einem sorgfältig konstruierten MM-System mit passender Nadelnachgiebigkeit. Dennoch bleibt festzuhalten: Das N1 ist eine echte Granate.
Fazit: Für unter 100 € bietet Clearaudios N1 eine Anfassqualität, die für den aufgerufenen Preis absolut außergewöhnlich ist. Auch der Klang des N1 überzeugt bei jeder Musik und macht das System zu einem echten Allrounder. Solange man das hohe Gewicht von 12,5 g ausbalancieren kann und die Phonostufe ausreichend Gain für die etwas niedrigen 2,9 mV Ausgangsspannung liefert, kenne ich in dieser Klasse nichts Besseres – auch nicht zum doppelten Preis.
*P.S.: Nicht komplett. Der Generator wird von Audio Technica zugeliefert.
Das N1 ist so schwer, dass es mit dem unmodifizierten RB303 gerade noch auszubalancieren war (links). Ein derart weit hinten sitzendes Gegengewicht erhöht jedoch das Trägheitsmoment des Tonarms. Eine 13-mm-Unterlegscheibe vom Baumarkt löste das Problem.
Links: die bewährte Testplatte von Ortofon. Mitte: Clearaudios smarte Verpackung. Rechts: die Tonarmhöhe des RB303 passt auch mit dem N1.
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